Kardinal Pell oder die kollektive Wirklichkeitsverweigerung

Je mehr man über Kardinal Pell liest und weiß, desto mehr wird man in der Überzeugung von seiner Schuld bestätigt. Somit stellt sich die Frage, wie die katholischen Medien, in Pells Fall so tendenziell und tendenziös sein können? Wir sagen nicht direkt, dass sie lügen. Denn lügen kann man nur dann, wenn man das sicher gewusste Gegenteil behauptet und da wir alle bei dem letzten mutmaßlichen Pell-Missbrauch, wofür er allerdings rechtskräftig verurteilt wurde, nicht dabei gewesen sind, so können wir alle diesbezüglich nicht lügen, sondern lediglich das eine oder andere mutmaßen. Während die Urteilsbegründung des australischen Appellationsgerichts sehr logisch kurz und stringent ist, so ist die Darstellung Pells in den katholischen Medien es wirklich nicht. So gibt kath.net den Inhalt eines Artikels aus National Catholic Register wieder, wo Pells Initiative the Melbourne Response für die Missbrauchsopfer hoch gelobt wird.

Bei näherem Hinsehen stellt man allerdings fest, dass der Verfasser des Pell-Lobes, Father de Souza, nicht direkt lügt, sondern die ganze Angelegenheit recht einseitig darstellt. Die australischen weltlichen Medien, wie auch die britische The Guardian, sehen jedoch die Melbourne Response ganz anders. Als eine Initiative nämlich, welche den Opfern recht kleine Beiträge auszahlte und sie entmutigte zur Polizei zu gehen oder den Rechtsweg gerichtlich zu beschreiten. Unter anderen aus diesen Gründen fordert man in Australien diese Initiative fallen zu lassen. Es ist nicht verwunderlich, dass die katholischen, amerikanischen Mainstream-Medien die Vorgehensweise Pells loben, da man in den USA, insbesondere in der Erzdiözese Boston, siehe den Film Spotlight und die Erkenntnisse der Boston Globe, dieselbe Taktik verfolgte. Man zahlte wenig, die Opfer unterschrieben eine Verzichtserklärung und versprachen die Angelegenheit nicht weiterzuverfolgen. “Ein Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach”, zumal man gegen hochbezahlte Anwälte einer amerikanischen oder australischen Erzdiözese hätte auftreten müssen. In D-A-CH ist es ja nicht anders.

Aber lesen wir die Argumente von kath.net/NCR weiter und stellen uns einige Fragen dazu:

Pell wurde 1987 Weihbischof von Melbourne und 1996 Erzbischof der Diözese. Nur 75 Tage später richtete er die so genannte „Melbourne Response“ für Opfer von sexuellem Missbrauch ein, erinnert de Souza. […]

De Souza gibt drei Gründe an, die Kardinal Pell dazu veranlasst haben dürften, als einer der ersten Bischöfe eine Missbrauchsstelle in seiner Diözese einzurichten.

Erstens habe Kardinal Pell sexuellen Missbrauch durch Kleriker wiederholt als „abscheulich“ bezeichnet. Er sei bereit gewesen, entsprechende disziplinäre Maßnahmen zu ergreifen.

Zweitens habe er als Weihbischof von Melbourne gesehen, wie schlecht sein Vorgänger mit Missbrauchsfällen umgegangen sei. Als er selbst Erzbischof geworden sei, wusste er wie die Erzdiözese funktioniere und wo dringender Handlungsbedarf bestand.

Wenn aber Pell seit 1987 der Weihbischof der Diözese war, warum hat er den Bischof Ordinarius nicht zum Positiven beeinflusst, sondern wartete 9 Jahre lang auf sein eigenes Programm? Warum hat er selbst Ridsdale 1977, 1982 weiter versetzt und begleitete ihn, wie wir bereits schrieben, zu seinem Prozess, wenn

“der sexuellen Missbrauch durch Kleriker [so] „abscheulich“ sei, [… dass Pell] bereit gewesen [sei], entsprechende disziplinäre Maßnahmen zu ergreifen.”

War das Weiterversetzen eines pädophilen Priesters und die moralische Unterstützung beim Prozess die “entsprechende disziplinäre Maßnahme” gewesen?

Aber lesen wir weiter:

Auch in anderer Hinsicht war Kardinal Pell ein Pionier, schreibt de Souza. 2002 war er mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe 1961 einen Knaben bei einem Sommerlager missbraucht. Pell war damals Erzbischof von Sydney. Er unterwarf sich dem Prozess, den er für die Priester seiner Erzdiözese eingerichtet hatte und legte die Leitung des Erzbistums zurück. Der Fall wurde von einem unabhängigen pensionierten Richter untersucht. Pell wurde von den Vorwürfen freigesprochen und übernahm 2002 wieder die Leitung der Erzdiözese.

Das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus. Ein Bischof wird von seinen eigenen Untergebenen untersucht, in einem Prozess, den er selbst eingerichtet hat. Und? Erraten? Ja, er wird freigesprochen, weil alle dermaßen unabhängig gewesen sind. Er dankt darauf hin nicht ab, erschüttert von der Schwere der “Verleumdungen”, sondern legt die Leitung der Diözese kurzfristig nieder und nimmt sie wieder auf. Dickes Fell, George.

