Tradition und Glauben

Pius X., der Antimodernisteneid und Erzbischof Viganò – einige Überlegungen

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Wir wollen in den nächsten Wochen einen Aufsatz von Erzbischof Viganò kommentiert vorstellen, der ursprünglich hier erschienen ist, in dem der ehemalige amerikanische Nuntius sich mit dem Auswirkungen der Aufgabe des Antimodernisteneides nach dem Vat. II auseinandersetzt. Erzbischof Viganò ist derzeit einer der wenigen Autoren, die wirklich in der Lage sind in größeren Zusammenhängen, aus der theologischen Perspektive von Gott her zu denken. Bergoglio ist ja nicht von nirgendwoher gekommen, sondern eine längere Vorgeschichte des kirchlichen Niedergangs hat sein Auftreten vorbereitet. Der Niedergang war aber zuerst ein spiritueller, dann ein intellektueller.

Wenn der Schreiber dieser Zeilen (DSDZ) heute am 14.01.2021 an die Tafel gerufen und gefragt werden würde, wem wir langfristig betrachtet die heutige kirchliche Misere verdanken, so würde er zwei Punkte nennen:

  1. Die liturgischen Reformen des Pius X., hauptsächlich die Rubriken- und Brevierreform.
  2. Die Ausnahmeregelung für die deutschen Universitäten, an denen die Geistlichen nicht den vorgeschriebenen Antimodernisteneid schwören mussten.

Ad 1. Die Liturgiereformen des Pius X.

Während nur wenige Autoren, wie Carol Byrne, die liturgischen Reformen des Pius XII. und die liturgischen Entscheidungen der Päpste zwischen Pius X. und Pius XII. infrage stellen, so gilt nach wie vor Pius X. selbst als sakrosankt und nicht kritikfähig. Diese Einstellung ist eigentlich bei allen Traditionalisten zu finden, vor allem bei den Gläubigen der Piusbruderschaft, da ja Pius X. der Patron der Bruderschaft ist. Pius X. wird richtigerweise als der institutionelle Zurückdränger, denn leider nicht Bezwinger, des Modernismus gesehen. Er war aber leider auch der erste Zerstörer der Liturgie, denn ohne Pius X. und seine verhängnisvolle participatio actuosa, auf die sich seine päpstlichen Nachfolger und die nachfolgenden „Reformer“ beriefen, wäre die weitere Entwicklung zum Abgrund hin gar nicht möglich gewesen.

Pius X. – der erste Reformer

Aber nicht nur die participatio actuosa war der erste Riss im Bug der Barke Petri, dazu kamen noch die Brevierreform, die mit der Kalender- und Rubrikenreform verbunden war. Das Brevier wurde zum ersten Mal in der Kirchengeschichte unter Pius X. zerschnitten, denn ab seinem Divino Afflatu Brevier von 1911 wurden die Psalmen zum ersten Mal nicht als Ganzes gebetet, sondern in Teilabschnitte unterteilt. Bis dahin wurden alle Psalmen ganzheitlich, gleichsam als lebendige Organismen behandelt und eine Unterteilung fand nur beim wirklich langen Psalm 118 statt, der nichtsdestotrotz innerhalb eines Tages (Prim, Terz, Sext und Non) gebetet wurde. Während man also bis 1911 in einem aus neun Psalmen bestehenden Offizium tatsächlich neun ganze Psalmen betete, betete man nach 1911 nur neun Psalmenteile. Dies bedeutet, dass man kürzer an Zeit und weniger an Inhalt betete. Wenn man das Brevier mit Nahrung vergleicht, so würde diese Veränderung einer Streckung oder Verwässerung einer nahrhaften Suppe entsprechen. Stellen Sie sich vor man hätte ihren deftigen Eintopf so verwässert, dass er statt für drei Tage für zehn Tage reichen müsste.

Wäre es gleichermaßen nahrhaft? Nein. Wäre es schmackhaft? Nein.

