Katholische Engellehre: Die Existenz und Herkunft der Engel. Spekulative Begründung (2)

Die Existenz und Herkunft der Engel

Spekulative Begründung

Nach den im vorigen Teil aufgeführten biblischen und theologischen Argumenten kann man sich dennoch die Frage stellen, ob die Existenz der Engel spekulativ, d. h. bloß durch die Vernunft bewiesen oder wenigstens für wahrscheinlich erklärt werden kann.    

Bei Diekamp-Jüssen lesen wir:

„Obwohl man aus der bloßen Vernunft die Existenz der Engel nicht beweisen kann, weil Gott in der Erschaffung der Welt nicht nur vollkommen frei ist, sondern auch weil es keine Wirkungen gibt, die notwendig die Engel als Ursache hätten, so gibt uns der Verstand trotzdem viele Gründe an, warum diese zumindest sehr wahrscheinlich ist“.[1]

Dies will sagen, dass Gott als allmächtig durchaus alle natürlichen und übernatürlichen Wirkungen selbst und direkt vollbringen könnte. Wenn ein Apfel vom Baum fällt, denken wir nicht automatisch an eine Wirkung eines Engels, sondern an den natürlichen Vorgang der Schwerkraft. Wenn jedoch eine bleierne Kugel von selbst sich von unten nach oben bewegt, so sehen wir darin einen paranormalen Vorgang. Wo kommt er her? Ein ganz großer Fehler der nachkonziliaren „frommen“ Theologie, welche sich meistens um Privatoffenbarungen kümmert, besteht darin alles Paranormale oder Übernatürliche einzig und allein Gott zuzuschreiben. Wenn also irgendwo ein Rosenduft verströmt oder eine Madonnenstatue blutige Tränen weint, wenn man einen Betrug oder Sinnestäuschung ausschließen kann, dann kommt es sicherlich von Gott, wie die gloria.tv Poster angeben, denn woanders her könnte es nicht kommen. Diese Ansicht ist aber falsch, da auch die gefallenen Engel Wunder wirken können, weil die Theologie annimmt, dass sich Gott, der die Engel erschaffen hat, ihrer zu bestimmten Zwecken bedient. Wenn es also die Engel gibt, wie uns die Heilige Schrift angibt, dann gibt es sie nicht ohne Grund.

a. Der erste wahrscheinliche Grund für die Existenz der Engel ist die Stufenfolge in der Vollkommenheit der Geschöpfe. Es ist sehr wahrscheinlich, „dass es über der menschlichen Seele noch vollkommenere Geister gibt,  die nicht auf eine Vereinigung mit dem Stoff angelegt,  sondern in reiner Geistigkeit Gott ähnlicher sind als die Seele.“[2] Der Mensch erfährt sich selbst als zusammengesetzt aus dem Leib, der nach unten zieht und der Seele, welche nach oben, zu Gott hin, strebt. Viele Menschen erfahren solche Momente, in denen sie spüren, dass ihr Leib ihnen sozusagen im Wege steht. Da die körperlichen Dinge in einer wunderbaren Vielfalt der Formen erschaffen worden sind, siehe die Tierwelt, so ist es wahrscheinlich, dass es Wesen gibt, die ausschließlich aus der Seele bestehen. Es erscheint angemessen, dass nicht nur die Menschen eine Seele haben, wie nicht nur die Menschen farblich sehen können. Vgl. Summ theol. 1 q. 50 a. 1; C. gent. 11, 46.

