Georg Ratzinger ist tot – Was folgt daraus? Und wieder einmal von Benedikts Rücktritt. (6 von 6)

Eine Erpressung wäre nie und nimmer erfolgreich gewesen, wenn sie nicht Benedikt selbst, sondern nur seinen Bruder betroffen hätte. Denn lesen wir die Ratzinger-Zeilen weiter, so zeigen sie tief gehende und bedrohliche Konflikte auf:

Wir können vielmehr ohne Bild zu unserer eigenen Situation zurückkehren und sagen: Wenn der Glaubende nur immer über dem Ozean des Nichts, der Anfechtung und der Fragwürdigkeit seinen Glauben vollziehen kann, den Ozean der Ungewissheit als den allein möglichen Ort seines Glaubens zugewiesen erhalten hat, so ist doch auch umgekehrt der Ungläubige nicht undialektisch als bloß Glaubensloser zu verstehen. So wie wir bisher erkannt hatten, dass der Gläubige nicht fraglos dahinlebt, sondern stets vom Absturz ins Nichts bedroht, so werden wir jetzt das Ineinandergeschobensein der menschlichen Geschicke anerkennen und sagen müssen, dass auch der Nichtglaubende keine rund in sich geschlossene Existenz darstellt.[1] […]

Warum dieser Pathos? Warum diese Dramatik? Was bedeutet „das Ineinandergeschobensein der menschlichen Geschicke“? Welcher Geschicke? Mit welchem Geschick ist das Geschick Joseph Ratzingers so verbunden, dass er das Wort „Ineinandergeschobensein“ dafür erfinden musste? Geht es um seinen Bruder oder um jemand anderen? Wir haben im Jahre 1968 einen Josef Ratzinger, der nach außen hin völlig abgesichert und stabil wirken kann.

  • Er ist Priester, abgesichert durch die Kirchensteuer.
  • Er ist ein beamteter Hochschulprofessor, abgesichert durch den Beamtenstatus, die Steuer und die Kirchensteuer.
  • Er ist ein Startheologe der absolut richtigen nachkonziliaren Wende.
  • Er ist ein berühmter Konzilsperitus.

Wenn er also dermaßen dramatisch schreibt, dann muss es dabei um sein Privatleben gehen das, „stets vom Absturz ins Nichts bedroht“ ist. Dies muss wohl auch seinen Bruder betroffen haben, da Ratzinger diese Bruder-Parallele ansonsten nicht verwendet hätte. Aber lesen wir weiter, denn es wird noch besser:

Wie es dem Glaubenden geschieht, dass er vom Salzwasser des Zweifels gewürgt wird, dass ihm der Ozean fortwährend in den Mund spült, so gibt es auch den Zweifel des Ungläubigen an seiner Ungläubigkeit. […] Sowie also der Gläubige sich fortwährend durch den Unglauben bedroht weiß, ihn als seine beständige Versuchung empfinden muss […] Mit einem Wort – es gibt keine Flucht aus dem Dilemma des Menschseins. Wer der Ungewissheit des Glaubens entfliehen will, wird die Ungewissheit des Unglaubens erfahren müssen, der seinerseits doch nie endgültig gewiss sagen kann, ob nicht doch der Glaube die Wahrheit sei. Erst in der Abweisung wird die Unabweisbarkeit des Glaubens sichtbar.[2]

Man merkt an diesen Zeilen, dass Joseph Ratzinger im Jahre 1968 wirklich kaum Kontakte mit Menschen oder seelsorgliche Erfahrung hatte, denn hätte er ein paar Ungläubige wirklich kennengelernt, so würde er wissen, dass sie mit keinen Zweifeln zu kämpfen haben sondern hedonistisch-zufrieden vor sich hin leben und glauben, dass mit dem Tod alles aus ist und falls nicht, dann waren sie doch gute Menschen. Aber kein Gläubiger wird „vom Salzwasser des Zweifels gewürgt“, was einen Dauerzustand anzudeuten scheint. DSDZ hatte zwar fortwährend Fragen zu seiner persönlichen Existenz, die recht wundersam verlaufen ist und verläuft, aber er hatte wirklich noch nie Zweifel an den Glaubenswahrheiten, die ihm nach wie vor wie ein mathematisch-logisch feststehendes System vorkommen, die er immer mehr erkennt und gleichsam wahrnimmt. Die Gläubigen, die er kennt, haben ebenso wenig mit ständigen Glaubenszweifeln zu kämpfen, es sei sie leben fortwährend in einer schweren Sünde, die meist sexueller Natur ist. Da verschiebt sich tatsächlich alles, da sieht man das Gesamtsystem nicht, da fängt man an sich irgendetwas fortwährend zurecht zu stutzen. Das ist wirklich ein Dilemma, aber kein Dilemma des Menschseins, sondern ein Dilemma des gelebten Doppellebens. Der Glauben ist gar nicht so ungewiss und viel weniger dramatisch. Die Kirchenlehrer und die Kirchenväter sprechen von der „Erleuchtung“, von der Erlangung eines neuen Glaubenssinns, den man tatsächlich wieder verlieren kann, wenn man in die Todsünde fällt. Dann wird alles dunkler, dreckiger und verworrener. Der Satz:

