Kirchenrecht über Kindesmissbrauch Unser Archiv:

Kieran Tapsell, Das Kirchenrecht über den sexuellen Kindesmissbrauch im Wandel der Zeit (8 von 13). Priester und Konkordate

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Es ist einigermaßen schockierend zu erfahren, dass in vielen Konkordaten des XX. Jhds für Geistliche geringere Strafen bei Regierungskriminalität als für Laien vorgesehen sind. Damals konnten Priester noch politisch tätig werden und ließen sie sich etwas zu schulden kommen, so drohte ihnen höchstens ein Kloster. Nein, es war keine Freistellung von Gemeinverbrechen wie Sexualdelikten, aber dennoch. Heutzutage bekommt man die vatikanische Staatsangehörigkeit und kann mit dem Diplomatenpass flüchten, wenn Franziskus es möchte. Vor der Französischen Revolution gab es kein allgemeines Strafrecht, sondern man wurde nach dem Stand bestraft, zu dem man gehörte. Ein Adeliger anders als ein Bauer, aber dennoch bestraft so, dass es weh tat. Wir sehen hier aber, dass die abgeschlossenen Konkordate unsere lieben Geistlichen darin bestärkten, dass gleich was passieren wird, sie nicht im Gefängnis landen werden. Während des Zweiten Weltkrieges und in der kommunistischen Herrschaft konnten aber viele für ihre Mitbrüder aus der Vergangenheit Sühne leisten, denn es wurden sehr viele verhaftet, in manchen Ländern fast alle. Eine Art ausgleichender Gerechtigkeit also.

Der Priester als ontologisch verändertes Wesen

Die Theologie, dass ein Priester jemand Besonderes ist, reicht bis vor den heiligen Augustinus zurück, sie scheint aber um die frühen 1900er Jahre ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Sie wurde in der Seligsprechung von 1905 und in der Heiligsprechung 1925 des französischen Priesters John Vianney durch Papst Pius XI., personifiziert, der verkündete: Nach Gott ist Priester alles!“[1] Es scheint, dass die Kirche Lord Actons schlimmste Häresie als Orthodoxie akzeptiert hatte, dass „das Amt seinen Inhaber heiligt“.[2] Diese Theologie spiegelte sich in den Konkordaten wider, die der Heilige Stuhl mit katholischen Ländern eingegangen ist, um besondere Privilegien für Priester, die wegen Regierungskriminalität [State crimes] verurteilt wurden, zu gewähren. Sie konnten ihre Haftstrafe eher in einem Kloster als im Gefängnis verbüßen. Konkordate, die diese Art von Privilegien vorsahen, wurden 1922 mit Lettland, 1925 mit Polen, 1929 mit Italien, 1953 mit Spanien, 1954 mit der Dominikanischen Republik und 1887, 1928 und zuletzt 1973 mit Kolumbien geschlossen.[3] 


[1]  http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/letters/2009/documents/hf_ben-xvi_let_20090616_anno-sacerdotale_en.html (Zugriff am 15. Mai 2013). Die Idee, zumindest was Bischöfe betrifft, kann auch früher auf den hl. Ignatius von Antiochien St. zurückgeführt werden. Katholischer Katechismus Par.1549: http://www.vatican.va/archive/ccc_css/archive/catechism/p2s2c3a6.htm (Zugriff am 26. Oktober 2013). Gary Macy argumentiert, dass dieses Konzept, dass der Priester eine besondere Macht hat, anstatt eine besondere Rolle in der christlichen Gemeinschaft zu haben erst aus dem XII. Jahrhundert stammt. http://scu.edu/ic/publications/upload/scl-0711-macy.pdf (Zugriff am 6. September 2013). Aber daran scheint es kaum Zweifel zu geben, dass die Kultur des Klerikalismus zu Beginn des XX. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Papst Pius X. bestand in einer Enzyklika von 1906 darauf, dass die Kirche aus zwei Abteilungen bestand, der führenden Hierarchie und der Herde, deren einzige Pflicht es war, zu gehorchen: http://www.vatican.va/holy_father/pius_x/encyclicals/documents/hf_p-x_enc_11021906_vehementer-nos_en.html . (Zugriff am 1. Oktober 2013) Die Theologie wird auch in Kanon 1008 des Kirchenrechts von 1983 ausgedrückt: „Durch das Sakrament der Weihe werden kraft göttlicher Weisung aus dem Kreis der Gläubigen einige mittels eines untilgbaren Prägemals, mit dem sie gezeichnet werden, zu geistlichen Amtsträgern bestellt; sie werden ja dazu geweiht und bestimmt, entsprechend ihrer jeweiligen Weihestufe unter einem neuen und besonderen Titel dem Volk Gottes zu dienen.“. Siehe David Timbs: Clericalism, OMG! Journal of Religion and Culture 1 April 2015, http://ohmygodjournal.org/?page_id=434 (Zugriff am 6. April 2015)

