Paolo Pasqualucci, „Bruchstellen“ des II. Vatikanischen Konzils mit der Tradition der Kirche (4 von 6)

Paolo Pasquallucci macht auf etwas aufmerksam, was uns im Eifer des Gefechts unserer Beschwerden über „unsere lieben Geistlichen“ vielleicht entgeht. Sie sind nicht zu diesen ungläubigen, selbstzufriedenen, narzisstischen Monstern geworden, die sie jetzt sind, weil sie nicht die nachkonziliare, priesterliche Spiritualität verfolgten, sondern sie sind so geworden, weil sie dies taten. Wenigstens am Anfang, bevor sie den Glauben verloren. Wenn der Priester nach Presbyterorum Ordinis als ein nicht demokratisch gewählter Repräsentant des Kollektivs des Volkes Gottes erscheint, dann hat diese in sich widersprüchliche Definition eine Sprengkraft, die sie seit ungefähr 60 Jahren entfaltet. Denn ist der Priester (1) ein Repräsentant des Volkes, so stellt man sich die Frage, warum er nicht direkt, demokratisch gewählt wird und warum er sich von diesem Volk durch sein Zölibat unterscheidet. Ist er aber (2) ein hierarchischer Repräsentant einer hierarchischen Kirche, dann widerspricht das der konziliaren Auffassung von der Kirche als dem Volk Gottes. Und so fragt sich der Priester, falls er dies noch tut, indem er von einem konziliaren Zirkelschluss zum anderen gleitet:

Was bin ich?  Wozu bin ich? Warum bin ich überhaupt?

Die kommende Amazonas-Synode ist somit der konsequent gedachte, letzte Sargnagel zum nachkonziliaren Priestertum, wie es in Presbyterorum Ordinis dargestellt wurde. Möge es in Frieden ruhen. RIP.

  1. In Übereinstimmung mit dem Prinzip der Kreativität hat Sacrosanctum Concilium das Prinzip der Anpassung des Ritus’ an die weltliche Kultur eingeführt, d. h. an den Charakter und die Tradition verschiedener Völker, ihrer Sprache, Musik, Kunst, durch eben das Mittel der Kreativität und des liturgischen Experimentierens (SC 37, 38, 39, 40, 90, 119) als auch durch die Vereinfachung des Ritus’ selbst, was gewünscht wird, um ihn kürzer und klarer zu machen (SC 21, 34, 65-70, 77, 79, 90). Auch hier gegen die beständige Lehre des Magisteriums, nach der die Kulturen der verschiedenen Völker sich an die Erfordernisse des katholischen Ritus’ anpassen sollten, und dies, ohne dass jemals irgendetwas zum Experiment oder auf irgendeine [andere] Weise der nutzlosen und überheblichen Denkweise des modernen Menschen freigegeben worden sei. Und tatsächlich ist der Ritus der Heiligen Messe heute in verschiedene Riten zersplittert, je nach den verschiedenen Kontinenten, wenn nicht jeder Nation, mit einer Unzahl an örtlichen Varianten und dem Ermessen des Zelebranten; Variationen (und Degenerationen), die das Eindringen heidnischer Elemente in den Ritus nicht ausschließen, während gelegentliches korrigierendes Einschreiten durch die Autoritäten des Heiligen Stuhls grundsätzlich auf taube Ohren treffen.

  1. Die Fragmentierung und Verrohung der katholischen Gottesverehrung sind auch das Ergebnis der Aufgabe der lateinischen Sprache, der alten und universellen Sprache, die immer das vereinigende Instrument des Ritus’ war. Dieser epochale Wandel wurde von Paul VI. zugelassen. Nun schreibt Sacrosanctum Concilium vor: „Besonderes Recht bleibt in Kraft, der Gebrauch der lateinischen Sprache muss in den Lateinischen Riten erhalten bleiben (servetur)“ (SC, 36 § 1). Aber es stimmt auch zu, dass „die Beschränkungen des Gebrauchs (der Muttersprache) erweitert werden dürfen“, nach den Normen und Fällen, welche vom Konzil selbst bestimmt werden (SC 36 § 2). Die Vorschriften mit allgemeinem Charakter, welche das Konzil aufgestellt hat, geben den Bischofskonferenzen „volle Befugnis“ bezüglich der Einführung der Muttersprache in den Kult (SC 22 § 2, 40, 54). Und es gibt zahlreiche Fälle, in denen das Konzil die Möglichkeit des teilweisen oder vollständigen Gebrauchs der Muttersprache gewährt: SC 63, In der Verwaltung der Spendung der Sakramente, Sakramentalien und besonderer Rituale; SC 65, in den Taufriten in Missionsländern; SC 76, in der Priesterweihe; SC 77-78, im Ritus der Eheschließung; SC 101, in den Stundengebeten; SC 113, in der feierlichen Liturgie der Heiligen Messe. Der Gebrauch der lateinischen Sprache war noch immer die Norm, aber öffneten sie nicht zahlreiche Stellen dem Gewöhnlichen [auch als vulgär, geschmacklos zu übersetzen, d. Übs.]?

