Katharina von Genua: Traktat über das Fegefeuer (20 von 21)

Schreiben der päpstlichen Glaubenskongregation zu Fragen der Eschatologie

… Die Verantwortlichen (in der Kirche) müssen allem große Aufmerksamkeit schenken, was im allgemeinen Bewußtsein der Gläubigen eine allmähliche Verfälschung und eine fortschreitende Auflösung irgendeiner Wahrheit des bei der Taufe abgelegten Glaubensbekenntnisses verursachen könnte, besonders wenn diese Wahrheit für den Gesamtzusammenhang des Glaubens notwendig und mit bestimmten wichtigen, zum Leben der Kirche dazugehörigen Bräuchen unlösbar verbunden ist.

Es scheint uns nun notwendig und dringend, vor allem auf eine dieser Wahrheiten die besondere Aufmerksamkeit derer zu lenken, denen Gott die Förderung und den Schutz des Glaubens zur Aufgabe gemacht hat, damit Gefahren abgewendet werden, die diesen Glauben in den Herzen der Gläubigen bedrohen könnten.

Es geht um den Glaubensartikel vom ewigen Leben und damit um alles, was sich nach dem Tod (jedes Menschen) ereignen wird. Bei der Darlegung dieser Lehre darf nichts verkürzt werden, sie darf auch nicht unvollkommen oder unsicher erfolgen, soll sie nicht den Glauben und das Heil der Gläubigen gefährden.

Sicher entgeht ja niemand die Bedeutung dieses letzten Artikels unseres Glaubensbekenntnisses. In ihm werden nämlich Ziel und Zweck des Heilsplanes Gottes ausgesprochen, dessen Entfaltung im Glaubensbekenntnis beschrieben wird.

Wenn es (nach dem Tod) keine Auferstehung (und kein ewiges Leben) gibt, dann fällt das ganze Glaubensgebäude, wie der hl. Paulus im 15. Kapitel des 1. Korinterbriefes nachdrücklich betont, zusammen. Wenn für uns Christen nicht ganz sicher feststeht, was Sinn und Inhalt der Worte vom Ewigen Lebens ist, dann zerrinnen die Verheißungen des Evangeliums sowie die Bedeutung der Schöpfung und Erlösung und sogar die Bedeutung des Erdenlebens, das ja dann jeglicher Hoffnung beraubt wird (vgl. Hebr 11,1).
Wie könnte man die Not und Angst übersehen, die heute viele bezüglich dieser Frage (nach dem ewigen Leben) bedrängen? Wer würde nicht beobachten, wie sich hier in den Herzen vieler ein immer tieferer Zweifel breitmacht? Wenn es auch glücklicherweise meistens noch so ist, daß der Christ noch keinen positiven Zweifel hegt, so vermeidet er es doch nicht selten, über sein Geschick nach dem Tod nachzudenken, weil er Fragen vorauszuahnen beginnt, die zu beantworten er sich scheut: Gibt es überhaupt etwas nach dem Tod? Bleibt von uns, wenn wir gestorben sind, etwas erhalten? Oder erwartet uns etwa das Nichts. Dieser (psychische) Zustand ist teilweise auf den Einfluß zurückzuführen, den die heute weithin in der Öffentlichkeit ausgetragenen theologischen Kontroversen ungewollt auf die Christen ausüben. Der größere Teil der Gläubigen vermag nämlich weder den genauen Gegenstand noch das Gewicht dieser Kontroversen zu erfassen.

So wird heute tatsächlich über die Existenz der Seele und die Bedeutung des Lebens nach dem Tod diskutiert und man fragt sich, was denn zwischen dem Tod des Christen und der allgemeinen Auferstehung geschieht. Durch all das werden die Gläubigen verwirrt, zumal sie ihre gewohnte Sprechweise und die ihnen vertrauten Begriffe nicht mehr wiederfinden.