b. Den zweiten Grund bezeichnet man als Gloria formalis [die formelle Glorie, d. h. die „Qualität“ des Lobpreises] Dabei handelt es sich um die Ehre und die Anbetung, welche die Geschöpfe Gott, dem Herrn schuldig sind. Aufgrund seiner Natur ist der Mensch nicht in der Lage Gott so zu ehren und anzubeten, wie Er es als ein unendliches Wesen verdient. Von der Gloria formalis muss man die Gloria materialis [die materielle Glorie, d. h. die „Quantität“ des Lobpreises] unterscheiden, weil es neben den durchschnittlichen Menschen auch Heilige gibt, die Gott eine größere Ehre bereiten, als die meisten Christen. Dies bedeutet, dass ein bestimmter Heiliger aufgrund seiner Heiligkeit Gott mehr Lobpreis als Lieschen Müller bereiten kann. Aber ein Heiliger bleibt dennoch immer ein Mensch, sodass sein „Umrechnungsfaktor“ als Mensch unterhalb des „Umrechnungsfaktors“ eines Engels bleibt, der eine höhere Natur als der Mensch hat. Es ist zu erwähnen, dass wir die theologische Meinung vertreten, laut der nicht mal der größte Heilige, außer vielleicht der Mutter Gottes, in der Lage ist Gott so zu verehren, wie wie es der niedrigste aller Engel tut, was damit zusammenhängt, dass der Mensch im Gegensatz zum Engel kein reiner Geist ist und deshalb viele Jahre braucht bis er dazu kommt Gott mit all seinem Sein zu preisen. Dementsprechend ist es wahrscheinlich und angemessen, dass es rein geistige Geschöpfe gibt, die, wegen ihrer größeren Vollkommenheit und der daraus resultierenden vollkommeneren Einsicht in die Schöpfung, Gott würdiger loben können.

c. Der dritte Grund sind manche Vorkommnisse in der Welt, welche das Wirken böser Geister sehr wahrscheinlich machen (Thomas von Aquin, De malo 16 a1). Zu solchen Vorkommnissen gehört die Besessenheit, welche jedoch sehr selten ist. Der Verfasser erfuhr davon zum ersten Mal durch das Fernsehen. Wer kennt die Filmreihe der „Exorzist“ nicht? Auch muss er zugeben, dass er sie mehrere Male gesehen hat. Als junger Mann noch im pubertierendem Alter wollte er darüber alles wissen und hat die Priester aus seiner Gemeinde immer und immer wieder etwas über diese Thematik befragt. Zum Glück waren das Priester, die noch an solche Ereignisse glaubten. Einer von ihnen erzählte ihm eine Geschichte aus dem Priesterseminar, in dem ein Exorzismus stattgefunden haben soll. Da haben angeblich einige Kleriker aus Neugier versucht an der Tür zu lauschen. Je näher sie an der Tür waren, desto größer war die Spannung und das Herzklopfen. Plötzlich sollen sie eine laute, gruselige Stimme gehört haben, mit der der Dämon sich an den Priester gewandt hat: „Gut. Ich werde diesen Körper verlassen, aber dafür kriege ich die Kleriker, die gerade versuchen an der Tür zu lauschen“. Angeblich waren diese Kleriker sofort weggerannt, als sie diese Stimme gehört haben. Die Ansicht, dass der Teufel einen Menschen direkt angreifen kann, hat mit Sicherheit keinen gnostischen, sondern einen biblischen Ursprung:

„Er entsandte über sie die Glut seines Zornes, Zorn und Grimm und Drangsal, Schickungen durch schlimme Engel“ (Ps 77,49). (Alioli Bibel)

Auch aus Heiligenerzählungen (Hagiographien) geht hervor, dass der Teufel sehr konkret dem Menschen schaden kann. Obwohl der Verfasser nicht mit Gewissheit sagen kann, dass ihm selbst so etwas zugestoßen ist, dass die Teufel selbst ihm irgendwie schaden wollten, so schließt er doch nicht aus, dass dies möglich ist. Auf der einen Seite ist es klar, dass jeden Tag etwas passiert, was einem Probleme, Kummer oder Sorgen bereitet. Auf der anderen Seite, wenn man gläubig ist, so setzt man voraus, dass die Teufel durch Versuchungen einem das Leben schwer machen. Er macht es direkt oder indirekt durch andere. Wenn man bedenkt, wie viele Male man eine katastrophale Entscheidung aufgrund eines einzigen Gedanken getroffen hat, ist es durchaus möglich. Dem Verfasser kommen jetzt Betrachtungen aus seinen letzten ignatianischen Exerzitien in den Sinn. An einem der Tage sollten wir uns vorstellen, wie Satan auf einem Thron sitzt und seine Dämonen zusammenruft und sie in jedes Dorf, jede Stadt und jedes Land schickt, um die Seelen zu verderben. Sicherlich ist es so und wir hoffen, dass diese Engellehre uns dabei helfen wird uns gegen den Teufel und seine Scharen mit Gottes Hilfe zu verteidigen.

[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, 370.

[2] Ebd.

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