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Katholische Engellehre: (18) Die natürlichen Eigenschaften und Kräfte der Engel. Dauer der Engel (ii)

Die Dauer der Engel ist relativ sukzessionslos

Die Thematik der relativen Sukzessionslosigkeit der Engel kommt explizit beim Thema des Engelfalles zum Tragen. Denn wenigstens dort müssen sich zwei zeitliche Augenblicke abgespielt haben: (1) der Augenblick vor dem Fall und (2) der Augenblick nach dem Fall. Daher ist auch die Sukzessionslosigkeit relativ und nicht absolut. Der heilige Thomas von Aquin fasst diesen Zusammenhang wie folgt auf:

II. Der Engel ist über die Zeit des Körperlichen erhaben. Also verschiedene Augenblicke werden beim Engel nur gezählt gemäß der Aufeinanderfolge in den Akten [des Willens oder des Intellekts] selber. Zugleich aber konnte nicht [dasselbe] sein der verdienstvolle Akt und der Seligkeits-Akt; da für den einen eine unvollkommene Gnade, für den anderen die abschließende Gnade erforderlich ist. Also sind es zwei Augenblicke; im ersten verdiente er die Seligkeit, im anderen war er selig. (Ia, 62 a.5 ad 2)

Dies will heißen, dass die Augenblicke, in denen sich die Engel die Seligkeit verdienen konnten, nicht identisch sind. Da diese Entscheidung das spätere Wesen der Engel prägte, es aber danach nicht mehr tut, so ist die Dauer der Engel nach ihrer Erschaffung relativ sukzessionslos. Sie wäre absolut sukzessionslos gewesen, wenn die Engel unfähig gewesen wären überhaupt eine Entscheidung zu treffen, die ihre Seligkeit bestimmt. Bei der Entscheidung der Engel fand also eine relative, nicht zeitliche Abfolge statt. Thomas von Aquin zeigt es wie folgt:

Sechster Artikel.
Das Fallen des Engels vollzog sich gleich nach dem ersten Augenblicke seines Seins.

a.) Dagegen sagt:

I. Ezechiel 28, 14.: „Vollkommen warst du, da du lustwandeltest auf deinem Wege vom Tage deiner Erschaffung an, bis Ungerechtigkeit in dir erfunden ward.“ Lustwandeln aber deutet auf einen ziemlichen [räumlichen] Zwischenraum hin.

Kommentar: St. Thomas gibt hier eine Bibelstelle wieder, welche von den Kirchenvätern auf den Engelsfall und den Sündenfall des Teufels bezogen wird. Das Wort „Lustwandeln“ scheint also eine räumliche Komponente zu beinhalten, was schwer mit der geistigen Natur der Engel vereinbar scheint.

II. Origenes schreibt (I. in Ezech.): „Die alte Schlange ging nicht allsogleich auf ihrem Bauche;“ worunter die Sünde verstanden wird.

Kommentar: Auch hier scheint eine zeitliche Abfolge vorzuliegen.

III. Sündigen können ist gemeinsam dem Engel und dem Menschen. Zwischen der Bildung des Menschen aber und seiner Sünde bestand ein ziemlicher Zwischenraum (aliqua mora).

Kommentar: Wie Adam und Eva erst nach einer Zeit im Paradies sündigten, so müssen auch die Engel erst nach einer Zeit – aliqua mora – gesündigt haben.

IV. In dem einen Augenblicke ward der Engel geschaffen, im anderen fiel er. Zwischen zwei Augenblicken aber steht eine gewisse Zeit (aliqua mora).

Kommentar: Zwischen zwei widersprüchlichen Zuständen muss eine Zeit vorliegen.

Auf der anderen Seite sagt der Herr (Joh. 8, 44.): „Er hat nicht gestanden in der Wahrheit.“ Dazu bemerkt Augustin (11. de Civ. Dei 15.): „Das müssen wir so erklären, dass der Teufel in der Wahrheit war, aber nicht darin verblieben ist.“

Kommentar: Einerseits gibt die Heilige Schrift eine Veränderung im Teufel, d.h. im gefallenen Engel an, andererseits aber ist seine Natur nicht einer zeitlichen Veränderung wie die menschliche Natur unterworfen.

b) Ich antworte: die bei weitem wahrscheinlichere und den Aussprüchen der Heiligen entsprechendere Meinung ist die, dass der Teufet gleich nach dem ersten Augenblicke, da er das Sein erhielt, sündigte. Und das muss notwendig gesagt werden, wenn man annimmt, dass der Teufel im ersten Augenblicke seiner Erschaffung einen freien Akt gesetzt hat, da er in der Gnade geschaffen wurde. Denn da die Engel nach einem einzigen verdienstvollen Akte die Seligkeit erhielten, so musste der Dämon gleich nach dem ersten Akte, in welchem er verdiente, wie die anderen Engel die Seligkeit erhalten, wenn er derselben nicht durch die Sünde sogleich ein Hindernis entgegengesetzt hätte.

