Kirchenrecht über Kindesmissbrauch Unser Archiv:

Kieran Tapsell, Das Kirchenrecht über den sexuellen Kindesmissbrauch im Wandel der Zeit (5 von 13). Der kulturelle Wandel im XIX. Jhdt.

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Wann begann das Mauscheln und das Unter-den-Teppich-Kehren? Lange vor dem Konzil und sogar dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870), nämlich im Jahre 1842. Diese Gesetzgebung handelte vom rein kirchlichen Vergehen, gleichsam von einem Amtsdelikt. Es geht um die Sünde der Sollizitation [auf Deutsch „Verführung des Beichtkindes“], bei der Priester im Beichtstuhl von ihren Beichtkindern Sex verlangen. Wie wir uns erinnern können, wurden solche Priester in Spanien nach Cum Sicut Nuper (1561) den weltlichen Behörden zur Bestrafung übergeben. Ab 1842 fängt man aber an mit den Geistlichen immer nachsichtiger zu werden, dafür aber den Sollizitationsprozess selbst immer geheimer zu halten und mit dem Beichtgeheimnis zu belegen. Es ist wirklich eine schiefe Ebene, denn zuerst werden die Opfer in manchen Ländern von der Anzeigepflicht entbunden, dann wird Zurückhaltung bei der Übergabe solcher Priester an Zivilbehörden und ihre Entfernung aus dem geistlichen Stand geübt. Und was passierte dann? Für Erwachsene nach Adam Riese: Es passierte, dass es immer mehr von diesen Priestern gab und dass sie immer frecher wurden, weil man sie immer weniger bestrafte. Und so haben wir die heutigen Zustände, abgesehen davon, dass kaum einer beichtet. Es ist auch kein Wunder, dass man „früher“ niemals davon hörte, weil ja alles streng geheim war, im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, wo man den „Skandal“ weniger fürchtete. Ab 1842 gab es diesen kirchenrechtlichen Rückzieher und 1846 gab es La Salette, wo gesagt wurde: “ […] da die heiligen Orte in Verderbnis sind. Zahlreiche Klöster sind nicht mehr Häuser Gottes, sondern die Weiden des Asmodeus und der Seinen.“ Jetzt sehen wir, warum gerade 1846 diese Botschaft auftrat, wo noch von Weitem besehen alles in Ordnung schien. Man muss einfach davon ausgehen, dass die Anzahl der sittlichen Delikte dermaßen zunahm, dass man sie verschweigen wollte und musste. Und warum war es so? Weil die Kirche ihre eigene Gerichtsbarkeit nicht mit Gefängnis und Strafe bei Geistlichen durchsetzen konnte und zwar durch die Abschaffung der kirchlichen Gerichtsbarkeit durch Code Napoleon. Davor wurden die Geistlichen bei gemeinen Verbrechen (Diebstahl, Vergewaltigung) ausschließlich durch Kirchengerichte bestraft oder bei Todesstrafe der weltlichen Justiz übergeben. Es gab kirchliche Gefängnisse, wo Geistliche wegen krimineller Taten und nicht nur wegen Häresie einsaßen. Fielen diese Gefängnisse weg, dann wurden die Geistlichen für Kriminelles gar nicht kirchlich bestraft, weil die Kirche keine eigenen Justizmittel hatte, sie wurden aber kaum oder gar nicht der weltlichen Justiz zur Bestrafung übergeben. Als Geistlicher blieb man also weitgehend straflos. Und so wucherte das Unkraut und wuchert bis heute.

Die Anfänge eines kulturellen Wandels

Ab 1842 unter der Herrschaft von Papst Gregor XVI. fangen wir an, ein Widerstreben bei der Übergabe von Priestern an die säkularen Behörden in einigen Ländern festzustellen. In diesem Jahr erließ das Heilige Offizium ein Dekret, dass alle Pönitenten [Beichtkinder] von ihrer kanonischen Verpflichtung freistellt, Priester in Ländern „der Schismatiker, Ketzer und Mohammedaner“ zu denunzieren, die im Beichtstuhl um Sex gebeten [d.h. Sollizitation betrieben] haben. Das Dekret wird mit der Feststellung begründet, dass es für solche Priester ein Leichtes gewesen wäre, der Bestrafung durch schismatische Bischöfe oder ungläubige Richter zu entkommen.[1] 