Wenn man davon ausgeht, was die Kirche eigentlich immer tat, dass Gebete etwas Reales und Wirkendes sind, denn sie verleihen dem Beter aktuelle Gnaden, rufen Gnaden auf die Welt herab und vertreiben die Dämonen, dann hatte man doch durch die Reduktion der Gebetspflicht den geistlichen Ständen, welche ja die realen „Gnadenvermittler“ für die Gläubigen sind, die notwendige Nahrung entzogen. Und all das auf den päpstlichen Befehl hin. Mit den Reformen des Pius X. wurde zum ersten Mal der Kirche und innerhalb der Kirche vermittelt, dass Liturgie reduzierbar und im Wesentlichen veränderbar ist. Denn zuerst kam die Reduktion der Psalmen in der Brevierreform Pius‘ X., danach kam aber nach einigen Jahrzehnten die Reduktion des Kanons beim Novus Ordo Missae Pauls VI. Es war Pius X., der die Weiche des Präzedenzfalles umlegte und weitere Reduktionen und Veränderungen für seine Nachfolger möglich machte. Somit spielt es keine Rolle, ob Pius X. von seinen Nachfolgern richtig oder falsch verstanden worden ist, wie Carol Byrne argumentiert, denn es steht außer Frage, dass er selbst es war, der zum ersten Male reduzierend reformierte. Während bis Pius X. das Wort „Reform“ mit „mehr“ und „strenger“ gleichbedeutend war, wie zum Beispiel die tridentinischen Reformen, so bedeutete „Reform“ seit Pius X. „weniger“ und „lascher“, vor allem aber „neuer“.

Vielen Katholiken ist es unbekannt, dass ausgerechnet Pius X. in seinen Liturgiereformen die lang gehegten Wünsche und Postulate der bis dahin verurteilten Jansenisten umsetzte. Diese forderten nämlich, dass die „Sonntage nicht von den Heiligen verdeckt werden, sondern reine Herrenfeste sind“.[1] Während nämlich vor der Rubrikenreform von 1911 das höher gewertete Fest (zum Beispiel ein Heiligenfest) das niedriger gewertete Fest (zum Beispiel einen einfachen Sonntag) überragte, so mussten ab 1911 an allen Sonntagen die Messen vom jeweiligen Sonntag und keine Heiligenfeste begangen werden.[2] Denn es galt die Ordnung der Rubriken, welche die folgende Rangfolge (von unten nach oben) umfasst:

  • Simplex,
  • Semiduplex,
  • Duplex,
  • Duplex Minor,
  • Duplex Majus,
  • Duplex II Classis,
  • Duplex I Classis.

Ein gewöhnlicher Sonntag hatte nur den Semiduplex-Rang und war eine Dominica minor, während manch ein Heiligenfest den Duplex-Rang hatte, der höher lag. Traf ein Semiduplex-Heiligenfest auf einen Semiduplex-Sonntag, so wurde der Sonntag gefeiert.

Durch die Rubrikenreform des Pius X. bei der jeder Sonntag höher als ein Heiligenfest gewertet wurde, kam es dazu, dass es ab 1911 überhaupt keine Abwechslung bei den Lesungen der Messe und beim Sonntagsevangelium gab. So las man beispielsweise jedes Jahr am Vierten Sonntag nach Pfingsten – Dominica IV Post Pentecosten – ein und dasselbe Evangelium. Vor den Reformen des Pius X. war es anders und abwechslungsreicher. Da der Vierte Sonntag nach Pfingsten auf verschiedene Kalendertage fiel, so konnte oft statt des Semiduplex Vierten Sonntags nach Pfingsten (Dominica IV Post Pentecosten) oft das höhergestellte Duplex Heiligenfest begangen werden. Nehmen wir jetzt für einen Moment an, dass es keine Reformen des Pius X. gab und nach wie vor der liturgische Kalender von 1910 gilt, wie er bei divinum officium angegeben wird. Spielen wir dieses Szenario für die Jahre 1990 bis 1994 durch. Wie man ersehen kann, kommt in diesem Beispiel jedes zweite Jahr ein Heiligenfest, statt des Vierten Sonntags nach Pfingsten vor.  Die nachfolgende Tabelle gibt darüber nähere Auskunft, was zwischen dem dritten und fünften Sonntag nach Pfingsten passiert:

