Katholische Engellehre: (16) Die natürlichen Eigenschaften und Kräfte der Engel – I. Ihr Verhältnis zum Raum und Zeit (ii) Praktischer Teil

Was bedeutet das in Praxis?

Die Fragestellung der räumlichen Anwesenheit der Engel auch der gefallenen Engel ist heutzutage sehr aktuell, wenn wir Besessenheit betrachten, die ein eigenes Problem darstellt, von dem immer mehr Menschen betroffen sind. Es stellt sich berechtigterweise die Frage, ob ein und derselbe Dämon in mehreren unterschiedlichen Besessenen sich definitive befinden kann. Liest man die Berichte der Exorzisten, wie beispielsweise den Exorzismus vor Anneliese Michel, so trifft man immer wieder dieselben Dämonennamen an: Satan, Leviathan, Beelzebub etc.  Wenn also  die Lehre vom Heiligen Thomas stimmt  und der Engel nur an einem Ort zugleich ist (siehe voriger Beitrag), so muss man annehmen das ein Dämon, der in einem Besessenen ist woanders (in der Hölle, in der Welt, in der dunklen Luft oder woanders er sich noch befinden kann) einfach fehlt. Wenn dies stimmt, dann kann ein Dämon nicht mehrere Personen zugleich besitzen, da er dadurch an mehreren Orten zugleich wäre, was nach Thomas von Aquin nicht möglich ist.

Warum aber tauchen immer dieselben Dämonennamen auf?

Wahrscheinlich gehört der Dämon, der sich als Leviathan vorstellt zu der Kategorie oder der Gattung der Leviathane, da auch das dämonische Reich hierarchisch geordnet ist. Da wir über die Hierarchie der Engel wenig Sicheres wissen, so wissen wir noch viel weniger über die Hierarchie der gefallenen Engel. Dies ist eher ein okkultes Wissen, das von den Dämonen gefördert wird, da diese wollen, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Daher sollten wir uns dafür nicht allzu sehr interessieren. Wenn aber ein Dämon nur an diesem Ort ist, an dem er ist, so kann man annehmen, was auch Thomas von Aquin berichtet und was wir später darlegen werden, dass die Besessenheit, die Umsessenheit oder der geistliche Kampf die Dämonen an einem Ort bindet. Wird also jemand stark von Dämonen heimgesucht, was einigen Heiligen tatsächlich widerfuhr (hl. Antonius der Einsiedler, hl. Franziska von Rom, Heiliger Alfons Rodriguez SJ), so bindet er diese Dämonen an sich gleich einem Stürmer im Fußball, der die ganze Abwehr der gegnerischen Mannschaft auf sich zieht. Die Dämonen werden woanders weniger, die Menschen werden woanders weniger heimgesucht und die geistliche Luft wird sozusagen reiner.

Paul Majunke, ein katholischer Theologe der Zeit des Kulturkampfes und ein Publizist, gibt in seinem Buch „Luthers Lebensende.

Eine historische Untersuchung“[1] gibt einen interessanten Umstand von Luthers Tod wieder, der von Petrus Thyräus SJ (1546-1601), einem Theologen und Autor vieler Schriften aus dem Bereich der Dämonologie,[2] wie folgt erklärt wird:

„Quo die Martinus Lutherus ex hac vita discessit Daemoniaci qui Gheelae (Brabantiae oppidum) plurimi erant et patrocinio St. Dympnae (quod iam multi multis annis expertis erant) liberationem expectabant, omnes a daemonibus liberati sunt, sed non ita multo post ab iisdem rursus occupati. Res haec obscura non est, siquidem postera die, quum miseros homines rursus crudeles spiritus torquerent, interrogati, ubi pridie latuissent, responderunt se mandato Princibis sui ad novi prophetae et fidelis cooperarii Lutheri funus evocatos fuisse eidemque interfuisse.“  „An dem Tag, als Martin Luther aus dem Leben schied, wurden die Besessenen, derer in Gheel sehr viele waren und sich unter der Schirmherrschaft von der Heiligen Dympna Befreiung erhofften, alle zusammen von den Dämonen befreit, aber nicht gerade viel später wurden sie danach von denselben wiederum besetzt. Diese Sache ist kein Rätsel, insofern sie nämlich am darauffolgenden Tag, als die grausamen Geister diese bedauernswerten Menschen nochmals entstellten (quälten), befragt wurden, wo sie sich denn am Tag zuvor versteckt hielten, antworteten sie, dass sie auf Befehl ihres Anführers zum Begräbnis Luthers, des neuen Propheten und des treuen Gehilfen, herbeigerufen geworden seien und diesem auch beiwohnten.  