Erst in der Abweisung wird die Unabweisbarkeit des Glaubens sichtbar

ist unsinnig und logisch widersprüchlich, denn wenn „Abweisung“ p ist, dann ist „Unabweisbarkeit“ nicht-p und p und nicht-p könne niemals einander gleichgesetzt werden, denn dies wäre die Aufhebung des Satzes vom Widerspruch. Joseph Ratzinger bringt in diesen seinen Zeilen, die er, leider Gottes, als Theologieprofessor in Münster verbreitet hat, ständig die fides qua, wörtlich: „den Glauben, mit dem geglaubt wird“, d.h. den Gläubigen selbst oder den Glaubensakt, und fides quae, wörtlich: „den Glauben, dem geglaubt wird“, d. h. den Glaubensinhalt durcheinander. Denn, wenn man kein Mathe kann, dann gelten die mathematischen Prinzipien immer noch. Wie also aus den oben zitierten Ratzinger-Zeilen hervorgeht, war der junge Ratzinger eine tief dramatische und in sich gespaltene Persönlichkeit, die sich mit Glaubenszweifeln herumplagte. Es brodelte etwas tief in ihm und in seinem Bruder wohl auch, um den sich Joseph Ratzinger Sorgen machte. Vielleicht hatten die beiden gleiche Neigungen und gleiche Geheimnisse. Vielleicht ist Benedikt XVI. mit solch einem Aufwand nach Deutschland gereist, um sich von seinem Bruder versichern zu lassen, dass bestimmte Materialien tatsächlich vernichtet worden sind oder dem Bruder zu versichern, dass er – Benedikt – alles vernichten ließ. Denn war dieser Aufwand verhältnismäßig, um ein sterbendes Familienmitglied zu sehen?   Aus jeglicher Sicht war er es nicht.

  • Nicht aus der Perspektive der Gesundheit und der Lebensverlängerung von Benedikt selbst, denn diese Reise war sicherlich sehr strapaziös.  
  • Nicht aus der Perspektive des Ansehens von Benedikt als einen frommen und gütigen Papst, denn diese Reise war recht exzentrisch.
  • Nicht aus der Perspektive des Ansehens des Vatikans, da sie bestätigt, dass der Vatikan mit Geld um sich schmeißen kann.
  • Nicht aus der Perspektive der angeblichen Gefährlichkeit des Corona Virus.
  • Nicht aus der Perspektive der Gleichheit aller vor dem Recht, vor Gott und vor Corona.
  • Nicht aus der Perspektive der sozialen und finanziellen Verantwortung, da diese Reise sehr kostspielig war und den beteiligten Staaten hohe Kosten verursachte.
  • Nicht aus der Perspektive eines eventuellen pastoralen Nutzens, denn es war ein Privatbesuch, der keiner war.
  • Nicht aus der Perspektive der Kirchengeschichte, denn kein bisheriger Papst oder ein Papst, der tatsächlich zurückgetreten ist, hat sich so etwas geleistet.

Welche Schlussfolgerung wir auch aus der Visite Benedikts in Regensburg ziehen wollen, so bleibt der Grundsatz bestehen, dass, falls Benedikt zu seinem Rücktritt erpresst wurde, wovon wir hier ausgehen, seinen Rücktritt nicht gültig ist und er weiterhin Papst bleibt.


[1] Ratzinger, Joseph, Einführung in das Christentum, Weltbild 2000 [Erstveröffentlichung München: Kösel 1968], 38.

[2] Ebd., 39.

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