Priestertum und Zölibat (8 von 12): Biblische Argumente für den Zölibat (i)

Was wirklich kaum jemand weiß, ist die Tatsache, dass die Priester des Alten Bundes an Tagen ihres Priesterdienstes, der nicht permanent war, enthaltsam leben mussten. Mit Anreise auf einem Esel nach Jerusalem und zurück waren es schon ein paar Tage von Zölibat. Weil der katholische Priester täglich opfert, so muss er täglich rein sein. Außerdem übertrifft das Opfer Christi, d.h. die Heilige Messe, bei weitem den jüdischen Tempelkult. Die Priester Christi werden von Christus berufen, die jüdischen Priester müssten gezeugt werden, weil sie dem Levitengeschlechte entstammen mussten. Priestertum war in der Antike eine Familienangelegenheit. Im Neuen Bund ist es anders.

  1. Biblische Argumente für das Zölibat

  1. Das Alte Testament schreibt den Priestern keine permanente sexuelle Enthaltsamkeit vor. Dennoch mussten sie an den Tagen, an denen sie ihren Tempeldienst verrichteten sexuell enthaltsam leben (vgl. 1 Sam 21, 4-5). Ähnlich wie in anderen Religionen wurde der sexuelle Akt im Alten Testament als etwas angesehen, was die kultische Unreinheit verursacht (Lev 15, 16-18; 31-33; vgl. Joel 2,16). Diese musste durch die entsprechenden Riten beseitigt werden, um würdig und rein vor Gott treten zu können.[1] Da der alttestamentliche Priester hauptsächlich für das Volk und nicht für sich selbst opferte, so hätte eine kultische Unreinheit seinerseits den Wert des Opfers vor Gott geschmälert und die erhofften Wohltaten für Israel infrage gestellt. Bei der formalistischen und rituellen Ausrichtung des alttestamentlichen Priestertums darf diese Eventualität ausgeschlossen werden.
  1. Da die Priester des Alten Testaments nicht täglich den Opferdienst verrichten mussten und manche von ihnen, die außerhalb von Jerusalem wohnten, nur in den Dienstzeiten nach Jerusalem reisten (vgl. Luk 1,8-9.23), so brauchten sie nicht dauerhaft für die kultische Reinheit zu sorgen und konnten somit, außerhalb der Dienstzeiten im Tempel, die Ehe gebrauchen. Da ferner das Priestertum des Alten Testaments ausschließlich innerhalb des Erbpriestertums des Levistammes stattfand, so ist die alttestamentarische Priesterehe auch dadurch zu erklären, dass durch sie der Fortbestand des Stammespriestertums gesichert werden konnte. Denn im Gegensatz zu manchen heidnischen Kulten, stand das Priestertum des Alten Testament keinen Priesterkandidaten von außerhalb offen, da diese, gleich wie geeignet, nicht zum Stamme Levi gehörten.
  1. Obwohl die Priester des Alten Testaments ihrer Ehe, von den Opferzeiten abgesehen, gebrauchen durften, wurde von ihnen eine viel höhere Sexualmoral als von den Nichtpriestern verlangt, wobei die Anforderungen an den Hohepriester über denen an die Priester lagen. Während die Priester „weder eine Dirne, noch eine Entehrte, noch eine Frau […], die ihr Mann verstoßen hat“ (Lev 21,7) heiraten durften, durfte der Hohepriester ausschließlich „eine Jungfrau aus seinem Stamm“ (Lev 21,13-14) ehelichen. Obwohl die Einschränkung der Partnerwahl noch keinen Zölibat darstellt, so zeigt sich doch, dass nach biblischen Maßstäben, für Priester andere und höhere Anforderungen als für Nichtpriester gelten.
  1. Mit der Zeit stellten die charismatischen und von Gott eigens zu ihrer Aufgabe berufenen Propheten, welche ihre Mission außerhalb des priesterlichen Tempelkultes und oft im Gegensatz dazu taten (vgl. Is 1,11-15), das eigentliche Sprachrohr Gottes an sein Volk dar. Obwohl der positive, biblische Beweis nicht erbracht werden kann, dass alle Propheten, vor oder während ihrer Berufung, zölibatär lebten (Ezechiel war verwitwet: Ez 24,18; Hosea heiratet auf Befehl Jahwes: Hos 1,2-3), so legt ihr Leben am Rande und außerhalb der Gesellschaft die Möglichkeit einer zölibatären Lebensweise zumindest nahe, zumal, anders als bei anderen biblischen Gestalten, weder ihre Familien erwähnt werden, noch das Prophetenleben mit dem Familienleben vereinbar erscheint.
  1. Bezeichnenderweise stellt Jesus in seinen Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Tempelpriestern gerade die Propheten, nicht die Priester, als die eigentlichen Sprachrohre Gottes in der Geschichte Israels dar (Mt 13,57; 21,11; Lk 7,16; Mt 23,30-37; Lk 11,49-51). Es ist die Nachfolge der Propheten, in welche, obgleich in einer überhöhten Weise, Jesus Christus seine eigene Mission stellt (Lk 13,33; 11,32). Daher sind die Jünger, welche seine Mission fortführen sollen, ebenfalls zur Nachfolge der Propheten berufen (Mt 5,12). Da die Jünger diese Nachfolge antreten, so liegt der Gedanke doch nahe, dass sie auch die zölibatäre Lebensweise der Propheten übernehmen.
  1. Wie bereits erwähnt, leitet das Neue Testament das Priestertum Christi und somit das Priestertum seiner Nachfolger vom Melchisedek (Gen 14,18) und nicht von Aaron und dem Levitenstamm ab (Hebr 7,1-17; 5,6-10; 6,20). Somit kann die Tradition der Priesterehe, welche von den Tempelpriestern des Levitenstammes praktiziert wurde, kaum für die neutestamentlichen Priester gelten, da diese nicht in der Nachfolge des Stammes Aarons stehen.

