Peter Kwasniewski, Aus der Kirchengeschichte lernen: Ein kurzer Rückblick auf päpstliche Verfehlungen (5 von 5)

DSDZ wird immer wieder klar, dass er sein Hauptlaster des unmäßigen Zorns nicht überwunden hat, wenn er beispielsweise auf gloria.tv papolatrische Beiträge liest, die meistens Benedikt betreffen. Jemand hält Benedikt “für den einzigen wahren Papst”, was er auch ist, aber er hält ihn deswegen dafür, weil es ihn mag. Weil er ihn aber mag, so ist jeder Unsinn, den Benedikt von sich gibt, zu rechtfertigen und jeder Widerspruch zu akzeptieren, wie bei der letzten Aussage des Papa emeritus, dass Judenmission nicht notwendig sei.  Ein Benedikt-Fan schreibt folgendes:

Benedikt hat im Prinzip recht. Auch Juden können das Heil erlangen; das hängt auch vom Grad der Erkenntnis der Wahrheit ab, den jeder einzelne hat. Jesus sagt: “Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns” (Markus 9,40). Natürlich sollten wir auch versuchen, die Juden für Christus zu gewinnen, was Benedikt überhaupt nicht bestreitet. Nur sollte das eben nicht durch Missionierung im klassischen Sinne geschehen.

Wir überlassen die Analyse dem Witz des Lesers, aber beim Katholizismus geht es doch nicht darum, dass man seinen Verstand in der Garderobe lässt und Häresie begünstigende Aussagen eines immer noch amtierenden Papstes nicht als solche erkennen kann, die ja im Gegensatz zur ganzen Kirchengeschichte vor Nostra aetate stehen. Jemand, der einen Papst über jedes Maß hinaus verteidigt und dabei den Satz vom Widerspruch außer Acht lässt, erweist dem Papstamt keinen guten Dienst. Ansonsten wäre alles recht, richtig und moralisch nur deswegen, weil es ein Papst tut. Die Orgien des Alexanders VI. wären keine Orgien, keine Sünden nur deswegen, weil ein amtierender Papst sie veranstaltet. Aber so hat niemand argumentiert! Auf diese Ideen hätten nur die Ultramontanisten des späten 19 Jhds. oder die heutigen Papolatristen/Sedisvakantisten kommen können, denn der Sedisvakantismus kommt von einem falschen und übertriebenen Verständnis des päpstlichen Amtes.  Es ist weder notwendig das Vatikanum I zurückzurufen oder das Papstamt auszuhebeln. Man muss einfach wieder zur katholischen Überzeugung zurückfinden, dass der Papst der Diener der Tradition ist und kein Macher des Neuen wie Paul VI., Johannes Paul II, weniger Benedikt XVI. und schließlich wie der Antipapst Bergoglio.

Was bleibt für uns Laien da zu tun?

Laut Hilary White:

  1. vom Geld abschneiden,
  2. sich des weltlichen Armes bedienen und in den Knast stecken.

Beides fängt an in den USA zu passieren und in Deutschland fängt etwas an, wenn die Kirchensteuer qua Reichskonkordat von 1933 gekippt wird. Es ist unwahrscheinlich, dass sich eine breite Bewegung “Katholiken für Kirchensteuer” einfinden wird. Löst man die Kirche vom Staat, dann kann man diesen Staat gegen diese ehemalige Staatskirche einsetzen, wo Verbrechen, Vertuschung und Untreue (alles im Kontext des homosexuellen Mißbrauchs weltweit anzutreffen) stattgefunden hat. Die Caritas kann dann den Bischöfen Pakete in den Knast bringen. Wir können auch Plätzchen backen. 

