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Katholische Engellehre: (20) Die natürlichen Eigenschaften und Kräfte der Engel – Erkenntnis der Engel (ii) Sie ist geistig

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Die Erkenntnis der Engel ist rein geistig

Die Erkenntnis der Engel entspricht ihrer Natur und ist daher rein geistig.

„Die Engel erkennen sich selbst durch ihre eigene Substanz, die ihnen als ihr Erkenntnisbild dient“, sagt der hl Thomas (Summ. Theol. Iq. 56 a. 1).

So erkennt der Engel, anders als der Mensch, sich selbst durch sich selbst. Wir Menschen brauchen Spiegel, Gedanken, Interaktionen, Beziehungen etc., um zu einem Wissen über uns selbst zu kommen, denn hat man noch nichts erlebt, durchlebt oder erfahren, dann weiß man nicht, wer oder was man ist. Die Engel sind da anders.

Die Erkenntnis der Engel der Dinge, d.h. nicht nur ihrer selbst, unterscheidet sich grundsätzlich von der menschlichen Erkenntnis. In der Dogmatik von Diekamp-Jüssen lesen wir dazu:

 „Die Engel sind nicht darauf angewiesen, das Wesen der Dinge aus den Erscheinungen zu erschließen und die Begriffe durch Abstraktion zu gewinnen. Gott gab ihnen bei ihrer Erschaffung eine Erkenntniskraft, welche mit konnaturalen Begriffen erfüllt ist und ihnen so rein von Anfang ein habituell vollendetes Wissen (scientia indita) ermöglicht“.[1]

Und was bedeutet das?

Engelswissen und menschliches Wissen

Das menschliche Wissen erfolgt über

  • Sinneswahrnehmung
  • Erscheinungsformen
  • Abstraktion

Ich sehe mit meinen Augen – (a) Sinneswahrnehmung –  einen bestimmten Gegenstand mit bestimmten Umrissen. Ich schließe aus der Erscheinung – (b) Erscheinungsform-, dass es sich um ein Auto handelt, weil ich diese Erscheinungsformen mit allen anderen Erscheinungsformen verglichen habe. Ich tat es aber nur in meinem Geiste, statt das konkrete Auto mit allen anderen konkreten Gegenständen vor Ort zu vergleichen. Dies bedeutet, dass meine eigentliche Erkenntnis des Autos durch den Begriff „Auto“ stattfindet, der auf dem Wege der Abstraktion gewonnen wurde und den ich auf ein konkretes Auto anwende. Denn wir erkennen nicht die Dinge durch die Dinge selbst, sondern durch Begriffe, die wir von ihnen haben. Unter Begriffen sind nicht nur Worte wie „Auto“ gemeint, sondern all das, was wir hier „Wissensbestand“ nennen wollen. Um beispielsweise die Formel e=mc2 zu verstehen, muss ich nicht nur alle Begriffe wissen, die zu dieser Formel gehören e- „Energie“, m – „Masse“, c – „Lichtgeschwindigkeit“, sondern auch ihre physikalische Bedeutung erfassen, samt des Rechenweges, der zu dieser Lösung führt. Um es kurz zu fassen: Will ich wissen, was e=mc2 wirklich bedeutet, so muss ich mindestens über den Wissenstand eines Physikleistungskurses verfügen, das ich mir über mehrere Jahre und Denkschritte angeeignet habe.

Der Engel hingegen weiß es gleich, weil er sein Wissen nicht über Denkschritte auf dem Wege der Abstraktion erkennt, sondern es gleich besitzt. Während der Mensch über kein eingeborenes Wissen (scientia innata) verfügt und sein Wissen bei der Geburt eine tabula rasa – eine leere Tafel – darstellt, erhielt ein Engel bei seiner Erschaffung das gesamte, ihm zustehende Wissen. Die Theologie spricht von „konnaturalen Begriffen“, was man mit „wirkenden“ mathematischen oder physikalischen Formeln vergleichen kann. Er weiß gleich, was e=mc2 ist, wie es wirkt und warum es wirkt. Der Engel erkennt durch Formen, was wir hier mit „Formeln“, wie e=mc2, anschaulich machen wollen. Wenn der Engel zum Beispiel einen Blauwal sieht, dann sieht er das Tier zugleich mit einem Röntgenblick, er sieht es als Ganzes, mit all seinen Teilen, auf einmal, versteht sein Verhalten und das seines Ökosystems. So hat der Engel gleich das Ergebnis, wozu die Menschen Jahre oder Jahrzehnte brauchen. Sicherlich hatte jeder von uns die sogenannten Aha-Erlebnisse als man nach einer längeren Zeit des Lernens feststellte, dass man etwas wirklich verstanden hat. Der Engel hat dieses Ergebnis von Anfang an, er hat das Aha-Erlebnis gleich. Das versteht die Theologie unter „habituell vollendetem Wissen (scientia indita)“.

Können Engel lernen?