  1. Die Abwertung des Priestertums, über die Msgr. Gherardini viele Male geschrieben hat, das vom Konzil als „Aufgabe des Volkes Gottes“ verstanden wird; die Degradierung des Priesters vom „Priester Gottes“ zum „Priester des Volkes Gottes“, als ob die Legitimation des Priestertums vom Volk Gottes abhinge, d. h. Von den Gläubigen. Solch eine Abwertung ist irgendwie auf eine unbegründete Interpretation der Schrift gegründet; d. h., dass Unser Herr am Anfang „Diener unter seinen Gläubigen eingesetzt hat“. (Das Dekret über den Dienst und das Leben der Priester Presbyterorum Ordinis, PO 2.2). Im Gegenteil bestätigt das Konzil, dass Unser Herr nicht damit begann, seine Kirche zu gründen indem er Männer „aus dem Kreis der Gläubigen“ im Allgemeinen erwählte: Er gründete sie, indem er mit denen arbeitete, die Er erwählt und für das Priesteramt vorbereitet hatte; d. h. mit den Aposteln.

  1. Die nie dagewesene Gleichstellung zwischen dem geistlichen oder hierarchischen Priestertum und dem „allgemeinen Priestertum der Gläubigen“ (LG 10.2), die als „aufeinander hingeordnet“ [ad invicem ordinantur] verstanden werden und so auf dieselbe Stufe gestellt werden; die nicht akzeptable Entwertung der Ehelosigkeit des Klerus, von der bekräftigt wird, dass „sie tatsächlich nicht naturgemäß vom Priestertum gefordert wird“ und diese Behauptung mit einer absolut einzigartigen Interpretation des heiligen Paulus gerechtfertigt wird (PO 16.1); die Unterwanderung mit Ideen, welche der Tradition der Kirche widersprechen, namentlich, dass unter den „Funktionen“ des Priesteramtes der Predigt die erste Stelle eingeräumt werden sollte („das Evangelium Gottes Allen zu verkünden“ PO 4.1), sogar obwohl das Konzil von Trient bekräftigt hat, dass das, was das Priestertum an erster Stelle charakterisiert, „die Macht Leib und Blut Christi zu konsekrieren, zu opfern und zu spenden“, an zweiter Stelle „die Macht, Sünden zu vergeben oder [dem Sünder] zu behalten“ ist.

  1. Die Herabsetzung der priesterlichen Funktion wird im Licht der neuen Vorstellung der Kirche als das „Volk Gottes“ verstanden, welches umgekehrt mit der neuen, erweiterten (und fadenscheinigen) Vorstellung von der Kirche (siehe oben, Punkt 6). „Volk Gottes“ statt „Mystischer Leib Christi“ (LG 8-13), eine Definition, die einerseits den Teil mit dem Ganzen vertauscht; d. h., es vertauscht das „Volk Gottes“, welches in 1 Petr 2:10 erwähnt wird, mit der gesamten Kirche, wohingegen dieser Vers – nach der traditionellen und anerkannten Interpretation – ein simples von Lob betrifft, das der hl. Petrus den Gläubigen ausspricht, die vom Heidentum konvertiert sind („Einst wart ihr ein Nichtvolk, jetzt seid ihr Gottes Volk.“ 1 Petr 2:10). Weiterhin führt dies zu einer „demokratischen“ und „kommunitaristischen“ Vision der Kirche selbst, ein Konzept, das der katholischen Tradition ganz und gar fremd, stattdessen aber der protestantischen Denkweise näher ist. Tatsächlich schließt dieses Konzept die Vorstellung von „Volk“ ein, und daher aus ungewöhnlich „kommunitaristischer“ Perspektive auch die Hierarchie, deren Mitglieder auch als „Mitglieder“ des „Volkes Gottes“ betrachtet werden (LG 13), und nur durch diesen Titel scheinen sie – gemeinsam mit dem „Volk“ am Mystischen Leib Christi teilzuhaben. Diese neue und einzigartige Vorstellung des „Volkes Gottes“ wurde dem rechtgläubigen Verständnis des „Mystischen Leibes“ übergestülpt, an dem nun die Gläubigen durch das kollektive Wesen, repräsentiert durch das „Volk Gottes“, teilhätten.

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