Engellehre

Katholische Engellehre: (10) Engel sind einander nicht gleich. (ii) Engelhierarchien in der Tradition und Theologie

Tradition

Wie bereits erwähnt werden in der Hl. Schrift die folgenden Engelnamen genannt:

  1. Engel
  2. Erzengel
  3. Kräfte – Virtutes (Kol 1, 16; Eph 1, 21; 3, 10)
  4. Mächte – Potestates (Kol 1, 16; Eph 1, 21; 3, 10)
  5. Fürstentümer – Principatus (Kol 1, 16; Eph 1, 21; 3, 10)
  6. Herrschaften – Dominationes (Kol 1, 16; Eph 1, 21; 3, 10)
  7. Thronen – Throni (Kol 1, 16; Eph 1, 21; 3, 10)
  8. Cherubim (Gen 3, 24; Ezech 10, 3 etc.)
  9. Seraphim (Is 6, 2-6)

Die gesamte Tradition bezeugt, dass sich unter den o. g. verschiedenen Bezeichnungen der Engel auch Unterschiede bezüglich der Engelwelt verbergen, worüber als Erster der Heilige Ignatius von Antiochien geschrieben hat (Trall. 5,2).

„Denn deshalb, weil ich […] auch imstande bin, das Himmlische zu erkennen, die Plätze der Engel und die Rangordnung der Herrschaften, das Sichtbare und das Unsichtbare, […].“

Anders ausgedrückt findet die Tradition, dass unter neun Bezeichnungen der Engel sich neun verschiedene Engelarten verbergen.

Theologie

Die Hierarchie der Engel

Die Theologie unterscheidet zwischen neun Chören der Engel, von denen jeweils drei eine Hierarchie bilden. Somit gibt es drei Hierarchien und neun Chöre. Allerdings ist dies keine geoffenbarte Glaubenslehre, so dass wir im Glaubensgehorsam annehmen müssten, dass es mit Sicherheit genauso viele Hierarchien oder Chöre gibt.

Schon der hl. Augustinus von Hippo war der Meinung, dass manche Bezeichnungen der Engel, die neun Chöre der Engel bestimmten, Synonyme sein können (Enar. 15,58). Daher ist es möglich, dass es außerdem noch uns unbekannte Bezeichnungen für die Engel gibt, womit anscheinend der hl. Johannes Chrysostomus – Patriarch von Konstantinopel – übereinstimmt (De incomprehensibili hom. 4,2). Der hl. Ambrosius von Mediolan ist allerdings der Erste, der alle Chöre namentlich benennt (Apol. Prophetae David 5,20). Die Lehre von den neun Engelchören in drei Hierarchien, deren Grundlagen schon beim hl. Ephräm dem Syrer erkennen sind, wurde um 500 durch Pseudo-Dionysius Areopagita (De coelesti hierarchia) aufgestellt.