Es geht hier nun keineswegs darum, die theologische Forschung einzuschränken oder gar zu verhindern. Der Glaube der Kirche braucht sie ja und sie muß sich das Studium der Theologen zunutze machen. Dennoch darf deshalb keineswegs die Pflicht vernachlässigt werden, rechtzeitig den Glauben der Christen gerade in Bezug auf jene Wahrheiten zu bekräftigen, die da heute in Zweifel gezogen werden.

Es ist nun unsere Absicht, die Natur und die verschiedenen Aspekte dieser doppelten, schwierigen Aufgabe in dieser komplexen Situation zusammenfassend in Erinnerung zu rufen.

Vor allem müssen jene, die einen (kirchlichen) Lehrauftrag haben, klar unterscheiden, was nach dem Urteil der Kirche zum Wesen des Glaubens gehört. Die theologische Forschung darf kein anderes Ziel haben, als dies tiefer zu erforschen und zu entfalten.

Die Päpstliche Glaubenskongregation, der die Förderung und der Schutz der Glaubenslehre obliegt, möchte hier in Erinnerung rufen, was die Kirche im Namen Jesu Christi lehrt, vor allem das, was zwischen dem Tod des Christen und der allgemeinen Auferstehung geschieht:

1. Die Kirche glaubt an die Auferstehung der Toten (vgl. das Apostolische Glaubensbekenntnis).

2. Die Kirche versteht diese Auferstehung so, daß sie den ganzen Menschen betrifft; dabei ist dies für die Auserwählten nichts anderes als die Ausweitung der Auferstehung Jesu Christi selbst auf die Menschen.

3. Die Kirche hält an der Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elements (des Menschen) nach dem Tod fest. Dieses geistige Element, das mit Bewußtsein und (freiem) Willen ausgestattet ist, besteht (nach dem Tod des Menschen) weiter als das “Ich des Menschen”, dem zwischenzeitlich (interim) der ergänzende Teil des Leibes fehlt (“interim sui corporis complemento carens”). — Um dieses Element zu bezeichnen, verwendet die Kirche den Ausdruck “Seele”, der sich durch den Gebrauch in der Heiligen Schrift und in der Tradition fest eingebürgert hat. — Obwohl die Kirche nicht übersieht, daß dieser Ausdruck (“Seele”) in der Heiligen Schrift verschiedene Bedeutung hat, ist sie doch der Auffassung, daß es keinen wirklich stichhaltigen Grund dafür gibt, diesen Ausdruck abzulehnen, zumal ja irgendein sprachlicher Ausdruck zur Stütze des Glaubens der Christen einfach notwendig ist.

4. Die Kirche lehnt jede Denk- und Sprechweise ab, durch die ihre Gebete, die Beerdigungsriten und der Totenkult ihren Sinn verlieren und unverständlich würden; denn all das stellt in seiner Substanz einen “Locus theologicus” dar.

5. Die Kirche erwartet gemäß der Heiligen Schrift “die Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit” (Dei Verbum I, 4). Diese ist jedoch nach dem Glauben der Kirche als unterschieden und abgesetzt von der Situation des Menschen unmittelbar nach seinem Tod zu verstehen.

6. Die Kirche schließt in ihrer Lehre über das Schicksal des Menschen nach seinem Tod jede Erklärung (als unrichtig) aus, die die Bedeutung der Aufnahme Mariens in den Himmel (mit Seele und Leib) in jenem Punkt auflösen würde, der Maria allein zukommt: daß nämlich die leibliche Verherrlichung der seligsten Jungfrau Maria eine Vorwegnahme jener Verherrlichung ist, die für alle übrigen Auserwählten bestimmt ist.