Ist aber die Annahme wahr, dass der Engel nicht in der Gnade geschaffen wurde oder dass er nicht gleich einen freien Akt gesetzt hat, so besteht kein Hindernis dafür, dass zwischen seiner Erschaffung und seinem Fallen ein ziemlicher Zwischenraum (aliqua mora) gewesen ist.

Kommentar: im Gegensatz zu der Sünde der ersten Menschen fand bei dem Sündenfall der Engel alles zeitgleich statt.

  1. die Erschaffung der Engel,
  2. ihre Ausstattung durch die Gnade,
  3. ihre Entscheidung für oder wider Gott,
  4. welche eine Mitwirkung mit der Gnade oder ein Hindernis dieser Gnade gegenüber darstellte.

Da wir Menschen zeitlich denken, so müssen wir diese Abfolge nacheinander als (1) bis (4) darstellen. Bei den Engeln aber findet es beinahe zeitgleich statt. Die einzige Analogie, die in diesem Bereich greift, ist Mathematik oder Logik. So sind die Vorgänge des Addierens, Subtrahierens oder des Wurzelziehens an sich keiner zeitlichen Abfolge unterworfen. Sie sind gleichsam immer da, obwohl sie zeitlich von den Menschen angewendet werden.

c) I. Unter dem Lustwandeln versteht die Schrift die freie Willensbewegung; wie dies ähnlich in der Schrift häufig der Fall ist, dass unter der Figur körperlicher Bewegungen eine augenblickliche geistige Tätigkeit verstanden wird.

Kommentar: Die einzige Bewegung, die innerhalb der Engel stattfindet, ist die Bewegung ihres Intellekts oder ihres Willens, auf diesem Wege kann der Teufel auch „lustgewandelt“haben

II. Das sagt Origenes wegen des ersten Augenblickes, in dem der Teufel nicht schlecht war.

Kommentar: Denn die Engel sind also gut erschaffen worden.

III. Der Engel hat einen unbeugsamen freien Willen, nachdem er einmal frei gewählt hat. Hätte er also gleich nach dem ersten Augenblicke, in welchem er seine natürliche Willensbewegung auf das Gute richtete, nicht ein Hindernis gesetzt für seine Seligkeit, so wäre er im Guten gefestigt worden. Beim Menschen aber verhält sich die Natur nicht so.

Kommentar: Der Engel führte eine Veränderung seines Wesens nach seiner Erschaffung dadurch herbei, dass er willentlich sich dem angeborenen Streben nach dem guten widersetzte. So setzte er der Gnade ein Hindernis entgegen.

IV. Dies hat Wahrheit, wenn es sich um zwei Augenblicke handelt, zwischen denen eine fortlaufende Zeit ist. Der Engel aber ist der irdischen Zeit, welche von der Bewegung der Himmelskörper abhängt, nicht unterworfen. Also bei ihm heißt Zeit Aufeinanderfolge der Akte des Intellekts oder des Affekts (successione operationum intellectus, vel etiam affectus). So also entspricht der erste Augenblick im Engel jener Tätigkeit der Engelvernunft, vermöge deren sie zu sich selbst sich wendet durch das Abendwissen; denn beim ersten Tage wird ein „Abend“ gesetzt und kein „Morgen“. Und diese Tätigkeit war in allen gut. Von dieser Tätigkeit aber haben sich die einen vermittelst des Morgenwissens zum Lobe des Wortes gewendet; andere sind in sich selbst geblieben, „aufgeblasen von ihrer Schönheit,“ wie Augustin (4. sup. Gen. ad litt. 24.) sagt. Und so war die erste Tätigkeit allen gemeinsam; in der zweiten wurden sie geschieden.

Kommentar: Da die Zeit bei den Engeln nicht durch die Bewegung der Gestirne getaktet wird, so muss ein anderes Zeitmaß bei ihnen vorausgesetzt werden. Dieses Maß stellt die Veränderung des Intellekts und des Willens dar. Als „Abendwissen“ bezeichnet der hl. Thomas die Selbstreflexion des Engels.  Hier ist von dem ersten Schöpfungstag die Rede als die Engel geschaffen wurden. An diesem Tag gab es bildlich gesprochen keinen Morgen, sondern nur einen Abend, sodass alle Engel nur über das „Abendwissen“ verfügten. Diese Tätigkeit der Selbstreflexion und des „Abendwissens“ war in allen Engeln gut. Während aber die guten Engel von der Selbstreflexion zum Lobe Gottes kamen, so blieben die bösen Engeln in sich selbst behaftet und schieden sich in dem „Morgenwissen“ von den guten Engeln. Die Sünde der Engel, so der heilige Augustinus, war also die Sünde des Narzissmus oder der Selbstverliebtheit. Um auf die relative Sukzessionslosigkeit zurück zu kommen, so bilden das „Morgenwissen“ und das „Abendwissen“ zwei verschiedene Momente im Intellekt und Willen der Engel. Daher sind die Engel nicht absolut sukzessionslos, sondern nur relativ sukzessionslos.

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