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Katholische Engellehre: (47). Zustand und Wirksamkeit der bösen Geister vor dem Weltgericht (III). Besessenheit – die Unterscheidung (iii).

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Die Wirksamkeit der bösen Geister vor dem Weltgericht äußert sich in der Besessenheit.

„Die Besessenheit besteht darin, dass der böse Geist von einem menschlichen Leibe Besitz ergreift und sich seiner so bedient, als ob er die Seele des Menschen wäre (obsessio, possessio), oder dass er den Menschen wenigstens durch äußere Beeinflussung, an der ihm eigenen Tätigkeit hindert (circumsessio)“, soweit Diekamp-Jüssen.[1]

Wie wir sehen fasst die Dogmatik von Diekamp-Jüssen richtigerweise, was leider die neueren Autoren kaum tun, unter dem Stichwort Besessenheit drei Zustände zusammen:

  1. Possessio – die eigentliche Besessenheit, d. h. den „Befall“ des Körpers, sodass der Besessene nicht Herr über seine körperlichen Funktionen ist.
  2. Obsessio – den Einfluss auf die Psyche und den Verstand, sodass der Besessene in sich Gefühle und Gedanken verspürt, die nicht seine eigenen sind.
  3. Circumsessio – den Einfluss auf die äußeren Lebensumstände, welche den Menschen an seine Tätigkeit hindern.

Es kommt in der theologischen Literaturform vor, was schon Pater Poulain SJ in der Fülle der Gnaden. Handbuch der Mystik bemerkte,[2] dass man unter der Besessenheit nur (1) possessio versteht und (2) und (3) als dämonische Bedrängnis beschreibt und sie klar von der eigentlichen Besessenheit trennt. Dies ist aber falsch, da Besessenheit graduell sein kann. Sie fängt manchmal mit (3) circumsessio an, geht über (2) obsessio zu (1) possessio über. Es passiert manchmal, dass Menschen, die in heimgesuchten Häusern wohnen zuerst (3) erfahren, indem sie beispielsweise beobachten, wie Dinge plötzlich verschwinden und sich an anderen Orten wiederfinden oder sich Gegenstände von selbst bewegen. Dann haben sie mit (2) zu kämpfen, mit Obsession eben Gedanken, plötzlichen Stimmungsschwankungen, unerklärlichen Ideen. Am Ende kommt es dann manchmal zu (1), indem sie das Bewusstsein verlieren und sich nicht mehr daran erinnern können, was sie gemacht haben oder plötzlich eine ganz neue Persönlichkeit entwickeln, die über sie herrscht. Aber lesen wir die Passage von Pater Poulain SJ zu diesem Thema:

„[…] Es gibt jedoch noch schrecklichere Angriffe, bei denen er [der Teufel] viel offener auftritt. Das ist der Fall bei der Besessenheit der possessio oder obsessio.“[3]

Pater Poulain behandelt die Besessenheit in seinem Kapitel über die Prüfungen beschaulicher Seelen. Denn es ist eine Tatsache, dass viele heilige Etappen von Umsessenheit, dämonischer Bedrängnis oder gar Besessenheit erlebt haben. Besessenheit ist aber, insbesondere als (1), eine Folge der Sünde gegen das Erste Gebot viel öfters eine Strafe als eine mystische Läuterung.

„Das römische Ritual [das Rituale romanum mit dem Ritual des Exorzismus] unterscheidet diese zwei Worte nicht, ebenso wenig wie der heilige Alfons von Liguori in seiner Praxis des Beichtvaters. Doch viele Theologen machen diese Unterscheidung, und wenn sie auch in der Bedeutung nicht ganz übereinkommen, so zerlegen sie doch alle die Angriffe Satans in zwei ganz verschiedene Arten.

Wir nennen eine Person besessen (posessa) im engeren Sinne, wenn der Teufel für Augenblicke ihr ganz das Bewusstsein raubt und im Körper die Rolle der Serie Seele einzunehmen scheint. Er gebraucht, so scheint es wenigstens, die Augen, um zu sehen, die Ohren und zuhören, den Mund, um mit der Umgebung mit seinen Genossen zu reden. Er leidet, als würde er gebrannt, wenn man die Haut mit einem geweihten Gegenstande berührt. Mit einem Worte, der Teufel scheint Fleisch angenommen zu haben.“ [4]

Dies stimmt, denn Besessene Personen berichten, dass sie plötzlich das Licht der geweihten Kerzen blendet, im Gegensatz zum normalen Licht. Sie reagieren allergisch auf sakrale Gegenstände oder auf religiöse Handlungen, die sie, sozusagen als normale Person im Normalzustand, mögen.

„Beherrscht (obsessa) nennen wir eine Person, die niemals das Bewusstsein verliert, aber doch vom Teufel so gequält wird, dass man dessen Tätigkeit äußerlich wahrnehmen kann, zum Beispiel indem er sie schlägt. Das lateinische Wort obsessio bezeichnet die Einschließung eines Platzes, bei der possessio ist der Platz bereits eingenommen. Ganz so ist es nicht bei der Seele. Die Zitadelle, in der sich die höheren Fähigkeiten, Verstand und Wille befinden, kann der Teufel niemals mit Gewalt erzwingen. Beim Körper und der Fantasie ist es anders.“[5]

Obwohl es sich unglaubwürdig anhört, so werden die gequälten Personen tatsächlich von unsichtbaren Händen geschlagen oder gekratzt. Es handelt sich meistens um drei Kratzspuren, wie von einer Klaue, was die Verhöhnung der heiligen Dreifaltigkeit bedeutet. Die Wunden, Kratzspuren oder blaue Flecken sind real, doch können sich die Betroffene nicht erinnern, wo sie diese herhaben können, da sich diese Wunden oft an Stellen befinden, die nicht selbst induziert sein können.