a. Von der Opfertheologie des Hebräerbriefes ausgehend,[2] sah die Kirche das eucharistische Opfer (thysia) als Abschluss, Vervollkommnung und überhöhte Fortführung des alttestamentlichen Opferkultes, als „das reine Opfer“ (qusi,a kaqara,), welche durch den Propheten Malachi angekündigt wurde:

„Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der Herr der Heere, und ich mag kein Opfer aus eurer Hand. Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern, und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe (qusi,a kaqara,); ja, mein Name steht groß da bei den Völkern, spricht der Herr der Heere.“ (Mal 1,10-11)

b. In der Ankündigung einer „reinen Opfergabe, [welche] vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ (Mal 1,11) dargebracht werden soll, sah die Kirche die Verpflichtung zur täglichen Eucharistiefeier. Aufgrund der unterschiedlichen Bräuche innerhalb der verschiedenen Teilkirchen ist der Nachweis einer täglichen Eucharistiefeier innerhalb der ganzen Kirche, in der vornicäanischen Zeit, schwierig. Dennoch gibt es Zeugnisse, welche diese Praxis in den einen Teilkirchen belegen, in den anderen für wahrscheinlich erklären.

c. Eines der ersten Zeugnisse für die tägliche Eucharistiefeier ist bei Eusebius von Caesarea (260-340) zu finden, der die Praktiken der Kirche in Palästina beschreibt:

„Mit recht gedenken wir seiner [Christi] und begehen täglich (ὁσημέραι) die Gedächtnisfeier (τὴν ὑπόμνησιν) seines Fleisches und Blutes, welches besser und erhabener ist als die alten Opfer (θυσίας) und priesterliche Handlungen (ἱερουργίας)“. (Demonstr. evang. I. 10.19 = PG 22,88)

d. Obwohl dieses Zeugnis am Anfang des vierten Jahrhundert anzusiedeln ist, in einer Zeit, in welcher die Kirche nach Jahrhunderten der Verfolgung offiziell und offen über ihren Kult berichten konnte, so ist es durchaus möglich, dass in der früheren Verfolgungszeit in manchen Teilkirchen, außer der sonntäglichen Eucharistiefeier, an der alle Gläubigen teilnahmen (Didache, Justin), auch tägliche Eucharistiefeier stattfanden, die von Priestern zelebriert wurden.

e. Auf diese Praxis scheint ein eindeutig eucharistischer Text von Clemens Alexandrinus (†215) hinzudeuten, welcher aufgrund der Disciplina arcani, welche gebietet das Heiligste vor den Uneingeweihten verborgen zu halten, nicht in seiner Aussage deutlicher werden kann:

„Ich [Christus] bin dein Ernährer, da ich mich selbst als Brot gebe (und wer davon isst, erleidet den Tod nicht mehr) und mich täglich (καθ’ ἡμέραν) als Trank der Unsterblichkeit (πόμα ἀθανασίας) darbiete“. (QDS 24,3)

Da, laut dieser Aussage, Christus sich täglich unter den eucharistischen Gestalten als Brot und Trank darbietet, so muss diesem täglichen Heilsangebot die Möglichkeit einer täglichen Zelebration vorausgehen.

f. Basilius der Große (†379) berichtet in einem seiner Briefe (Ep. 93), dass er, außer am Sonntag, am Mittwoch, Freitag und Samstag und manchmal noch zusätzlich an einem Heiligenfest kommuniziert.[3] Daher kann man davon ausgehen, dass in Kappadokien wenigstens an vier Tagen in der Woche die Eucharistie zelebriert wurde. Dieser Brauch hätte sich kaum herausbilden können, wäre in den vorigen Jahrhunderten die Eucharistie nur einmal in der Woche gefeiert worden.

g. Auch die spätere kirchlichen Gesetzgebung, auf die noch im Nachfolgenden eingegangen sind, stellte eine Verbindung zwischen der täglichen Zelebration der Eucharistie und der kultischen, den Zölibat einschließenden, Reinheit, her.

[1] Regev Eyal, “Priestly Dynamic Holiness and Deuteronomic Static Holiness”, Vetus Testamentum 51:2 (2001) 243-261, hier 248-249; 255-257. Mehr zu diesem Thema: Wright D.P., The Disposal of Impurity: Elimination Rites in the Bible and in Hittite and Mesopotamine Literature, Atlanta: 1987, Kap. 8-9; ders., “The Spectrum of Priestly Impurity”, in: G.A. Anderson and S.M. Olyan (eds.), Priesthood and Cult in Ancient Israel (SheYeld, 1991), pp. 150-182.

[2] Als Opfer (qusi,a) bezeichnet der Hebräerbrief sowohl das Kreuzopfer Christi als auch das eucharistische Opfer der Kirche: Hbr 5,1; 7,27; 8,1¸9,26; 10,8; 10,11; 10,26 u.a. Diese Sicht der Eucharistie als Opfer ist in den ältesten neutestamentlichen und frühkirchlichen Schriften zu finden: 1 Kor 10,14-21, Didache 14,1-3; Clemens Romanus, Ep. ad Cor. I 40 [PG 1, 288].

[3] Basilius der Große, Epistola 93 [Ep. XCIII: Ad Caesariam patriciam de communione], in: PG 32, 484: Ἡμεῖς μέντοιγε τέταρτον καθ’ ἑκάστην ἑβδομάδα κοινωνοῦμεν, ἐν τῇ Κυριακῇ, ἐν τῇ τετράδι καὶ ἐν τῇ Παρασκευῇ καὶ τῷ Σαββάτῳ, καὶ ἐν ταῖς ἄλλαις ἡμέραις, ἐὰν ᾖ μνήμη Ἁγίου τινός.

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