Katholische Engellehre: (22) Die natürlichen Eigenschaften und Kräfte der Engel. Willen der Engel (i) Er ist frei.

Die Engel haben einen freien Willen (sententia certa).

Man kann nur sehr schwer diese Glaubensaussage ablehnen. Aus der geistigen Erkenntnis der Engel folgt notwendig ihre Willensfreiheit, wie hl. Thomas von Aquin darstellt (Summ. Theol. I q. 59 a. 1 et 3).

Alles nämlich, was vom Willen Gottes ausgeht, hat je in seiner Weise eine Hinneigung zum Guten (per appetitum inclinantur in bonum). Denn manche Dinge haben eine solche Hinneigung zum Guten kraft ihrer natürlichen Beziehung ohne irgendwelche Kenntnis, wie die Pflanzen und leblosen Dinge; und eine solche Neigung wird als natürliches Verlangen (appetitus naturalis) bezeichnet. Andere Dinge neigen zum Guten, zur Vollendung hin; und besitzen davon irgendwelche Kenntnis. Jedoch kennen sie nicht, was die Natur des Guten an sich ist; sondern nur beschränktes Gute (bonum particulare) ist ihrer Kenntnis gegenwärtig, wie der Sinn das Süße kennt und das Weiße und derartiges.  Endlich bestehen noch weitere Wesen, welchen die Natur selbst des Guten bekannt ist; und das sind solche Wesen, welche Vernunft haben. Diese besitzen eine in sich vollendete Hinneigung zum Guten; — nicht nämlich so, dass sie auf ein anderes Sein angewiesen sind, von dem allein sie zum Guten hingelenkt würden wie jene, welche ganz der Erkenntnis ermangeln; und auch nicht in der Weise, dass sie nur ein beschränktes Gut erstrebten, wie die nur mit Sinnen ausgestatteten Wesen. Vielmehr haben sie in sich eine Neigung zum allgemeinen Gute (in universale bono) selber; und diese Neigung wird Wille genannt. Da nun also die Engel Vernunft haben, kraft deren sie die allgemeine Natur des Guten an sich kennen, so besitzen sie offenbar auch Willen.

Wie also alle Wesen: Elektronen, Steine, Pflanzen, Tiere zum Guten (bonum) hingeneigt sind, die ihnen proportional ist, so neigen sich die Engel, als Vernunftwesen, zum Guten an sich hin und dieses Bestreben nennt man den Willen.

Der freie Willen ist gleichzeitig eine Voraussetzung für den Fall der bösen Engel als auch ihre ewige Verdammnis (Augustinus De Civ. Dei XII, 1). Denn wären die Engel nicht mit einem freien Willen von Anfang an ausgestattet gewesen, so hätten sie sich nicht für oder wider Gott entscheiden können. Weil sie aber von Gott bestraft oder belohnt wurden, so muss dem eine sittliche Entscheidung vorausgegangen sein, die einen freien Willen voraussetzt.[1]

Sittliche Akte der Engel

Aus der Heiligen Schrift kann man sämtliche Stellen entnehmen, die den Engeln sittliche Akte und Eigenschaften zuschreiben, d.h. Entscheidungen, die Verstand und freien Willen voraussetzen:

Ps 102,20f

Lobt den Herrn, ihr seine Engel, / ihr starken Helden, die seine Befehle vollstrecken, seinen Worten gehorsam!

Die Engel vollstrecken die Befehle und sind gehorsam. Sie tun also etwas, was eine Willenszustimmung voraussetzt, denn man spricht nicht vom Gehorsam der Steine und Pflanzen.

Lk 15,7

Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.

Wenn sich die Engel über einen bekehrten Sünder freuen können, dann sind sie zu sittlichen Entscheidungen fähig.

Petr 1,12

Den Propheten wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen ist sogar das Verlangen der Engel.

Die Engel haben ein Verlangen, somit sind sie zu sittlichen, auf freiem Willen fußenden Entscheidungen, fähig.

2 Petr 2,4

Gott hat auch die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern sie in die finsteren Höhlen der Unterwelt verstoßen und hält sie dort eingeschlossen bis zum Gericht.

