Tradition und Glauben

Hl. Thomas über die Richtergewalt Christi, Tertia pars, q. 59, art.5

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Tertia Pars, Quaestio 59

Fünfter Artikel. Es gibt nach dem besonderen Gerichte hier in der Zeit noch ein allgemeines am Ende der Zeiten.

a) Dagegen spricht Folgendes:

I. Lohn und Strafe wird verteilt im besonderen Gerichte nach dem Tode eines jeden, nach Luk. 23.: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein;“ und Luk. 16.: „Der reiche ist gestorben und in der Hölle begraben worden.“ Also ist ein allgemeines Weltgericht unnötig. II. Nahum 1, 9. heißt es: „Es soll nicht zweimal dasselbe vor Gericht gezogen werden.“ Zeitliches und Geistiges aber wird gerichtet von Gott hier in der Zeit. III. Lohn und Strafe entspricht der Tugend und der Sünde, dem Verdienste und dem Mißverdienste. Dieses Beides gehört aber der Seele an und dem Körper nur als dem Werkzeuge der Seele. Also wird kein zweites Gericht erfordert, damit der Mensch in seinem Körper bestraft werde. Auf der anderen Seite sagt der Herr Joh. 12.: „Das Wort, welches ich gesprochen, wird ihn richten am letzten Tage.“ Also am jüngsten Tage wird ein Gericht sein.

b) Ich antworte, ein endgültiges Urteil könne über eine an sich veränderliche Sache nicht früher abgegeben werden als diese vollendet vorliegt. Und so kann über eine Handlung nicht eher abschließend gerichtet werden, bis dieselbe ganz und gar, sowohl in sich als auch in allen ihren Folgen, vorliegt; denn manche Handlungen erscheinen im ersten Augenblicke als nützlich, die sich in ihren Wirkungen als schädlich erweisen. Ähnlich kann über einen Menschen nicht vollgültig geurteilt werden, ehe sein Leben zu Ende gegangen ist, da er vielfach sich ändern, aus einem schlechten ein guter, und umgekehrt, werden kann. Deshalb sagt der Apostel (Hebr. 9.): „Es ist bestimmt dem Menschen, daß er einmal sterbe und nach dem Tode folgt das Gericht.“ Nun wird durch den Tod wohl das Leben des einzelnen Menschen in sich selbst betrachtet beendet; es bleibt aber immerhin in Einigem von der Zukunft abhängig: 1. Insofern der Mensch weiter lebt im Gedächtnisse der Menschen und so manchmal zu Unrecht und gegen die Wahrheit eines guten oder schlechten Rufes genießt; — 2. insofern er Kinder hinterläßt, die gleichsam dem Vater als Eigentum zugehören, nach Ekkli. 30.: „Gestorben ist der Vater und er ist nicht gestorben; denn einen sich ähnlichen Sohn hat er hinterlassen;“ — 3. insofern die Wirkung dessen verbleibt, was er gethan; wie z. B. vom Truge des Arius und anderer her der Irrtum fließt unter die Menschen bis zum Ende der Welt und aus den Worten der Apostel der Glaube; — 4. insofern der Leib manchmal ehrenvolle Bestattung erhält oder nicht, und doch schließlich immer in Staub verfällt; — 5. insofern der Mensch seine Neigung zeitlichen Dingen zugewandt hat, von denen manche schneller vorübergehen, manche länger bleiben. Alles dies unterliegt der Wertschätzung des göttlichen Gerichts. Und somit kann darüber ein vollständig vollendetes Urteil nicht abgegeben werden, so lange der Lauf dieser Zeit andauert. Deshalb muß am Ende der Zeiten ein letztes Gericht sein, in welchem Alles, was auf jeden Menschen irgendwie sich bezieht, vollkommen und in einer allen offenbaren Weise gerichtet wird.

c) I. Manche meinten, endgültig werde weder Lohn noch Strafe vor dem letzten Gerichte gegeben. Doch das ist falsch, nach 2. Kor. 5, 8., wonach es dasselbe ist: „pilgern mit dem Körper“ und: „wandeln im Glauben“ einerseits, und: „gegenwärtig sein vor Gott“ und: „Gott schauen kraft seines Wesens“ (per speciem) andererseits. Die endgültige Seligkeit aber besteht im Anschauen des göttlichen Wesens (nach Joh. 17.). Mit Rücksicht also auf das Schicksal der vom Leibe getrennten Seele wird der Lohn für die Verdienste nicht verschoben. Weil aber es manchmal Anderes noch giebt, was den einzelnen Menschen angeht und was sich durch den ganzen Zeitverlauf fortzieht; so muß dies auch vor allen offenbar gerichtet werden und danach ist das letzte Gericht. Obgleich nun gemäß diesen Dingen der Mensch weder verdient noch mißverdient, so gehören sie doch zu seinem Lohne oder zu seiner Strafe; es sind diese Dinge wie fortlaufende Zinsen eines Kapitals, das man in Sicherheit hat, die dann am Ende ausbezahlt werden. II. Nicht ein und dasselbe richtet der Herr zweimal; sondern unter verschiedenen Gesichtspunkten. III. Lohn und Strafe des Körpers hängt allerdings ab von dem Lohne oder der Strafe der Seele. Weil aber die Seele nicht an und für sich, sondern nur auf Grund der Verbindung mit dem Körper veränderlich ist; so hat sie nach der Trennung vom Körper einen unveränderlichen Zustand und empfängt so ihr endgültiges Urteil. Der Körper aber unterliegt der Veränderung bis zum Ende der Zeiten; und somit wird Lohn oder Strafe für ihn verschoben bis zum Ende der Zeiten.

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