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Katholische Engellehre: (49). Zustand und Wirksamkeit der bösen Geister vor dem Weltgericht (IV). Besessenheit ungleich Psychiatrie (v)

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Das Exorzistat: vom Charisma über Weihe bis zur einem bischöflichen Auftrag

„Nach den Angaben der Väter war die Besessenheit und deren Heilung durch charismatische begabte Christen, bzw. seit dem dritten Jahrhundert durch die Exorzisten, sehr häufig.“, schreibt Diekamp-Jüssen.[1] Wir sehen also die Entwicklung vom Exorzismus als Charisma zur Exorzismus als Weihe, da in der alten Weiheordnung das Exorzistat, nach dem Ostiariat und Lektorat folgte. Weil es so viele Besessene gab, so war es die Aufgabe des mit der niederen Weihe betrauten Exorzisten, im Auftrag des Bischofs Exorzismen vorzunehmen. Die Weihestufe blieb bis zur ihren Aufhebung durch Paul VI. mit dem Motu proprio Ministeria quaedam vom 15. August 1972, aber mit der Zeit war diese Weihestufe nicht mehr mit der Durchführung von Exorzismen verbunden. Wir wollen an dieser Stelle nicht die Geschichte des Exorzismus darstellen, stellen lediglich fest, dass nachgewiesenermaßen bis ins 14. Jahrhundert hinein Exorzismen auch von Laien durchgeführt wurden, da man in ihnen nach wie vor ein Charisma oder gar eine Art Fertigkeit sah. Darüber schreibt Adolf Franz in seinen „Kirchlichen Benediktionen im Mittelalter“[2] wie folgt:

„Der Vollzug der Exorzismen war in Klöstern und an Wallfahrtsorten meist bestimmten Priestern übertragen. Aber auch Laien[3] durften den Exorzismus vornehmen, ja selbst Frauen, wie die erfolgreichen Exorzismen der hl. Euphrasia und der hl. Hildegard bezeugen.[4] Letzteres war aber ein Ausfluss besonderer Gnadengaben; gewöhnlich vollzogen Regular- und Weltpriester die Exorzismen. Aber nicht jeder Priester war dazu geeignet. Das Exorzisieren galt als eine Kunst, die nicht jeder verstand. Es gehörten dazu eine gewisse Kenntnis der Symptome der körperlichen und geistigen Krankheiten, unter welchen die Besessenen litten, weiter eine gute Beobachtungsgabe für die während der Beschwörung oft wechselnden Zustände derselben und endlich eine große Kaltblütigkeit. Der Exorzist musste auch die richtige Auswahl der Gebete zu treffen wissen.[5] Überdies wurden im späten Mittelalter die Bräuche und Formel bei den Beschwörungen so kompliziert und umfangreich, dass nur ein geübter und gewandter Priester ohne Schwierigkeit des Amtes eines Exorzisten walten konnte.[6] Vor allem fordern schon die älteren Formen, dass der Exorzist mit reinem Gewissen an seine ernste Aufgabe herantreten und darum vorher beichten sollte.[7] Außer der notwendigen theologischen Kenntnis und praktischen Übung stellt Gorichem [Red. Autor des Tractatus de superstitiosis quidusdam casibus] als Vorbedingung für den Erfolg des Exorzismus demütigen Sinn und eifriges Gebet des Exorzisten hin.“[8]

Mit der Zeit wurde das Exorzismieren immer mehr eingeschränkt und von einer bischöflichen Erlaubnis abhängig gemacht. In der theologischen Literatur, wovon auch Diekamp-Jüssen Zeugnis gibt, wurden immer mehr Besessenheitsfälle mit falsch diagnostizierten psychiatrischen Fällen verwechselt. So lesen wir bei Diekamp-Jüssen:

„Es wird aber wohl ein Zweifel daran verstattet sein, ob wirklich in all diesen Fällen eigentliche Besessenheit vorlag oder ob nicht vielleicht öfters eine bloße Krankheit, wie Epilepsie, Hysterie, Geisteskrankheit, mit Besessenheit verwechselt wurde.“[9]

Sowohl Diekamp als auch Jüssen ist das Zweifeln diesbezüglich gestattet, solche Zweifel zeugen aber davon, dass man im Thema Exorzismus völlig unbelesen ist, geschweige denn mit einem Besessenen oder Umsessenen zu tun hatte. Denn, obwohl manche Symptome mit psychiatrischen Krankheiten gleich sind, wie das Hören von Stimmen oder Visionen, so werden diese Symptome verstärkt oder flauen ab, wenn man diese Person dem Sacrum – Gebete, Beschwörungsformeln, Reliquien, geweihte Gegenstände aussetzt. Wir werden uns dieser Thematik noch im Einzelnen widmen, an dieser Stelle sei nur erwähnt, dass der Teufel leider alle Symptome von körperlichen und psychischen Krankheiten hervorrufen kann, um sich auf diese Art und Weise zu verstecken. Liest man die Traktate von Exorzisten über sichere und mutmaßliche Anzeichen der Besessenheit, so weiß man, dass sich das „Krankheitsbild“ von den psychiatrischen Fällen deutlich unterscheidet.


[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Wil 2012, 389.

[2] Franz, Adolf, Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter, Bd. II, Bonn 2006, 514-615.

[3] Vgl. Caesarius, Dialog. Dist. VII, c. 38, II 52, Ein Konverse des Zisterzienserklosters Hemmenrode kommen, namens Walter, behandelte einen besessenen reichen Bauer, der in das Kloster gebracht worden war, mit Erfolg.

[4] Franz, Benediktionen, Bd. II, 545 ff und 553 ff.

[5] Vgl. Gorichem CKSt GB 72, Bl. 27 a.

[6] Gorichem CKSt GB 72, Bl. 14..

[7] Franz, Benediktionen, Bd. II, 554m 557. Es ist ein schlimmes Zeugnis für die Sittlichkeit des Klerus im 14. und 15. Jahrhundert, wenn in Anweisungen für den Exorzismus vom Exorzismen in einem Falle mindestens neun, in einem anderen mindestens vier Tage vor dem Vollzug des Exorzismus Enthaltung von Unzucht gefordert wird.

[8] Ebd. 566-568.

[9] Diekamp-Jüssen, 389.

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