„Manchmal unterscheidet man die zwei [der possessio und obsessio] Zustände, indem man sagt, bei der Besessenheit handelt der Teufel von innen, bei der Beherrschung von außen. Das ist schön gesagt; es fragt sich nur, was man darunter versteht. Wer meint, das Verständnis sei klar, hat eine falsche Vorstellung von den Engeln. Er betrachtet die Engel wie die irdischen Dinge, als vom Raume begrenzt und eingeschlossen, oder wie die Luft, die entweder in oder außerhalb unserer Lunge ist. So ist es aber nicht. Geister sind vom Raume nicht begrenzt.[6] Bloß ihre Wirkung auf die Materie ist örtlich begrenzt. Darum wurde in der Definition nach der Art der Handlungen, die wirklich verschieden ist und nicht nach dem Ort der handelnden Personen unterschieden. Letztere wäre bloß eine Art, sich auszudrücken.“[7]

Dies ist eine wahrlich geniale Lösung. Man kann nicht deswegen zwischen der posessio und obsessio unterscheiden, weil der Dämon ein Geist ist, der sich nicht entweder außerhalb oder innerhalb des Körpers befinden kann. Er kann den Körper durchdringen und genauso psychische oder mentale Funktionen wie auch rein körperliche Funktionen beeinflussen. Daher gibt es nur eine Besessenheit mit dreierlei Erscheinungsweisen. Dies ist deswegen von einer wichtigen praktischen Bedeutung, weil Pater Poulain und andere Autoren der Meinung sind, dass ein Exorzismus auch über Personen gebetet werden soll, die nicht körperlich besessen sind, im Sinne von (1) possessio – Besessenheit, sondern auch an denen, die unter (2) obsessio – Beherrschung und (3) circumsessio – Umsessenheit leiden.

„Wer wird so geprüft? Gewichtige Autoren, meinen, dass die Besessenheit, (im engeren Sinne) Personen, die ernst an ihrer Vollkommenheit arbeiten, nicht geschickt werde, ganz seltene und bald vorübergehende Ausnahmen abgerechnet.[8] Sie betrachten das als geschichtliche Tatsache und erklären sie dann, in dem sie annehmen, dass Gott bei solchen frommen Seelen Belästigungen des Teufels nur zulasse, um ihnen Gelegenheit zu neuem Verdienste zu geben. Zum Verdienst gehört aber die Freiheit. Freiheitsbeschränkung darf also nicht eintreten oder nur von kurzer Dauer sein. Diese Schlussfolgerung scheint nicht sehr stichhaltig zu sein. Denn wenn man auch während der Prüfung kein Verdienst erwirbt, so kann die Prüfung selbst doch vorher oder nachher eine Quelle großer Verdienste sein. Doch bleibt die Besessenheit eher eine Strafe als eine läuternde Prüfung. Die Beherrschung hingegen wird oft eifrigen Personen.“[9]

Dieser Einwand, dass die Besessenheit nicht zur Heiligung beitragen kann, da es sich um einen unbewussten Zustand handelt, ist sehr gewichtig. In den Momenten der Manifestation Besessenheit, im Sinne von (1), ist der Mensch nicht compos sui, d. h. nicht der Herr seiner selbst, wie kann man also in einem unfreien Zustand sich freiwillige und bewusste Verdienste vor Gott erwerben, wenn man doch unzurechnungsfähig ist? Pater Poulain antwortet darauf: während der Manifestationen selbst geht es zwar nicht, vorher oder nachher aber doch. Wie demütigend diese Zustände doch sind beschreibt Pater Surin SJ in seinen Tagebüchern, der als der Exorzist von Loudun eine Sühnebesessenheit freiwillig auf sich genommen hat und mehrere Jahre lang selbst besessen gewesen ist. Dies ist die bisher beste Darstellung der Besessenheit von innen heraus, der wir uns auch zu gegebener Zeit widmen werden.


[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Wil 2012, 389.

[2] Poulain August SJ, Die Fülle der Gnaden. Ein Handbuch der Mystik, Bd. 2, Freiburg im Breisgau 1910, 186-198.

[3] Ebd. 186.

[4] Ebd.

[5] Ebd. 186-187.

[6] Thomas von Aquin, Summ. Theol. I, q. 52 a.1.

[7] Poulain, 187.

[8] Scaramelli, Anleitung in der mystischen Theologie, Regensburg 1855, Teil 2, Abschnitt zwei, Kap. 7; Schramm, Institutiones theologiae mysticae (Unterweisungen in der mystischen Theologie), Augsburg 1777 (alte Ausgabe) Nr. 208; Ausgabe von 1848 [edit. Schwertfeger], Nr. 217; Meynard, Traité de la vie intérieure (Abhandlung über das innere Leben), 3. Ausgabe, Amat 1899, Bd. 2, Nr. 139.

[9] Poulain, 188.

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