Melchior Cano, ein angesehener Theologe auf dem Konzil von Trient, sagte bekanntermaßen:

Nun kann man in Kürze sagen, was [jene tun], die verwegen und ohne Unterscheidung das Urteil des Papstes über alles und jedes verteidigen: diese Leute untergraben die Autorität des Apostolischen Stuhls mehr als sie diese fördern; sie stürzen sie eher als sie zu stützen. Denn – ich lasse jetzt aus, was zuvor in diesem Kapitel erklärt wurde – welchen Nutzen hat er davon, gegen Häretiker zu streiten, die sie [die vermeintlichen Verteidiger des Papsttums Red.] nicht mit Urteilskraft, sondern mit Emotionen als Verteidiger der päpstlichen Autorität wahrnehmen, und auch nicht, um durch die Kraft seiner Argumentation Licht und Wahrheit hervorzurufen, sondern um andere zu seinem eigenen Denken und Willen zu bekehren?  Petrus braucht unsere Lüge nicht; er braucht unsere Lobhudelei nicht.[1]

Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der katholische Glaube wurde von Gott offenbart und kann von keinem Menschen geändert werden: „Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit‟ (Hebr 13:8). Der Papst und die Bischöfe sind ehrenvolle Diener dieser Offenbarung, die sie von Generation zu Generation treu weitergeben sollen, ohne Neuerungen, unverändert. Wie St. Vincent von Lerins so wunderschön erklärt, kann es ein Wachstum im Verstehen und Formulieren geben, aber keinen Widerspruch, keine „Entwicklung‟. Die Wahrheiten des Glaubens, die in der Heiligen Schrift und der Tradition enthalten sind, werden über die Jahrhunderte in den eng begrenzten acta von Konzilien und Päpsten authentisch definiert, interpretiert und verteidigt. In diesem Sinne ist es durchaus angemessen zu sagen: „Schau in den Denzinger – das ist die Glaubenslehre.‟

Der Katholizismus ist, war immer wird immer unveränderlich, beständig, dauerhaft, objektiv erkennbar, ein sicherer Fels in einem Meer von Chaos bleiben – trotz der Bemühungen des Teufels und seiner Betrügereien, dies zu ändern. Die Krise, die wir gerade durchlaufen, ist weitgehend ein Ergebnis des kollektiven Gedächtnisverlustes bezüglich dessen, wer wir sind und was wir glauben, zusammen mit einer nervösen Tendenz zur Heldenverehrung, hier und dort nach dem Großen Führer Ausschau haltend, der uns retten wird. Aber unser Großer Führer, unser König der Könige und Herr der Herren, ist Jesus Christus. Wir folgen und gehorchen dem Papst und den Bischöfen insofern, wie sie uns die reine und heilbringende Lehre unseres Herrn überliefern und uns anleiten, Seinem Weg der Heiligkeit zu folgen, nicht dann, wenn sie uns verseuchtes Wasser zu Trinken anbieten oder uns in den Dreck führen. Genauso, wie unser Herr ein Mensch war, in allem uns gleich außer der Sünde, so folgen wir ihnen in allen Dingen außer der Sünde – sei ihre Sünde die der Häresie, des Schismas, der sexuellen Unmoral oder des Sakrilegs. Die Gläubigen haben die Pflicht, ihren Geist und ihr Gewissen zu formen um zu wissen, wem sie wann folgen sollen. Wir sind keine mechanischen Marionetten.

Auch die Päpste nicht: sie sind Menschen aus Fleisch und Blut, mit ihrem eigenen Verstand und freien Willen, Gedächtnis und Vorstellungskraft, Meinungen, Streben/Sehnsüchten, Ambitionen. Sie können besser oder schlechter mit den Gnaden und Verantwortlichkeiten ihres höchsten Amtes mitarbeiten. Der Papst hat als Vikar Christi ohne Frage eine außerordentliche und einzigartige Autorität auf Erden. Daraus folgt, dass er eine moralische Verpflichtung hat sie tugendhaft zu nutzen, zum allgemeinen Wohl der Kirche – und er kann sündigen, indem er seine Autorität missbraucht, oder versäumen, sie zu nutzen, wenn er sie nutzt bzw. in der Art und Weise, in der er sie nutzen sollte. Unfehlbarkeit ist – in rechter Weise verstanden – die Gabe des Heiligen Geistes an ihn; der rechte und verantwortungsvolle Gebrauch seines Amtes ist nicht etwas, das vom Heiligen Geist garantiert wird. Hier muss der Papst beten und arbeiten, arbeiten und beten – wie wir alle auch. Er kann sich erheben und fallen wie wir alle. Päpste können sich der Heiligsprechung wert machen oder der Verfluchung. Am Ende dieser sterblichen Pilgerschaft wird jeder Nachfolger des Heiligen Petrus entweder das ewige Heil erreichen oder die ewige Verdammnis erleiden. Alle Christen werden in gleicher Weise heilig werden, indem sie der wahren Lehre der Kirche folgen und alle Irrlehren und Laster zurückweisen, oder verdammungswürdig, indem sie falschen Lehren folgen und annehmen, was trügerisch und böse ist.

Ich höre den Einwand einiger Leser:

„Wenn ein Papst entgleisen und aufhören kann, den rechten Glauben zu lehren, welchen Sinn hat es dann, ein Papstamt zu haben? Ist der eigentliche Grund, warum wir den Vikar Christi haben nicht der uns fähig zu machen, die Wahrheit des Glaubens sicher zu wissen?‟

Die Antwort ist, dass der katholische Glaube vor den Päpsten war, auch wenn sie einen besonderen Platz bezüglich seiner Verteidigung und Formulierung haben. Dieser Glaube kann von den Gläubigen durch eine Fülle von Mitteln mit Sicherheit gewusst werden – einschließlich, so könnte man hinzufügen, durch traditionellen Katechismusunterricht, der auf der ganzen Welt in seiner Lehre fünf Jahrhunderte lang auf der ganzen Welt übereinstimmt. Der Papst ist nicht in der Lage, wie ein absoluter Monarch zu sagen: La foi, c’est moi. [Der Glaube bin ich.]

Aber lassen Sie uns für einen Augenblick die Zahlen betrachten. Dieser Artikel hat elf unmoralische Päpste aufgelistet, und zehn Päpste, die den Glauben mehr oder weniger durch Häresie beschmutzten. Insgesamt gab es 266 Päpste. Wenn wir nun rechnen, kommen wir auf 4,14% der Nachfolger Petri, die Schande für ihr moralisches Benehmen ernteten und 3,76%, die sie für ihr Spiel mit dem Irrtum verdienen. Andererseits, ungefähr 90 der vorkonziliaren Päpste werden als Heilige oder Selige verehrt, das sind 33,83%. Wir könnten nun über die Zahlen debattieren (war ich zu milde oder zu streng in meinen Listen?), aber gibt es jemanden, der in diesen Zahlen nicht die offensichtliche Hand der Göttlichen Vorsehung sehen kann? Eine Monarchie mit 266 Amtsinhabern, die 2.000 Jahre andauert, die sich solcher Misserfolgs- und Erfolgsraten rühmen kann, ist kein menschliches Konstrukt mehr, das aus eigener Kraft arbeitet.

Diese Zahlen lehren uns zweierlei: Erstens lernen wir ein Gefühl des Staunens und der Dankbarkeit vor dem offensichtlichen Wunder des Papsttums. Wir lernen, auf eine Göttliche Vorsehung zu vertrauen, welche die Heilige Kirche durch die Stürme der Jahrhunderte führt und sie überdauern lässt, sogar die vergleichsweise wenigen schlechten Päpste, die wir zu unserer Prüfung oder wegen unserer Sünden erlitten haben. Zweitens lernen wir Unterscheiden und Realismus. Einerseits hat der Herr die überwiegende Mehrzahl seiner Vikare den Weg der Wahrheit geführt, so dass wir wissen können, dass unser Vertrauen im Schifflein Petri gut aufgehoben ist, das von der Hand Petri gesteuert wird. Dennoch  hat der Herr auch zugelassen, dass eine kleine Anzahl seiner Vikare bis hin zum Versagen strauchelten, so dass wir sehen, dass sie nicht automatisch gerecht, ohne Anstrengung weise in der Regierung oder ein direktes Sprachrohr Gottes in der Lehre sind. Die Päpste müssen sich frei entscheiden mit der Amtsgnade mitzuarbeiten, oder auch sie können entgleisen; sie können die Herde besser oder schlechter hüten, und ab und zu können sie Wölfe sein. Dies geschieht selten, aber es geschieht durch Gottes Zulassung, genau deshalb, damit wir unseren [gesunden] Menschenverstand nicht aufgeben, unseren Glauben nicht ausgliedern und schlafwandelnd ins Verderben gehen. Die Bilanz der Päpste ist bemerkenswert genug, um eine beinahe wunderbare Macht aus einer anderen Welt zu bezeugen, welche die Mächte der Finsternis bannt, damit nicht die „Pforten der Hölle‟ herrschen; jedoch ist die Bilanz gerade befleckt genug, um uns wachsam zu machen und uns auf Trab zu halten. Der Rat „seid nüchtern, seid wachsam‟ trifft nicht nur für unsere Beziehung zur Welt „da draußen‟ zu, sondern auch auf unser Leben in der Kirche, denn unser „Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könnte.‟ (1 Pet 5:8 Henne/Rösch), vom demütigen Gläubigen in der Kirchenbank bis zum stolzen Hierarchen.

