Roberto de Mattei, Die Wurzeln und geschichtlichen Konsequenzen des Modernismus (1 von 5)

Von Prof. Roberto de Mattei bei der Konferenz anlässlich des Studientages über „Alten und Neuen Modernismus: Die Wurzeln der Kirchenkrise“

Rom – 23. Juni 2018

Inhalt:

  1. Der Ursprung des Begriffs “Modernismus“
  2. Der Heilige Pius X. und der Modernismus
  3. Vom Modernismus zur Nouvelle théologie
  4. Die anthropologische Verschiebung des Zweiten Vatikanischen Konzils ” 
  5. Neo-Modernismus in der heutigen Kirche

Der Ursprung des Begriffs “Modernismus”

Es scheint, dass der Begriff “Modernismus” von dem belgischen katholischen Ökonom Charles Périn in seinem Werk geprägt wurde, das dem “Le modernisme dans l’Eglise”[1] gewidmet war, um unter diesem Namen einen Komplex von Fehlern zu bezeichnen, die durch den liberalen Katholizismus von Lamennais in die Kirche eindrang. 1883 entwickelte Padre Matteo Liberatore dieses Thema in einer Reihe von Artikeln in “Civiltà Cattolica” weiter[2] .

Derjenige jedoch, der dem Wort “Modernismus” seine historische Bedeutung in dem Sinne gab, in dem wir es immer noch benutzen, war der Heilige Pius X., der den Begriff zuerst im Dekret Lamentabili[3]  vom 3. Juli 1907 und dann in der Enzyklika Pascendi[4] vom 8. September 1907 verwendete. Mit dieser Bezeichnung  wollte Pius X. die Einheit der theologischen, philosophischen und exegetischen Fehler definieren, die sich in den Jahrzehnten vor seinem Pontifikat in der katholischen Kirche verbreitet hatten.

Als er Pascendi veröffentlichte, war Pius X. seit nunmehr vier Jahren im Amt, während der Modernismus schon seit einer langen Zeit ausgebrütet wurde. Um dessen Ursprung ausfindig zu machen, muss man einem ganzen „Stammbaum“ von Irrtümern  nachgehen, der vor allem in der deutschen Philosophie im 19. Jahrhundert Wurzeln geschlagen hatte. Tatsächlich leitet sich der Modernismus aus zwei Gedankenlinien ab, die dem Luthertum entstammen: dem Rationalismus von Kant und Hegel, der die Religion auf die Philosophie reduzierte, und dem Irrationalismus der “Gefühlsphilosophen” Jacobi und Schleiermacher, der die Religion mit einem Gefühl (Empfindung) des Göttlichen identifizierten.

Aber der Modernismus ist mehr als eine Doktrin: Er ist eine neue psychologische Haltung gegenüber der modernen Welt, die mit dem Amerikanismus in Verbindung gebracht werden kann, einem Komplex neuer Theorien,  die von Isaac Hecker (1819-1888) aufgestellt wurden, einem protestantischen Konvertiten, der zum Gründer der Paulisten wurde, welcher die Idee einer allgemeinen Glaubensentwicklung und einer Anpassung der Kirche an die Erfordernisse der Moderne vorschlug.

Dieser Wandel der Mentalität entwickelte sich vor allem während des Pontifikats von Leo XIII. Auf der philosophischen Ebene war das Denken Leo XIII. der Moderne kategorisch entgegengesetzt. In diesem Sinne war die Enzyklika Aeterni Patris vom 4. August 1879 ein wahres Manifest gegen die Irrtümer der modernen Philosophie, in der der Papst bekräftigte, dass der große Weg zur Wiederherstellung der verlorenen Wahrheit eine Rückkehr zur Philosophie des Hl. Thomas von Aquin sei. Es war kein Zufall, dass Pius X. in einem Apostolischen Schreiben an die Römische Akademie des Heiligen Thomas bekräftigte, dass einer der hauptsächlichen Gründe des Ruhms von Leo XIII. darin bestand, “in erster Linie und mit aller Kraft die Wiederherstellung der Lehre des heiligen Thomas von Aquin anzustreben”.[5]

Auf politischer und pastoraler Ebene versuchte Leo XIII sich mit der modernen Welt, die er auf der philosophischen Ebene bekämpfte, abzustimmen. Dieser Geist des Kompromisses drückte sich vor allem in der Idee des Ralliement[6]  oder [anders gesagt Anm. d. Übers.] in der Politik der Annäherung an die freimaurerische und säkularistische Dritte Republik in Frankreich aus, wie sie in der Enzyklika Au milieu des sollicitudes[7] vom 16. Februar 1892 bekräftigt wurde. Der Modernismus stellte sich, rein gedanklich, als die Übertragung des Ralliement von der politischen auf die theologische und philosophische Ebene dar. Der Ralliement ermutigte tatsächlich zahlreiche Mitglieder des Klerus (nicht nur in Frankreich), die Öffnung gegenüber der modernen Welt über die politische Ebene hinaus auf die theologische Ebene hin zu erweitern.