Es stellt sich natürlich in diesem Kontext die Frage, ob das Wissen der Engel statisch ist oder doch dynamisch, d.h., ob die Engel noch ein zusätzliches Wissen aufnehmen können, wenn sich die Dinge als solche verändern, was ja seit der Erschaffung der Engel der Fall gewesen ist. Die Antwort darauf ist positiv. Dazu schreibt Diekamp-Jüssen:

 „Die Engel können ihr  Wissen (scientia indita) jederzeit mühelos aktualisieren und dadurch alles, was nicht einer höheren Seinsordnung angehört, seinem ganzen Sein nach erkennen (Summ theol. I. q. 55 a. 1.; De verit. Q. 8 a.9.). Da aber Gott über die Seinsordnung der Engel erhaben ist, so ist ihre natürliche Gotteserkenntnis nur eine mittelbare; sie schöpfen sie aus der Betrachtung ihrer selbst und der anderen Werke Gottes (1 q. 56 a.3).“[2]

Dies bedeutet, dass auch die Engel dazulernen können und ihr Wissen nicht an das Allwissen Gottes heranreicht. Sie erkennen Gott aber nur mittelbar und nicht unmittelbar.

Der Wissensgrad der Engel

Das Wissen der Engel ist ebenfalls verschieden, denn ein Engel der höheren Ordnung, z. B. ein Cherubim erkennt mehr und besser als ein Engel der niedrigeren Ordnung, z.B. ein Erzengel (Summ. Theol. I, q. 106, a. 1. corp; vgl. a. 4).

Denn der höhere Engel empfängt in tieferer, umfassenderer, in mehr allgemeiner Auffassung die Kenntnis der Wahrheit und zu solcher Auffassung wäre der niedere Engel nicht fähig; ihm ist vielmehr natürlich, dass er in mehr beschränkter Weise die Wahrheit in sich aufnimmt. Der höhere Engel also unterscheidet und teilt gewissermaßen in sich die Wahrheit, die er in ihrer ganzen Tiefe und Allgemeinheit erfasst,  damit diese selbe Wahrheit auch vom niederen Engel begriffen werden kann und so stellt er sie ihm als eine erkennbare vor. So geschieht es ja auch bei uns in ähnlicher Weise. Denn der Lehrer teilt und unterscheidet in der Wahrheit, die er in ihrem ganzen Inbegriffe aufgefasst hat, und passt sie so an für die Fähigkeit der Schüler. Und dies meint Dionysius (15. de coel. hier.), wenn er sagt: „Eine jede geistige Substanz teilt und vervielfältigt so in den verschiedensten Formen das ihr von oben mitgeteilte Verständnis mit Fürsorge, damit sie die niederen geistigen Substanzen nach oben geleite.“ (Summ. Theol. I, q. 106, a. 1. corp)

Diesen Prozess der erleuchtenden Mitteilung fasst Thomas von Aquin (Summ theol. I, q. 55 a. 3) in allgemeinen Begriffen  wie folgt auf:

Ich antworte, dass deshalb in den Dingen es höhere [d.h. etwas Höheres] gibt, weil sie dem ersten Einen, Gott nämlich, näher und ähnlicher sind. In Gott aber besteht die ganze Fülle des Wissens in größter Einheit; denn Er erkennt alles durch sein Wesen. Und diese Einheit findet sich nun mehr oder minder nachgeahmt in den höheren und in den niedrigeren geistigen Substanzen. Was also Gott in Einem sieht, das schauen die geschaffenen Geister in mehreren Ideen; und immer desto mehr in mehreren, je tiefer sie stehen. Der höhere Engel also erkennt durch weniger Ideen, die dann natürlich umfassender, d. h. allgemeiner sein müssen.

Kommentar: Da alles hierarchisch von vollkommen zu weniger vollkommen geordnet ist, so gibt es auch höhere und niedrigere Dinge, ebenso wie Ideen. Gott ist völlig einfach und erkennt einfach. Je höher also jemand, wie ein Engel in der Seins- und Erkenntnishierarchie steht, desto mehr gleicht er der Einfachheit Gottes und dem Wissen Gottes. Je mehr man nach unten absteigt, desto vielfältiger wird das Wissen und ihre Erkenntnis. Die bedeutet, dass das Wissen der höheren Engel einfacher als das der niedrigeren ist und aus weniger Elementen – Ideen – besteht.

Davon sehen wir irgendwie ein Beispiel auch bei uns. Denn es gibt deren, welche die Wahrheit nur auffassen, wenn sie ihnen ganz im Einzelnen dargelegt wird; und das folgt aus der Schwäche ihrer Vernunft. Anderen darf man aber gleichsam nur ein Wort sagen, damit sie vieles daraus verstehen.

Kommentar: So gibt es auch Menschen, wie der Aquinate ausführt, die ganz einfache und konkrete Dinge recht gut verstehen können. Wird das Wissen aber allgemeiner und abstrakter, wie z.B. allgemeine mathematische oder physikalische Formeln, das hört ihr Verständnis auf. Andere wiederum verstehen durch einen Begriff oder ein Codewort gleich alles, sodass das Gespräch vieler Intellektueller im Austausch von Abkürzungen an Anspielungen besteht, weil man die Details ohnehin schon weiß.


[1]  Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Wil 2012, 377.

[2] Ebd.

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