Kirchenrecht über Kindesmissbrauch Unser Archiv:

Kieran Tapsell, Das Kirchenrecht über den sexuellen Kindesmissbrauch im Wandel der Zeit (3 von 13). Entwicklung des Kirchenrechts im XI. und XII. Jhdt.

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„Hat es schon früher diesen Schweinkram gegeben“? Ja, es hat schon immer alles gegeben, den sexuellen Missbrauch durch Geistliche auch. Aber auch eine drakonische Bestrafung bis zur Todesstrafe hin. Interessant ist auch die direkte Übernahme der weltlichen Gesetze in das Kirchenrecht im Mittelalter. Von wegen Zwei-Klassen-Gesellschaft. Geistliche wurden für dasselbe schwerer bestraft und gut so.

Die Entwicklung des Kirchenrechts im XI. und XII. Jahrhundert

Im XI. und XII. Jahrhundert begann das Kirchenrecht, wie wir es heute kennen, im Sinne einer separaten Reihe von Gesetzen und ihrer Anwendung in der Universalkirche, sich durch solche Gelehrte wie Burchard, Ivo und Gratian zu entwickeln. Burchard, der Bischof von Worms (gest. 1025) schrieb 20 Bücher des Kirchenrechts, in denen er die Regel des heiligen Basilius über die richtige Bestrafung für Mönche, die Sex mit Jungen hatten, zitiert. Durch dieses Zitat wurde sie zum einem Teil des westlichen Kirchenrechts.[1] 

Der heilige Petrus Damiani war in seinem Buch Gomorra (1051) besonders hart gegenüber Geistlichen, die Sex mit kleinen Jungen hatten. Die Bedeutung dieses Buches aus Sicht der Geschichte des Kirchenrechts besteht darin, dass es von Papst Leo IX. gebilligt und in Burchards Decretum zitiert wurde, dass die angemessene Strafe für Geistliche, die Jungen und Jugendliche sexuell missbrauchen, in der Regel des heiligen Basilius von Cäsarea festgelegt sei.[2] 

Ivo von Chartres (gest. 1115) betonte die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat.

Er betrachtete die Dekrete christlicher Fürsten als Kirchenrecht, unter der Bedingung, dass sie nicht der Lehre der Kirche widersprechen. Er vermengte die Regeln des römischen Rechts und Gesetze der fränkischen Könige mit rein kanonischen Regeln.[3] Indem er Burchard folgte, verhängte auch Ivo von Chartres schwere Strafen für Fellatio [Oralverkehrt], Zoophilie [Verkehr mit Tieren], Päderastie und Sodomie. Die Synode von Nablus verfügte 1120 n. Chr., dass im Königreich Jerusalem diejenigen, die sich der Sodomie schuldig gemacht haben, verbrannt werden sollten.[4] 

Im Jahre 1140 schrieb Gratian von der Universität Bologna seine „Dekrete“, in denen alle früheren Sammlungen des Kirchenrechts zusammengefasst wurden und auf diese Weise er die Grundlage für andere Sammlungen bildete.[5] Es hat viele Abschnitte über den Umgang mit den sexuellen Verfehlungen von Geistlichen. Die Strafen für Geistliche sollten strenger sein als für Laien, aber Gratian ging weiter als Burchard und Ivo, die sich mit dem heiligen Basilius von Caesareas Strafen für den sexuellen Missbrauch von Jungen zufriedengaben. Gratian übernahm das alte römische Gesetz von stuprum pueri [Vergewaltigung eines Jungen], welches die Todesstrafe vorschrieb.[6] 


[1] Burchard: Decretum, Liber Decimus Septimus , Kappe 35, in Patrologiae ed. JP Migne (Paris: Migne 1853) 140: 925, Verweis in Cafardi, Before Dallas, S.159.

[2] Cafardi: Before Dallas S.4 und Petrus Damiani: Book of Gomorrah: An Eleventh Century Treatise against Homosexual Practices (Wilfrid Laurier Univ. Press, 1982), p.61. Damianis letztes Kapitel ist ein Aufruf an Papst Leo IX. Maßnahmen zu ergreifen. Aber die Antwort des Papstes bestand darin, nur Wiederholungstäter zu [aus dem geistlichen Stand] entlassen, die Auswirkungen auf die Opfer zu ignorieren und die Notwendigkeit den Tätern zu vergeben zu betonen. Pater Thomas Doyle: Affidavit in the case of Jane Doe v Oblates of Mary Immaculate, District Court Bexar County Texas, Cause No. 2006CI09725, January 2008, par 21 http://reform-network.net/?p=1464 (Accessed 6 May 2013).

[3] Constant Van de Wiel: History of Canon law (Peeters Press Louvain 1991), par 126, loc 986.  

[4] Johansson & Percy, Homosexuality in Bullough & Brundage: Handbook of Medieval Sexuality, p.166 .

[5] Van de Wiel: History of Canon law, par 128, loc 1013.  Gratians Dekrete hatten großen Einfluss auf die Lehre des Kirchenrechts, aber sie wurden nie als offizielle Version des Kirchenrechts anerkannt. Gregor IX. (1227-1241) beauftragte Raymond von Pennafort damit neue, einheitliche und vereinfachte Zusammenstellung der Dekrete vorzubereiten, die nur die geltenden Gesetze enthalten sollte. Aber Raymond bezog darin Gratians Dekrete ein. Die Dekretalen Gregors IX. wurden die erste offizielle Veröffentlichung des gesamten Kirchenrechts und blieben als die wichtigste Sammlung bis zum Kodex von 1917 bestehen: id par 141-143, loc, 1081-1092, und Doyle und Rubino: Clergy Clergy Sexual Abuse Meets the Civil Law, Fordham Urban Law Journal  (2003) Vol. 31 Ausgabe 2 S.582, n. 224: http://ir.lawnet.fordham.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1888&context=ulj (Zugriff am 18. Januar 2015). Es gab spätere Kompilationsversuche, aber keiner von ihnen hob das alte Gesetz von Gratians Dekreten auf: Wiel, siehe oben, Par. 161, loc. 1164.

[6] Dekret Gratians, D. 1, de pen., C.15 in Decretum Magistri Gratiani, Herausgeber Lipsiensis Secunda , Herausgeber, AL Richter, (Graz, Friedberg, 1879, 1959). Hier sprach Gratian speziell über den sexuellen Missbrauch von Jungen und nicht nur über Homosexualität im Allgemeinen: John Boswell in Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality: Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century (University of Chicago Press 1980),  loc 6232. Siehe auch P. Thomas Doyle: Affidavit Jane Doe Par 22 http://reform-network.net/?p=1464 (Zugriff 6. Mai 2013); Cafardi, Before Dallas , S.4. Gratian nahm in seine Dekrete auch einen Kanon der Londoner Synode 1102 auf, der besagt, dass Geistliche, die der Sodomie für schuldig befunden wurden, entweder des Amtes enthoben oder exkommuniziert werden sollten: Doyle und Rubino: Clergy Sexual Abuse Meets the Civil Law , S.583. John Boswell in Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality : loc 7967 sagt, dass rechtliche Aufzeichnungen für das Mittelalter unzureichend sind, um festzustellen, inwieweit die Todesstrafe tatsächlich vollstreckt wurde.

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