Unser Lehrer, unser Vorbild, unsere Lehre, unsere Lebensform: sie sind uns alle gegeben, glorreich offenbart im Fleischgewordenen Wort, eingeschrieben auf die lebendigen Tafeln unserer Herzen. Wir erwarten sie nicht vom Papst, als ob sie nicht schon in vollendeter Form existierten. Der Papst ist da, um uns zu helfen zu glauben und das zu tun, was uns unserer Herr einen jeden von uns zu glauben und zu tun ruft. Wenn irgend ein Menschenwesen auf der Erdoberfläche versucht im Weg zu stehen – und sei es gar der Papst selbst – müssen wir ihm widerstehen und das tun, von dem wir wissen, dass es richtig ist [22]. Wie der große Dom Prosper Guéranger schrieb:

Wenn der Hirte zum Wolf wird ist die erste Pflicht der Herde, sich selbst zu verteidigen. Es ist zweifellos üblich und normal, dass die Lehre von den Bischöfen an die Gläubigen weitergegeben wird, und jene, welche im Glauben unterworfen sind, haben ihre Oberen nicht zu richten. Aber im Schatz der Offenbarung gibt es unerlässliche Lehren, die alle Christen, allein durch die Tatsache ihres Titels als solchen, wissen und verteidigen müssen. Das Prinzip ist dasselbe, sei es nun eine Frage des Glaubens, der Lebensführung, des Dogmas oder der Moral. … Die wahren Kinder der Heiligen Kirche in solchen Zeiten sind jene, die im Licht ihrer Taufe wandeln, nicht die feigen Seelen, die unter dem trügerischen Vorwand der Unterordnung unter die Machthaber ihren Widerstand gegen den Feind verschieben, in der Hoffnung, Weisungen zu erhalten, die weder notwendig noch erwünscht sind. [23]

 

 

[1] Reverendissimi D. Domini Melchioris Cani Episcopi Canariensis, Ordinis Praedicatorum, & sacrae theologiae professoris, ac primariae cathedrae in Academia Salmanticensi olim praefecti, De locis theologicis libri duodecim (Salamanca: Mathias Gastius, 1563), 197. Dies wird oft paraphrasierend zitiert: „Petrus hat keine Lügen oder Schmeicheleien nötig. Jene, die blind und ohne Unterscheidung jede Entscheidung des Papstes verteidigen sind eben diese, die das meiste tun, um die Autorität des Heiligen Stuhls zu unterminieren – sie zerstören, statt seine Fundamente zu stärken.‟ (So liest man z. B. in George Weigel, Witness to Hope: The Biography of John Paul II [New York: HarperCollins, 1999], 15.)

[23] The Liturgical Year, trans. Laurence Shepherd (Great Falls, Mt.: St. Bonaventure Publications, 2000), vol. 4, Septuagesima, 379-380. Er spricht hier über den Widerstand gegen die Nestorianische Häresie

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