[2] Lord Acton (1834 – 1902) „Ich kann Ihren Kanon nicht akzeptieren, dass wir Papst und König im Gegensatz zu anderen Männern nicht richten sollen, mit der günstigen Prämisse, dass sie nichts falsch gemacht haben… Es gibt keine schlimmere Häresie als die, dass das Amt seinen Inhaber heiligt.“ Acton ist am bekanntesten für die Worte, die in seinem Brief an Bischof Mandel Creighton folgen: Macht neigt dazu, zu korrumpieren und totale Macht korrumpiert total.‘ Brief an Bischof Mandell Creighton, 5. April 1887, veröffentlicht in Historical Essays and Studien, herausgegeben von JN Figgis und RV Laurence (London: Macmillan, 1907).

[3] http://www.worldlii.org/int/other/LNTSer/1923/80.html (Accessed 13 January 2013) http://www.racjonalista.pl/kk.php/s,1369/k,2 (Accessed 13 January 2014) Lateran Treaty 1929, Article 8 http://www.aloha.net/~mikesch/treaty.htm (Accessed 14 December 2013, Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien, 3 June 1985, Art. 4(4) http://original.religlaw.org/template.php?id=578 (Accessed 11 April 2015) Die republikanische Regierung lehnte das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Königin Isabella von 1851 ab, das viele Privilegien der Geistlichen beinhaltete.. http://www.concordatwatch.eu/showtopic.php?org_id=845&kb_header_id=34511 (Accessed 13 January 2014), Heiliger Stuhl und Spanien im Jahr 1953:  http://www.vatican.va/roman_curia/secretariat_state/archivio/documents/rc_seg-st_19530827_concordato-spagna_sp.html (Accessed 7 May 2013) Art XVI (1) Art XVI (4). Die Privilegien wurden 1985 abgeschafft: http://www.laicismo.org/data/docs/archivo_678.pdf p. 58 (Accessed 7 May 2013), Konkordat der Dominikanischen Republik 16. Juni 1954  http://www.vatican.va/roman_curia/secretariat_state/archivio/documents/rc_seg-st_19540616_concordato-dominicana_sp.html Art XI(2)(Accessed 18 October 2013), Kolumbien: Die Immunität der Bischöfe wurde vom Konkordat von 1887 gewährt. Es wurde Teil des kolumbianischen Gesetzes durch das Gesetz Nr. 34 von 1892: http://www.banrepcultural.org/node/32783 (Accessed 16 March 2015). Die Immunität wurde 1928 von der Übereinkommen über Missionen: Vertragsreihe des Völkerbundes, Art. XIV übernommen. http://www.worldlii.org/int/other/LNTSer/1928/192.html (Accessed 16 March 2015). Es wurde erneut im Konkordat von 1973, Art. XIX und XX bestätigt. http://mre.cancilleria.gov.co/wps/portal/embajada_santasede/!ut/p/c0/04_SB8K8xLLM9MSSzPy8xBz9CP0os3gLUzfLUH9DYwOL4BAnAyMvVyM3IyPTAGNDU_2CbEdFAKVyXgk!/?WCM_PORTLET=PC_7_85F9UO1308STB02JE2F225P3H4_WCM&WCM_GLOBAL_CONTEXT=/wps/wcm/connect/WCM_EMBAJADA_SANTASEDE/embajada/relaciones+bilaterales/concordato+con+la+santa+sede (Accessed 19 October 2013)  

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