Da die Engel gesündigt haben, so müssen sie zu einer freien Willensentscheidung fähig gewesen sein.

Sind die Engel immer noch frei?

Es ist leicht einzusehen, dass wenigstens vor der großen Prüfung für oder wider Gott der Wille der Engel frei gewesen sein muss, aber sind sie immer noch frei?

Es ist berechtigt davon auszugehen, dass nach der Prüfung und dem Fall einiger Engelscharen die Gottes- und Selbstliebe der Engel nicht ganz frei ist. Dies bedeutet, dass nach der Prüfung es einem guten Engel nicht möglich ist Gott nicht zu lieben und einem gefallenen Engel Gott nicht zu hassen. Seine Liebe ist natürlich (amor naturalis), was so zu verstehen ist, dass sie seiner Natur entstammt und entspricht. Sie ist quoad specificationem – „der Spezifizierung nach“ für den Engel naturnotwendig. Man kann die Liebe der Engel, welche die Prüfung bestanden haben, mit der Liebe einer Mutter zu ihrem neugeborenen Kind vergleichen. In beiden Fällen handelt es sich um eine Liebe, die ihre Wurzel in der Natur hat, denn im Falle der Mutter ist die natürliche Liebe zum Kind den Hormonen geschuldet (hauptsächlich Oxytocin), die während der natürlichen Geburt und beim Stillen ausgeschüttet werden. Wie also ein Mensch, der Frau und Mutter ist quoad specificationem eine natürliche Liebe (amor naturalis) zu ihrem Kind hat, so hat ein Engel quod specificationem naturnotwenig eine Liebe zu Gott. Der Engel hat sich während der Prüfung ein für alle Mal für Gott entschieden. Seine Wahl ist daher zu seiner Natur geworden. Weder in Gott noch in sich selbst kann der Engel etwas Hassenswertes erkennen (I q.60 a. 3 et 5).

Allerdings sind die Theologen nicht untereinander einig, ob die Engel in ihrer Liebe zu Gott auch quoad exercitum – „der Ausübung nach“ frei sind. Es geht darum, ob die Engel in ihren Entscheidungen zu Ehren Gottes frei sind z. B. ob sie sich der Allerseligsten Jungfrau oder einem anderen Heiligen zu ihren Lebzeiten jedes Mal dafür entscheiden mussten, ob sie sich ihnen zeigen. Die meisten Theologen vertreten die Ansicht, dass es sich auch in diesem Fall um eine Notwendigkeit der Engel handelt, da sie ansonsten jedes Mal von Gott gefragt werden müssten, ob sie gesandt werden wollen oder nicht. Da die Engel, wie wir noch später darstellen werden, auch zur göttlichen Weltregierung eingesetzt werden, würde eine jede solche Notwendigkeit der Entscheidung dem Grundsatz der Ökonomie widersprechen, wonach Gott die einfachsten Mittel einsetzt, um möglichst viel zu erreichen. Wenn der Wille des Engels nach der Prüfung ein für allemal auf das höchste Gute ausgerichtet ist, so scheint die Liebe quoad exercitum naturnotwendig zu sein.

In der übernatürlichen Gottes- und Selbstliebe waren die Engel in der Prüfungszeit sowohl quoad specificationem als auch quoad exercitum frei, das sie das Übernatürliche ausschließlich aus dem Glauben erkannten, der einen gewissen Grad an Unwissen voraussetzt.[2] Hätten sie nämlich Gott schon damals gesehen, dann wäre es keine Probe gewesen, weil das sicher Erkannte sicher ihren Willen beeinflusst hätte.  


[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Alverna: Wil 2012, 377-378.

[2] Ebd., 378.

Tradition und Glauben – Angebot

7 Tage gratis lesen – testen Sie uns!

Monatsabo nur 19,99 € im Monat

Jahresabo nur 149,99 € im Jahr

Jetzt mit Print-Möglichkeit!

Besuchen Sie unseren Online-Shop

Zum Download für Abonnenten geht es hier:

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: