Grant Gallicho, Der wundersame Fall des Carols Urrutigoity (1)

Die Absetzung von Bischof Livieres

Anfang Juli [2019] gab der Vatikan bekannt, dass er Ermittler in die Diözese Ciudad del Este in Paraguay senden werde. Die Apostolische Visitation wurde auf Grund von Klagen örtlicher Bischöfe und Laien veranlasst nachdem in den Medien verlautet war, dass ein Argentinischer Priester, welcher der sexuellen Belästigung von High-School-Studenten beschuldigt wurde, von Bischof Rogelio Livieres in Cidudad del Este willkommen geheißen worden – und zum Generalvikar befördert worden war, [dies ist die] zweithöchste Stellung [in] der Diözese.

Wochen später enthüllte der Vatikan, dass Fr. Carlos Urrutigoity von seiner Position als Generalvikar entfernt worden war und – in einem ungewöhnlichen Schritt – der Heilige Stuhl Bischof Livieres vorläufig die Erlaubnis entzog, jemanden zu ordinieren[1] Als Antwort darauf veröffentlichte die  Diözese Ciudad del Este eine lange, eindrucksvolle Verteidigunsschrift bezüglich Urrutigoity und Livieres. Die auf der Website der Diözese veröffentlichte Stellungnahme behauptet, dass Urrutigoity unschuldig sei, dass er und der Bischof die Opfer einer Verleumdungskampagne seien, dass sein voriger Bischof seiner Versetzung nach Paraguay zugestimmt habe, und dass er mit der Empfehlung einiger Kardinäle gekommen sei – einschließlich Kardinal Ratzinger, der bald danach zum Papst Benedikt XVI. gewählt wurde.

Die Gegendarstellung der Diözese erwies sich als vergeblich, denn Ende September gab der Heilige Stuhl bekannt, dass Papst Franziskus Livieres als Bischof von Ciudad del Este abgesetzt hatte.[2]

Urrutigoity in den Gerichtsakten

In einem Gerichtsverfahren auf Bundesebene [der USA] im Jahr 2002 behauptete der Kläger, dass Urrutigoity und ein anderer Priester, Eric Ensey, ihn unter dem Vorwand „geistlicher Führung“ sexuell belästigt hätten. Er beschuldigte Enesy ihn missbraucht zu haben, als er in der Diözese Cranton, Pennsylvania, an der High School studierte, und er beschuldigte Urrutigoity sexueller Verfehlungen nachdem er das Examen gemacht hatte und erwägte, Priester zu werden. (Es wurde keine Strafanzeige gestellt, weil die Angelegenheit verjährt war.) Zusätzlich zu den Missbrauchsvorwürfen wird in verschiedenen eidesstattlichen Erklärungen, die im Zusammenhang mit der Klage abgegeben wurden, behauptet, dass die Priester oft minderjährigen Jungen Alkohol anboten und regelmäßig ihr Bett mit ihnen teilten. Der damalige Bischof, James Timlin, suspendierte schließlich beide Kleriker, und die Diözese einigte sich außergerichtlich für etwa vierhunderttausend Dollar. Der Fall erschütterte die Diözese jahrelang, nicht nur wegen der schockierenden Anschuldigungen des Klägers, sondern auch, weil die beschuldigten Priester in Scranton nicht ortsansässig waren. Bischof Timlin hatte sie eingeladen.

Eine Durchsicht hunderter Seiten von Gerichtsakten – einschließlich privater Korrespondenz, Amtsenthebungen und eidesstattlicher Erklärungen – macht klar, dass der Fall Urrutigoity einer der kompliziertesten war, der in den Skandalen der Missbrauchswelle von 2002 auftrat. Er zieht sich über drei Jahrzehnte, zwei Kontinente, drei Länder und drei [Bundes-] Staaten [Amerikas]. Er umfasst zahlreiche Bischöfe, einige Diözesen und hochrangige vatikanische Amtsträger. Der Aufstieg des Priesters zu Bekanntheit zeichnet getreu das wachsende Bewusstsein der Kirche für die Schwere des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nach. Anklagen [sexueller] Verfehlungen sind ihm von Argentinien nach Pennsylvanien gefolgt. Das ist es, was sein erneutes Erscheinen in Ciudad del Este – wo der Bischof ihn die Ausbildung im Seminar begleiten ließ bevor er ihn zum Generalvikar beförderte – so schwer zu verstehen macht. Wie konnte ein katholischer Priester mit einer solchen Lebensgeschichte als Zweitverantwortlicher in einer Diözese enden – und das 2014?


[1] Die Originalfassung dieser vatikanischen Veröffentlichung deutet irrtümlich an, dass es der Vatikan war, der Urrutigoity vom Posten des Generalvikars entfernt hat. Es scheint aber, dass diese Entscheidung Bischof Livieres getroffen hat.

[2] Dieser Satz wurden eingefügt, nachdem Livieres von seinem Posten entfernt wurde.

Quelle

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2 Gedanken zu „Grant Gallicho, Der wundersame Fall des Carols Urrutigoity (1)

    1. @ Maria Magdalena

      Ok, berichtigt. Ein Link führt immer noch ins Leere, weil sich wohl dieser Artikel in einem bezahlten Archiv einer Zeitung befindet. Der Aufsatz stammt ja aus dem Jahre 2014, da kann schon manches nicht auffindbar sein.

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