JahrTagFest
19901 JuniIn Octavam S. Joannis Baptistæ 
199116 JuniDominica IV Post Pentecosten
19925 JuliSs. Cyrilli et Methodii Pont. et Conf.
199327 JuniDominica IV Post Pentecosten
199419 JuniS. Julianæ de Falconeriis Virginis

Obwohl der Aufbau der Messe vor und nach den Reformen des Pius X. derselbe blieb, so kann man davon ausgehen, dass vor der Reform die Predigten über das Evangelium vom Heiligenfest gehalten wurden, sodass die Gläubigen über die verschiedenen Heiligen unterrichtet wurden. Diese Möglichkeit fiel nach der Reform von 1911 weg, da immer dasselbe Sonntagsevangelium vorkam. Es ist daher wahrscheinlich, dass nach und nach sich Langeweile einschlich, weil man an jedem Vierten Sonntag nach Pfingsten immer dasselbe Evangelium und wahrscheinlich dieselbe Predigt zu hören bekam, was natürlich für alle anderen Sonntage galt. Während also die Brevierreform nur die Geistlichen betraf, betraf die Kalender- und Rubrikenreform alle, weil sie die Inhalte der Messe in Mitleidenschaft zog. Da seit den Reformen des Pius X. nicht mehr der Heiligen an den Sonntagen gedacht wurde, so gerieten sie nach und nach in Vergessenheit. Da aber auch manche von ihnen aus dem liturgischen Kalender als „legendär“ entfernt wurden, so wussten die Gläubigen immer weniger, was heilig und beständig ist.

Ad 2. Deutsche Sonderregelung beim Antimodernisteneid

Obwohl die deutschen Universitäten auch vor dem Antimodernisteneid nicht gerade von Rom- und Papsttreue strotzten, so gab es ausgerechnet in Deutschland die Ausnahmeregelung, welche die Theologen davon befreite, den Antimodernisteneid zu schwören. Erzbischof Viganò gibt an, dass die deutschen Bischöfe Pius X. diese Entscheidung abtrotzten, denn sie ist wirklich nicht nachvollziehbar. Man schaffte dadurch einen Seuchenherd, der mit der Zeit auf die ganze Kirche übersprang. Die deutschen theologischen Fakultäten wurden immer antirömischer, wovon Joseph Ratzinger in seinem Studium in München erzählt. Die Gründe für Ausnahmeregelung sind DSDZ nicht bekannt. Vielleicht war es schon damals das deutsche Kirchensteuergeld, vielleicht etwas anderes. Vielleicht ahnten aber die deutschen Bischöfe, dass nach der Einführung des Antimodernisteneides sich so viele Professoren ihn zu schwören weigern würden, dass sie niemanden zum Unterrichten der Kleriker haben werden. Vielleicht gab es auch andere Gründe, aber diese deutsche Ausnahmeregelung brachte ja nichts Gutes. Vielleicht hätten auch einige Modernisten den Eid geschworen und weitergemacht wie bisher, andere hätten wiederum ihre akademische Tätigkeit aufgegeben. Aber für alle dazwischen wäre es klar gewesen, was man zu vertreten und was man abzulehnen hat. Auch derzeit wissen wir, dass man jetzt, um als katholischer Theologe zu wirken, den Amoris Laetitia-Eid mit Homo-Segnung im Hintergrund auf die Pachamama zu schwören hat. Dies bring Klarheit und ermöglicht manch eine Entscheidung.

Abstieg des Modernismus


[1] http://www.traditionalmass.org/articles/article.php?id=37&catname=6 “Dom Gueranger gives the Jansenists‘ position: „It is their [the Jansenists‘] great principle of the sanctity of Sunday which will not permit this day to be ‚degraded‘ by consecrating it to the veneration of a saint, not even the Blessed Virgin Mary. A fortiori, the feasts with a rank of double or double major which make such an agreeable change for the faithful from the monotony of the Sundays, reminding them of the friends of God, their virtues and their protection — shouldn’t they be deferred always to weekdays, when their feasts would pass by silently and unnoticed?“

[2] http://www.newliturgicalmovement.org/2009/10/compendium-of-reforms-of-roman-breviary_28.html#.YA_M2-hKiUk

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