Im Jahr 1866 sehen wir eine Veränderung, nicht nur in der Frage der Übergabe von Priestern an die Zivilbehörden, sondern auch eine Zurückhaltung, Priester [aus dem geistlichen Stand] zu entlassen, selbst wenn sie im Beichtstuhl sollizitiert [um Sex gebeten] haben. Eine Anweisung von Pius IX. durch das Heilige Offizium legt diesem Verfahren [der Bestrafung der Sollizitation] absolute Geheimhaltung auf, aber es wird nicht erwähnt, dass solche Priester der weltlichen Autorität übergeben werden sollen. Die Anweisung stellt fest, dass eine Zurückhaltung bei der Übergabe dieser Priester an die „weltlichen Behörden“ geübt werden sollte.[2] 

Am 20. Juli 1890 erteilte das Heilige Offizium unter Papst Leo XIII. eine weitere Anweisung, die recht detaillierte Verfahren im Falle der Sollizitation mit dem Beichtgeheimnis belegte. Jetzt beginnen wir eine erhöhte Besorgnis über den Skandal zu sehen, den solche Prozesse hervorrufen könnten.[3] Die Verfahren, die in diesem Dekret beschrieben werden, waren darauf ausgerichtet nicht nur den die Beweise [der Sollizitation], sollte es welche geben, geheim zu halten, sondern auch die Tatsache, dass überhaupt [solch] ein Prozess stattfand. Der Prozess sollte nicht im Ordinariat durchgeführt werden. Zeugen sollten an verschiedenen Tagen gerufen, zur Geheimhaltung vereidigt, allein interviewt und die Verhöre sollten in einer Sakristei oder an einem anderen privaten Ort stattfinden.[4] 


[1] Gasparri, Codis Iuris Canonici Fontes, Band IV Curia Romana N714-2055, 889, SCS Off. Litt 20 Mai 1842

http://www.awrsipe.com/patrick_wall/selected_documents/1842%20Augustinian%20dubium.pdf (Zugriff am 20. September 2014)

[2] Gasparri, Herausgeber, Codicem Iuris Canonici Fontes, Vol. 1, (Vatikan, Typis Polyglottis, 1926), Par 14 http://www.awrsipe.com/patrick_wall/selected_documents/1866%20Instruction%20on%20sacramentum%20poenitentiae.pdf (Zugriff vom 9. Februar 2013) Die Geheimhaltungsanweisungen wurden 1897 wiederholt http://www.awrsipe.com/patrick_wall/selected_documents/1897_instructionis_circa_sacramentum_poenitentiae.pdf (Zugriff am 9. Februar 2013. SCS Off. Instr., 20. Februar 1866, Anweisung unter Sacramentum Poenitentiae , Par 12 http://www.awrsipe.com/patrick_wall/selected_documents/1866%20Instruction%20on%20sacramentum%20poenitentiae.pdf (Zugriff am 20. September 2014)

[3] Gasparri, Herausgeber, Codicem Iuris Canonici Fontes, Vol. 1, (Vatikan, Typis Polyglottis, 1926) N.714-2055, 1123 http://www.awrsipe.com/patrick_wall/selected_documents/1890%20Denunciations%20of%20confessors.pdf 

[4] In der überarbeiteten historischen Einführung zu Sacramentorum Sanctitatis Tutela sagte Papst Benedikt XVI. die Vertraulichkeit wurde ursprünglich deswegen auferlegt, weil Fälle von Solizitation im Beichtstuhl das Beichtgeheimnis betrafen. Dann sagte er: „Im Laufe der Zeit und nur analog wurden diese Normen auf einige Fälle von unmoralischem Verhalten von Priestern ausgedehnt.“ Diese Aussage wird durch die oben dargelegte Dokumentation gestützt. Aber es beantwortet nicht die Frage, warum das Geheimnis des Heiligen Offizium bei einigen Fällen sexuellen Fehlverhaltens erforderlich war, bei denen das Beichtgeheimnis keine Rolle spielte. http://www.vatican.va/resources/resources_introd-storica_en.html (Zugriff am 3. Juli 2013)

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