 

Diese Erzählung von Luthers Tod ist auch anderen Autoren bekannt, wie Majunke angibt:

Cornelius a Lapide (Cornelis van Stein), bekanntlich ein Niederländer, entnimmt dieselbe Erzählung aus Tilmann Bredenbach, Sacrae collationes (Heilige Versammlungen), lib. 7 cap. 39, und bemerkt seinerseits, dass er persönlich Gheel kenne und die Besessenen selbst gesehen habe, welche dorthin zum Grabmal der heiligen Dympna zusammenströmten. („Oppidum hoc vidi in Brabantia et energumenos, qui eo ad St. Dympnam confluunt.“ Comment. in Apocal. S. Johannis, Cap. XX, B.)

Der Ort Gheel, zwischen Brüssel und Antwerpen gelegen, hat noch heute eine berühmte Kolonie (Personenverband in einem Gebiet außerhalb des angestammten Siedlungsgebietes, auswärtiges abhängiges Gebiet eines Staates) von Geisteskranken. Karl Baedeker (Reiseführer: Belgien und Holland, S. 74) bemerkt darüber:

„Gheel est interessant par sa colonie d’aliénés. Dans cette localité et les villages et fermes environnants sont placés prés de 900 aliénés. Cette contrée, d’environ 10 lieues de périmétre est partagée en 4 sections ayant chacune un médecin et un surveillant. On remarque á Gheel la belle église du style ogivale tertiaire dediée á Ste. Dympne, princesse irlandaise convertie au christianisme et qui eut en cet endroit la téte tranchée par son pére payen; c’est par suite des miracles de cette sainte, que s’est formée la colonie d’aliénés.“„Gheel ist für seine Kolonie der Verrückten interessant. An diesem Ort, in den Dörfern und den umliegenden Höfen, sind fast 900 Geisteskranke platziert. Dieses Land, ungefähr im Umkreis von 10 Meilen, ist in 4 Sektoren unterteilt, mit jeweils einem Arzt und einer Aufsichtsperson. Wir stellen fest, dass Gheel eine schöne Kirche im gotischen Stil hat und der Heiligen Dympne geweiht ist, die als irländische Prinzessin zum Christentum konvertierte und welcher genau an dieser Stelle durch ihrem heidnischen Vater das Haupt abgeschnitten wurde; dies aufgrund der Wunder dieser Heiligendie die Kolonie der Verrückten gegründet hat.“

Fassen wir das oben Gesagte zusammen.

  1. In der Reformationszeit und auch davor gab es Menschen, die viele Jahre hindurch besessen waren, ohne dass ihnen etwas half.
  2. Für diese Menschen gab es eine Anstalt, wo sie dem Schutz (patrocinium) der Heiligen Dymphna, der Patronin der Stadt Geel (heutiges Belgien) unterstanden.
  3. Die Dämonen verließen die Besessenen zur Zeit des Begräbnisses Luthers.
  4. Sie kehrten aber zurück.

Der Schreiber dieser Zeilen kannte diese Geschichte nicht. Er ist auch heute nicht in der Lage die akademische Qualität der Schrift von Paul Majunke einzuschätzen. Doch die Quellen, die von Majunke zitiert werden Thyräus, Cornelius a Lapide, bei denen es sich um gestandene katholische Theologen im Dienste der Kontrareformation handelt, sprechen doch sehr für ihn.

Theologisch gesehen, ist solch ein Ereignis durchaus möglich, wo die Dämonen die Körper der Besessenen kurzfristig verlassen, um jemanden in die Hölle zu geleiten und ihn dort zu quälen. Die Heilige Teresa von Avila beschreibt eine Vision, der sie teilhaft wurde. In der sie Teufel sah, welche am Sarg des Verstorbenen herum sprangen. Sie dachte sich, dass die Dämonen diese Seele in der Hölle sehr martern werden, wo sie schon den Leichnam auf der Erde quälen. Da Luther ein dermaßen großer Sünder war und die Konsequenzen seiner Taten, sprich die Reformation, bis heute dauern, so mussten zusätzliche Dämonen aus Geel abgezogen werden, um ihn in die Hölle zu geleiten. Wenn man näher darüber nachdenkt, so erscheint diese Handlungsweise Gottes durchaus logisch und konsequent. Sollten wir also selbst irgendwann umsessen, dämonisch gequält oder gar besessen werden, so denken wir daran, dass wir auf diese Art und Weise die Dämonen aus anderen Orten abziehen und dadurch der Kirche helfen.


[1] Majunke, Paul, Luthers Lebensende. Eine historische Untersuchung, Mainz 1891. Zitiert nach http://kath-zdw.ch/maria/texte/luthers.lebensende.htm

[2] Thyräus, Petrus, De Daemoniacis, Über die von Dämonen Besessenen, I. disp. 8, sect. 11.

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