Katholische Engellehre: (8) Anzahl der Engel in Schrift und Tradition.

II. Die Anzahl der Engel ist überaus gross (sententia communis)

Wenn man sich vor Augen stellt, dass die Weltbevölkerung seit Anfang der Menschheit ständig wächst, so fragt man sich, ob die Anzahl der Engel für alle Menschen bis zur Ende der Welt ausreichen wird. Verschiedenen Schätzungen zufolge lebten vor 75.000 Jahren nur 1.000 – 10.000 Menschen, bis zum Ende der letzten Kaltzeit vor 10.000 Jahren lebten dann in etwa 5 bis 10 Millionen Menschen, zur Zeit der Geburt Christi gab es auf der Welt 170 bis 400 Millionen Menschen. Wie man es auch rechnet, es werden mehr und nicht weniger (Quelle).

Es gilt als theologisch sicher (certe), dass jeder Getaufte einen Schutzengel hat, aber die meisten Theologen nehmen an, dass tatsächlich jeder Mensch über einen Schutzengel verfügt, der ihm während seiner Lebenszeit zur Verfügung gestellt wird. Die Frage danach, wie viele Menschen bis heute auf der Welt lebten, ist sicherlich schwierig zu beantworten, manche gehen von ungefähr 100 Milliarden Menschen aus, sodass heute die Menschheit 7 % der gesamten Menschheit innerhalb der Menschheitsgeschichte ausmacht. Da außerdem Engel für manche physikalischen Vorkommnisse in der Welt zuständig sind, da sich nur die unterste Klasse der Engel um die Menschen kümmert, so ist die Frage zulässig:

Gehen denn Gott die Engel nicht irgendwann mal aus?

Die Antwort darauf lautet natürlich: „nein“, da Gott in seiner Vollkommenheit die Anzahl der Engel, wie alles andere, vorhergesehen und vorausgeplant hatte. Die Anzahl der Engel ist nämlich überaus groß.

Die Heilige Schrift

Die Heilige Schrift spricht mehrmals von der überaus großen Anzahl der Engel

Dan 7,10: Ein Strom von Feuer ging von ihm aus. Tausendmal Tausende dienten ihm, zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht nahm Platz, und es wurden Bücher aufgeschlagen.

Dtn 33, 2: Er sprach: Der Herr kam hervor aus dem Sinai, er leuchtete vor ihnen auf aus Seïr, er strahlte aus dem Gebirge Paran, er trat heraus aus Tausenden von Heiligen. Ihm zur Rechten flammte vor ihnen das Feuer des Gesetzes.

Mt 26, 53: Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?

Hebr 12,22: Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung

Offb 5,11: Ich sah, und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend.

Zwar erscheint uns die Zahl. 1000 oder 10.000 nicht übermäßig groß zu sein, aber in der symbolträchtigen Sprache der Heiligen Schrift bedeutet es eine sehr große Menge, eine damals bekannte Maximalzahl.

Zwar sind wir dank der Evolutionsbiologie daran gewohnt zu denken, dass höherstehende Organismen, die komplizierter sind, weniger zahlreich sind als die zahlreichen einfachen Organismen. So ist die Anzahl der Menschen oder der Säugetiere kleiner als die der Einzeller oder der Bakterien. Der Heilige Thomas von Aquin jedoch gibt an (vgl. Summ. Ia q. 50 a.3), dass die Zahl der Engel unendlich höher ist als die Zahl aller körperlichen Substanzen.[1] Den Grund sieht der Doctor Angelicus darin, dass ihre geistige Vollkommenheit sich nicht mittels einer materiellen Größe zeigen kann. Daher geziemt es sich, dass geistige Wesen wegen ihrer Zahl die körperlichen Substanzen überschreiten. Angeblich soll ein Dämon dem Exorzisten Tomaselli gesagt haben, dass die Anzahl der Dämonen so groß sei, dass die Sonne verdecken würden, sollten sie sich jemals materialisieren können.[2] Diese Aussage würde dem hl. Thomas Recht geben, der in seinen Ausführungen schreibt (Summ. Ia q. 50 a.3):

Dritter Artikel.
Die Zahl der Engel ist sehr groß.

a) Dies scheint nicht. Denn:

I. Die Zahl gehört der Seinsart des Umfanges an; sie entsteht nämlich aus der Teilung des in sich Zusammenhängenden. Die Engel aber sind unkörperlich. Also kann von Zahl bei ihnen keine Rede sein.