Dieser Autor bezeichnete sich selbst als Dionysius Areopagita und deutete damit an, dass es sich um denselben Dionysius den Areopagit handelt, den Paulus in Athen bekehrte (Apg. 17, 34). Das ganze Mittelalter bis zur Renaissance hindurch nahm man an, und dies taten so namhafte Autoren wie Hugo von St. Viktor (1097-1141), Richard vom Hl. Viktor (1110-1173) aus dem pariser Viktorinerkloster, Wilhelm von Paris (1180-1249), hl. Bonaventura (1221-1274), hl. Thomas von Aquin (vgl. Summ. Theol. Ia Iae, q. 108; q. 112 a.4) Dionysius der Kartäuser (1402-1471), Johannes Gerson (1363-1429), dass es sich beim Pseudo-Dionysius Areopagita, dem Verfasser der Werke Theologia mystica und De coelesti hierarchia um den „Schüler des Heiligen Paulus“ handelt.[1] Zwar äußerte schon der Bischof und Theologe Hypatius von Ephesus (522) Zweifel daran, dass es sich bei dem Autor De coelesti hierarchia wirklich um den Apostelschüler handelt, aber erst die Humanisten der Renaissance Lorenzo Valla (1457) und Erasmus von Rotterdam (1504) stellten fest, dass das Corpus Dionysiacum, d.h. Theologia mystica und De coelesti hierarchia, pseudoepigraphisch sei. Dies bedeutet, dass sein Autor nur vorgibt derjenige Dionysius Areopagit zu sein, den Paulus bekehrte. Es kann zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass er vom Neuplatonismus des Syrianos (erste Hälfte des fünften Jahrhunderts) und seines Schülers Proklos (412-485) beeinflusst ist. Andererseits zitiert bereits Severus von Antiochien 510 bzw. 518/28 aus dem Hypatius von Ephesus, sodass man die Werke des Pseudo-Dionysius Areopagita in dem späten fünften bzw. beginnenden sechsten Jahrhundert datieren muss. Der Einfluss des Platonismus von Gregor von Nyssa (gest. 394) ist darin ebenfalls deutlich feststellbar. Zwar gibt es viele Hypothesen zur Identität des Pseudo-Dionysius, aber keine konnte bisher allgemein überzeugen. Aus seinen Schriften kann geschlossen werden, dass ihr Autor wohl ein syrischer Christ war, der lange in Athen lebte, wo sich zu Ende des fünften Jahrhunderts bekanntermaßen ein ganzer Kreis von syrischen Gelehrten zusammengefunden hatte.[2] Bei dem Autor von Corpus Dionysiacum handelt es sich also um jemanden, der sich das Pseudonym Dionysius Areopagita wählte. Dies tut aber der Orthodoxie seiner Werke keinen Abbruch.  Aus der Perspektive der Theologie spielt es keine große Rolle, dass der Autor der Coelestia Hierarchia das Pseudonym Dionysius der Areopagit angenommen hat, weil diese Vorgehensweise in der Antike recht verbreitet war. Seine Schriften gehören zu den wichtigsten der mystischen Theologie und der Engellehre überhaupt und sie wurden von den späteren Autoren als eine große Autorität zitiert.

Laut Pseudo-Dionysius erhält die erste Hierarchie (Seraphim, Cherubim und Throne) ihre Befehle direkt von Gott, wird von Ihm erleuchtet und geheiligt. Sie leitet die Befehle Gottes an die zweite Hierarchie (Herrschaften, Mächte, Gewalten) über, die zweite auf die dritte (Fürstentümer, Erzengel, Engel), die dritte auf die Menschen. Nur die letzten drei Chöre werden auf die Erde gesandt. Man sieht hier deutlich den philosophischen Hintergrund des Neuplatonismus, welcher das Hervorgehen der niederen Prinzipien aus den höheren Prinzipien annimmt.[3]

Ob und inwieweit unter den Engeln spezifische Unterschiede bestehen, ist umstritten. Einige Theologen nehmen an, dass alle Engel zusammen nur eine Spezies bilden wie die Menschen, Eichhörnchen, Seeigel etc. (Albertus Magnus, Toletanus). Andere behaupten, die Engelwelt zerfalle in mehrere Spezies, etwa nach den Chören oder nach dem Hierarchien (Alexander von Hales, Bonaventura, Duns Scotus). Thomas (Summ. Theol. 1 q. 50 a.4; C gent II, 92 f; De spiritualibus creaturis q. unica a. 8) und die Thomisten sind der Meinung, jeder Engel bildet für sich eine Spezies. Diese Ansicht beruht auf dem aristotelisch-thomistischen Satz von der Materie als dem Individuationsprinzip. Dies will heißen, dass die Materie es ist, welche die Unterscheidung und die eigenständige Existenz der Dinge ermöglicht. Es ist nicht die Form. Denn nach Aristoteles und Thomas bestehen alle Dinge aus der Zusammensetzung von Form und Materie. Da die Engel ohne alle Materie sind, so ist keine bloß numerische Verschiedenheit unter ihnen möglich: Sie muss vielmehr spezifisch sein. Dies bedeutet, wenn sich die Engel untereinander unterscheiden und sie durch die Materie, da sie keine haben, nicht unterscheidbar sind, so muss jeder Engel eine eigene Spezies/Gattung bilden.[4]

Wie wir sehen ist die Engellehre eine dynamische und kreative theologische Disziplin, bei der viele Hypothesen nebeneinander existieren können. Wenn sich die Engel aber untereinander unterscheiden, so muss es dafür einen stringenten theologischen Grund geben, den die Theologie zu erklären sucht.

[1] Quasten, Johannes, Patrology. Vol. III: The Golden Age of Greek Patristic Literature. From the Council of Nicaea to the Council of Chalcedon, Allen 1996, 291

[2] Drobner, H., Lehrbuch der Patrologie, Freiburg 1984, 434.

[3] Diekamp-Jüssen, Dogmatik, 374.

[4] Ebd., 375.

 

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