Und warum wurde er nicht verurteilt? Weil es keinen Grund dazu gab oder deswegen, weil er im Vatikan so einflussreich gewesen ist, denn, so Souza:

Drittens war Kardinal Pell seit 1990 Mitglied der Glaubenskongregation. Während der 1990er-Jahre arbeitete Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation an einer Reform des Umgangs mit klerikalem Missbrauch, die in der Entscheidung von Papst Johannes Paul II. gipfelte, alle Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch die Glaubenskongregation untersuchen zu lassen. Kardinal Pell kannte daher die globalen Ausmaße des Problems früher als die meisten anderen Bischöfe.

Und wie Pell “das Ausmaß des Problems” kannte. Wenn man bedenkt, dass wohl einige Mitglieder der Glaubenskongregation “das Ausmaß des Problems” aus eigener Erfahrung kannten, so ist es nicht verwunderlich, dass so lange nichts unternommen wurde und weiterhin nichts unternommen wird, siehe der letzte bergoglianische Missbrauchsgipfel. Die australischen Medien gehen mit Pell wirklich hart ins Gericht, was angesichts der Schwere der Vorwürfe wirklich nicht verwundert. Aber müssen wir, Katholiken, wirklich die Wirklichkeit dermaßen leugnen? Der kath.net Titel: Kardinal Pells Kampf gegen Missbrauch in der Erzdiözese Melbourne liest sich wirklich wie blanker Hohn, wenn man über das Ausmaß des Missbrauchs unter Pell, ja auch durch Pell, Bescheid weiß, denn neue-alte Anschuldigungen gegen ihn kommen in den letzten Monaten hervor. Wie kann man denn behaupten, dass Pell unschuldig ist, wie es das Crisis Magazine tut?

Warum verteidigt man Pell?

Nun, vom psychologischen Standpunkt abgesehen, wonach die “eigenen Leute” immer die Guten sind, wahrscheinlich deswegen, weil er immer noch recht mächtig ist und in der angelsächsischen Welt als der “gute, johanneisch-paulische Konservative” geachtet wird. Aber wohl auch deswegen, weil viele Pell-Verteidiger wider besseren Wissens die Katholiken unter Bergoglio noch mehr spalten wollen. Wir haben nämlich zurzeit die folgenden Parteien:

  • Bergoglianer und Antibergoglianer
  • Ratzingerianer und Benevakantisten und Anti-Benevakantisten
  • Homo-freundlichen und Homo-unfreundlichen
  • Amazonas-Befürworter und Gegner
  • Pellianer und Anti-Pellianer
  • Wer weiß wen alles noch?

Schon  C. Northcote Parkinson, der Erfinder der Parkinsonschen Gesetze wußte, dass:

„Die auf einen Tagesordnungspunkt verwendete Zeit ist umgekehrt proportional zu den jeweiligen Kosten.“

“Parkinson schildert die Sitzung eines Finanzausschusses, in der es um die Bewilligung der Gelder für einen Atomreaktor (10 Mio. $, Diskussionsdauer 2½ Minuten), einen Fahrradunterstand (2.350 $, 45 Minuten) und Kaffee für die Sitzungen eines anderen Ausschusses (monatlich 4,75 $, 1¼ Stunden) geht”, so die Wikipedia.

In unserem Falle bedeutet es, dass die Leute auch mitreden wollen, ohne Ahnung zu haben, wofür sie ja gloria.tv haben. Da sie kaum über so Wichtiges wie die Theologie oder das australische Rechtssystem Bescheid wissen, so reden sie über Pell, von dessen Unschuld sie

aus dem tiefsten Herzen überzeugt sind. Weil katholische Kardinäle “so etwas” nicht tun.

Es ist sinnlos mit jemanden eine rationale Diskussion zu führen, der zu keiner rationalen Schlussfolgerung in der Lage ist. Aber katholische Journalisten und Medienmenschen wissen schon, was sie tun und was sie auch verschweigen. Vielleicht stellt hinter all dieser Pell-Apologie noch eine andere Agenda, die noch dreckiger ist? Vielleicht betrifft dieser Vorwurf so viele “konservative” Kardinäle oder künftige Kardinäle, denn McCarrick war ja liberal, dass man gleich die katholischen Massen gegen die kommenden Vorwürfe immunisieren möchte? Wahrscheinlich ist es das. Denn in einem Staat in den USA wurde schon eine RICO-Anklage erhoben und in Australien übernahm der Staat durch die Royal Commission die Aufklärung des klerikalen Missbrauchs, was mit der Verurteilung Pells geendet hat. Es kann also noch etwas kommen und man sorgt vor, um nicht von den eigenen Gläubigen und Spendern gelyncht zu werden. Tja, es ist nicht einfach ein Katholik zu sein. Aber jemand muss ja.

PS. Vorgestern wurden wir gehackt und der kostenpflichtige Pell-Artikel  fand seinen Weg in die nicht zahlende Öffentlichkeit, was wir wahrscheinlich unseren Katzen-Video-Freunden von gloria.tv zu verdanken haben. Dies ist aber eine gute Nachricht, dass unsere Beiträge so originell und einzigartig sind, dass sie gehackt werden. Soviel zu katholischen Ethik, Zahlungsmoral und Wohlwollen. Wir machen dennoch weiter, weil es sich lohnt, zumal die betreffende Sicherheitslücke geschlossen wurde.

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