II. Je mehr etwas der Einheit nahe ist, desto weniger ist es vielfältig. Die Natur der Engel aber ist Gott, der höchsten Einheit in hohem Grade nahe. Also sind deren nicht viele.

III. Die eigentliche Wirkung der geistigen Substanz scheint die Bewegung der Himmelskörper zu sein. Aber bei den Himmelskörpern giebt es wenige verschiedene Arten von Bewegungen. Also bestehen wenige Engel. [S. 73]

IV. Dionysius sagt (4. de div. nom.): „Auf Grund der Strahlen der göttlichen Güte bestehen alle geistig erkennenden und geistig erkennbaren Substanzen.“ Ein geistiger Strahl aber wird nicht vervielfältigt, außer wegen der verschiedenen Dinge, die ihn auffangen. Die veränderlichen stofflichen Dinge nun hier auf Erden können nicht jene geistigen Strahlen aufnehmen, da die geistigen Substanzen stofflos sind. Also kann die Vervielfältigung derselben höchstens nur angenommen werden gemäß dem Bedürfnisse der vorzüglichsten, alle Veränderung leitenden und in ihrer Substanz unveränderlichen Körper, nämlich der Himmelskörper. Somit folgt die Zahl der Engel derjenigen der Himmelskörper.

Auf der anderen Seite steht bei Daniel (7, 10.) geschrieben: „Tausende von Tausenden dienten Ihm und zehnmal Hunderttausende standen vor Ihm.“

b) Ich antworte, daß man auf verschiedene Weise gesucht hat, etwas über die Zahl der Engel festzustellen. Plato nämlich meinte Arist. 1 Metaph.), es seien so viele vom Stoffe getrennte Substanzen wie es Gattungsbegriffe giebt. Denn er nahm an, die Gattungen der Dinge seien für sich bestehende Wesen; wie wenn z. B. die menschliche Natur an sich bestände, ohne daß sie dieser oder jener einzelne Mensch wäre.

Das mißbilligt aber Aristoteles, weil der Stoff, also das Princip davon daß etwas einzeln in Zeit und Ort, dieses und nicht jenes der Zahl nach ist, zum inneren Gattungswesen der stofflichen Dinge gehöre. Somit können stofflose Substanzen nicht eine solche Gattung sein, sondern sie haben ein darüber erhabenes Sein. Aristoteles hielt aber dabei fest, daß diese stofflosen Substanzen Beziehungen haben zu den sichtbaren Dingen, insoweit sie auf dieselben durch ihre bewegende Kraft einwirken und zweckgemäß leiten. Somit suchte er gemäß der Zahl der hauptsächlichen maßgebenden Bewegungen die Zahl der Engel festzustellen.

Weil aber dies der heiligen Schrift zuwider zu sein schien, nahm Rabbi Moses (2 Perplexorum 4 et 6) wohl mit Aristoteles an, daß der Engel, soweit sie stofflose Substanzen sind, so viele bestehen wie an erster Stelle maßgebende Bewegungen; er fügte jedoch hinzu, daß in der Schrift auch Menschen, welche Göttliches verkünden, Engel genannt werden und ebenso die Naturkräfte, welche Gottes Allmacht offenbaren.

Letzteres jedoch ist nicht die Gewohnheit der Schrift, daß sie nämlich Naturkräfte Engel nannte.

Demnach sagen wir, daß die Engel, auch insofern sie an sich bestimmte, stofflose Substanzen sind, in einer überaus großen Anzahl geschaffen worden sind, die jegliche Menge im Stoffe übersteigt. Und das bezeichnet Dionysius (14. de cael. hier.): „Viele Heerscharen der hohen Geister bestehen; sie lassen hinter sich an Zahl allen Vergleich mit unseren schwachen und beschränkten stofflichen Dingen.“ Und davon ist der Grund folgender: Da die Vollendung des All, seine Vollkommenheit, in erster Linie von Gott bei der Erschaffung beabsichtigt worden ist, so sind jene Dinge in desto größerem Übermaße geschaffen, welche vollkommener sind. Nun besteht bei den stofflichen Dingen das Übermaß in der Größe; bei den stofflosen in der Zahl. Sonach sehen wir, wie die dem irdischen Entstehen und Vergehen nicht unterworfenen Himmelskörper, welche unter den Körpern den ersten Rang einnehmen, über allen Vergleich hinaus unsere stofflichen Körper an Größe überragen; denn alle Ausdehnung des irdischen Wechsels ist etwas höchst Geringes in Vergleich mit den Himmelskörpern. Und so ist es auch der Vernunft entsprechend, [S. 74] daß die ganz stofflosen Substanzen als die edelsten unter den Seinsarten in überaus großer Zahl geschaffen worden sind.

c) I. In den Engeln ist keine Zahl, wie eine solche aus der Teilung des in sich Zusammenhängenden hervorgeht; sondern eine solche, wie sie dem Unterschiede in den Wesensformen entspricht, wonach das eine Wesen nicht das andere ist. Es ist da eine transcendente Vielheit. (Kap. 11, Art. 2.)