7. Die Kirche, die am Neuen Testament und an der Überlieferung treu festhält, glaubt an die Seligkeit der Gerechten, die einmal bei Christus sein werden; die Kirche glaubt ebenso, daß den Sünder eine ewige Strafe so trifft, daß er der (beseligenden) Anschauung Gottes beraubt wird, und daß die Auswirkung dieser Strafe das ganze Sein des Sünders erfaßt. — Was aber die Auserwählten betrifft, so glaubt die Kirche, daß vor der (beseligenden) Anschauung Gottes eine Läuterung stattfinden kann, die jedoch von der ewigen Höllenstrafe der Verdammten grundverschieden ist. Das meint die Kirche, wenn sie einerseits von der Hölle, anderseits vom Fegfeuer, von der jenseitigen Läuterung spricht. Wenn man über das Geschick des Menschen nach seinem Tod spricht, so muß man sich ganz besonders vor einer Darstellungsweise hüten, die sich ausschließlich auf willkürliche Phantasievorstellungen stützt. Übertreibungen sind auf diesem Gebiet ein nicht geringer Grund für die Schwierigkeiten, denen hier der christliche Glaube heute oft begegnet. Anders ist es mit jenen Bildern, die wir in der Heiligen Schrift verwendet finden; sie verdienen besondere Ehrfurcht. Man muß ihren tieferen Sinn verstehen und man muß vermeiden, sie allzusehr abzuschwächen, weil das oft die Wirklichkeit selbst, die in diesen Bildern angedeutet wird, verflüchtigen würde.

Weder die Hl. Schrift noch die Theologen bieten uns genügend Licht, um das künftige Leben nach dem Tod des Menschen richtig zu beschreiben. Die Christen müssen auf jeden Fall die folgenden zwei Punkte festhalten:

a) Einerseits müssen sie an die grundsätzliche Fortdauer des gegenwärtigen Lebens in Christus im künftigen Leben in der Kraft des Hl. Geistes glauben; die Liebe ist nämlich das Gesetz im Reiche Gottes und unsere auf Erden geübte Liebe wird das Maß für unsere Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes im Himmel sein;

b) anderseits müssen sie deutlich wissen, daß sich unsere Situation zwischen dem gegenwärtigen und dem künftigen (jenseitigen) Leben grundlegend ändert, weil der Ordnung des Glaubens die Ordnung des vollen Lichtes folgt und wir mit Christus sein und Gott schauen werden (vgl. 1. Joh 3, 2); in diesen Verheißungen und in diesen wunderbaren Geheimnissen besteht wesentlich unsere Hoffnung. Wenn unsere Vorstellungskraft nicht bis dorthin vorzudringen vermag, so gelangt doch unser Herz aus eigenem Antrieb und zu innerst dorthin.

Nachdem wir diese Glaubenswahrheiten ins Gedächtnis gerufen haben, sei es jetzt noch gestattet, die wichtigsten Aspekte der Seelsorge zu erläutern, die unter den heutigen Verhältnissen nach den Normen der christlichen Klugheit zu erfolgen hat: Die mit diesen (eschatologischen) Fragen verbundenen Schwierigkeiten legen den Theologen, deren Aufgabe ganz sicher unerläßlich ist, schwere Verpflichtungen auf. Sie haben aber ebenso auch ein Anrecht auf unsere Ermutigung und auf jenen Freiheitsraum, den ihre Methoden berechtigterweise fordern.

Was uns Bischöfe betrifft, so müssen wir den Christen unablässig die Lehre der Kirche in Erinnerung rufen, die sowohl für das christliche Leben als auch für das Forschen der Gelehrten die Grundlage bildet; wir müssen uns ferner darum bemühen, daß die Theologen unsere seelsorglichen Anliegen teilen, damit ihre Studien und Forschungen unter den Gläubigen, deren Glaube heute mehr denn je zuvor Gefahren ausgesetzt ist, nicht leichtfertig verbreitet werden…

Dieses Schreiben an die Bischöfe, das in der ordentlichen Versammlung der Päpstlichen Glaubenskongregation beschlossen wurde, hat Papst Johannes Paul II. in einer dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz gebilligt und dessen Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom am Sitz der Glaubenskongregation, den 17. Mai 1979
Franz Kardinal Seper, Präfekt

Fr. Hieronymus Hamer OP, Titular-Erzbischof von Lorium, Sekretär

 

 

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