Leo XIII., wie gesagt, hat den Weg zu einer moderneren und wissenschaftlicheren Lehre geebnet, in der Exegese und Geschichte die theologische und philosophische Forschung begleiten sollten[8]. Das Institut Catholique von Paris erwies sich als “Laboratorium” für neue Tendenzen. Hier war es, wo Mons. Louis Duchesne (1843-1922) Kirchengeschichte lehrte und unter seiner Leitung Alfred Loisy (1857-1940) als Dozent der Exegese ausgebildet wurde. Es war Loisy, der die “historisch-kritische” Methode seines Lehrers zu extremen Konsequenzen führte. Eine dritte Persönlichkeit, Abbé Marcel Hébert (1851-1916), übertrug die Ideen von Loisy und Duchesne in den philosophischen Bereich. Laut Abbé Barbier übten diese drei Priester, von denen zwei in Apostasie fielen, einen entscheidenden Einfluss auf die Orientierung junger Geistlicher und junger katholischer Laien in den Jahren 1880-1893 aus.[9]

Dieses “Neo-Christentum” verbreitete sich auch schnell außerhalb der Mauern des Institut Catholique. Am 7. Juni 1893 verteidigte der junge Maurice Blondel (1861-1949) seine Doktorarbeit an der Sorbonne mit dem Titel L’Action: Essai d’une critique de la vie et d’une science de la pratique.[10] In dieser Arbeit, die dazu bestimmt war, breite Anerkennung zu finden, schlug er vor, dass der menschliche Geist von einer inneren Dynamik geleitet wird, Gott in der Immanenz des Handelns zu suchen. Blondels neue “Philosophie der Immanenz” suchte den “Intellektualismus” durch die Bestrebungen des Herzens und die Erfordernisse des Lebens zu ersetzen, indem er die Wurzeln des Übernatürlichen in der eigenen menschlichen Natur suchte. Ausgehend von dieser Prämisse des Immanentismus leitete das moderne Denken die Vorstellung ab, dass der Mensch, indem er seinem Verlangen nach dem Unendlichen folgt, an der göttlichen Unendlichkeit in seiner Persönlichkeit teilhaben kann. Was die philosophische Methode von Blondel mit der wissenschaftlichen Methode der neuen Historiker und Exegeten vereinte, war der Primat des [Stand-]Ortes, der der Erfahrung als letztem Kriterium aller Gewissheit und Wahrheit gegeben wurde.

Leo XIII. begann die Gefahr dieser neuen exegetischen und philosophischen Lehren zu berücksichtigen. Nach dem Apostolischen Schreiben Testem Benevolentiæ[11] gegen den Amerikanismus am 22. Januar 1889 veröffentlichte er am 8. September 1899 seinen Brief an den Klerus von Frankreich Depuis le jour[12], [12] mit dem er die Dringlichkeit der Rückkehr zur Philosophie und Theologie des Heiligen Thomas bekräftigte. Aber die neuen philosophischen und exegetischen Tendenzen breiteten sich immer mehr aus.

 

 

[1] Charles Périn, Le modernisme dans l’Eglise. D’après des lettres inédites de Lamennais, Victor Lecoffre, Paris, 1881.

[2] Matteo  Liberatore, S. J., Il naturalismo politico, Eingeführt und herausgegeben von Giovanni Turco, Rispostes, Giffoni Valle Piana 2016.

[3]  Decr. S. Officii Lamentabili, 3 July 1907 in AAS, Bd. 40 (1907), S. 470-478; Denz-H, Nr. 3401-3466.

[4] Pius X, Enzyklica Pascendi dominici gregis, 8. September 1907 in AAS, Bd. 40 (1907), S. 596-628; Denz-H, Nr. 3475-3500.

[5] Hlg. Pius X, Apostolischer Brief In praecipuis laudibus, 3 Januar 1904, in AAS, 36 (1903-1904), S. 67.

[6] Roberto de Mattei, Il Ralliement di Leone XIII. Il fallimento di un progetto pastorale, Le Lettere, Firenze 2015.

[7]  Leo XIII, Enz. Au Milieu des sollicitudes, 16 Februar 1892, in AAS 24 (1891-1892), S. 519-529. 

[8]  Vgl. F. Laplanche, La crise de l’origine. La science catholique des Evangiles et l’histoire du XXème siècle, Albin Michel, Paris 2006; id., La Bible en France entre mythe et critique, XVI-XIX siècles, Albin Michel, Paris 1994.

[9] Emmanuel Barbier, Histoire du catholicisme libéral et social en France du Concile du Vatican à l’avènement de SS. Benoit XV (1870-1914), Cadoret, Paris 1923-1924, Bd.  III, S. 199.

[10] Maurice Blondel (1861-1949), L’Action. Essai d’une critique de vie et d’une science de pratique, (Die Aktion. Essay über eine Kritik des Lebens und einer Wissenschaft der Praxis Anm. d. Übers.) Alcan, Paris 1893. This work was reprinted on the occasion of its centenary by Presses Universitaires de France, Paris 1993.

[11]  Brief  Testem benevolentiae de americanismo, 22. Januar 1899, in ASS, 31 (1898-99), S. 470-479.

[12] Leone XIII, Depuis le jour, to the Archbishops, Bishops, and Clergy of France, 8 September 1899, in AAS, 32 (1899-1900), S. 193-213.

 

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