II. Weil die Natur des Engels nahe bei Gott ist, hat sie das geringste Maß von Vielheit in ihrer Zusammensetzung; sie hat so wenig als möglich Teile. Das hat aber mit der Zahl nichts zu thun.

III. Aristoteles hätte recht, wenn die stofflichen Substanzen wegen der stofflosen da wären. In diesem Falle wäre eine jede solche Substanz zwecklos, aus der nicht eine gewisse bewegende Kraft nach dem Sichtbaren hin hervorginge. Das ist aber nicht der Fall, daß die Engel wegen des Stoffes da sind; denn der Zweck ist edler als das bloß Zweckdienliche. Danach hat Aristoteles selbst seinen Beweis als einen wahrscheinlichen bezeichnet, der von der Thatsache ausgeht, daß wir zur etwaigen Erkenntnis des rein Vernünftigen nur durch die Sinne gelangen können.

IV. Der letzte Einwurf geht davon aus, daß die Natur des Stoffes der Grund des Unterschiedes in den Dingen sei. Das wurde jedoch bereits Kapitel 47, Artikel 1 zurückgewiesen. Sonach ist weder das Körperliche noch der reine Stoff die Ursache für die Vielheit der Engel, sondern die göttliche Weisheit hat verschiedene Reihen stoffloser Substanzen erdacht.

Während also die stofflichen Organismen aus irgendetwas zusammengesetzt sind, sodass Menschen und andere Säugetiere Bestandteile der niederen Organismen in sich enthalten, so sind sie zwar als Individuen weniger zahlreich, aber auf einen Menschen fallen zum Beispiel soundso viele Bakterien und Einzeller, wenn man all seine „Bestandteile“ aufrechnet. Wenn man also alle den höheren Lebensformen inhärierenden niederen Lebensformen aufaddiert, so kann man auch hier dem heiligen Thomas Recht geben, dass das Vollkommenere, summarisch gesehen, auch in der materiellen Welt zahlreicher ist. Die Engel aber sind aber weder stofflich noch zusammengesetzt, sodass für sie andere Regeln gelten. Da die Engel ihre Überragenheit nicht in der körperlichen Größe zeigen können, dass sie immateriell sind, so geziemt es sich, dass sie die materiellen Substanzen an Zahl übertreffen (De pot. Q. 6 a. 6; vgl. C. Gent. II, 92). Dies bedeutet, dass nicht ein jeder Engel größer als ein Geschöpf ist. Dennoch sind die Engel viel größer als Menschen, will man den Engelserscheinungen glauben. So spricht das Fest der Erscheinung des Heiligen Erzengels Michael auf dem Berg Gargamo, das bis in das Jahr 1960 im Tridentinischen Brevier am 8 Mai als Duplex Maius[3], gefeiert wurde, von einem riesigen Engel.

Menschen, denen solche Erscheinungen auch von gefallenen Engeln zuteilwerden, sprechen von riesigen Gestalten, so können wir davon ausgehen, dass sogar diese Engel, welche den Menschen erscheinen – und das ist die unterste Klasse – nicht mikroskopisch klein sind.

Laut dem Heiligen Augustinus bleibt die allgemeine Menge der Engel im arithmetischen Verständnis unbekannt (De civ. Dei. XV, 1), obwohl die Erlösten angeblich die Lücke, die nach dem Fall 1/3 der Engel entstand, ergänzen sollen. Falls diese These tatsächlich stimmt, dann macht es keinen Sinn solche Rechnungen durchzuführen, weil wir sowohl die allgemeine Menge der Menschen von Anbeginn der Welt als auch die Menge aller Erlösten nicht kennen. Machen Sie sich aber bitte keine Sorgen, dass es für die Getauften nicht genug Engel gibt. Das wird niemals der Fall sein. 

[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Wil 2012, 374.

[2] https://www.youtube.com/watch?v=0ppg_S4OHSE

[3] Vgl. Trident 1910, Kalender, Mai 8.
 

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