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Roberto de Mattei, Die Wurzeln und geschichtlichen Konsequenzen des Modernismus (2 von 5)

Der Heilige Pius X. und der Modernismus

        Der Funke, der die Modernismus-Kontroverse auslösen sollte, war die Polemik, die durch das 1902 erschienene Essay von Abbé Alfred Loisy L’Evangile et l’Église ausgelöst wurde[1], das als Antwort auf die Interpretation des Christentums des protestantischen Exegeten Adolf von Harnack (1851-1930) die er in seinen Vorlesungen an der Universität Berlin vorstellt, verfasst wurde. Loisy, der die neue “historisch-kritische” Methode auf das exegetische Feld anwendete, leugnete oder negierte den Offenbarungscharakter des Alten und Neuen Testaments, die Göttlichkeit Christi, die Einsetzung der Kirche, der Hierarchie und der Sakramente. In einer retrospektiven Analyse seiner Arbeit erklärte er, dass er “eine wesentliche Reform der biblischen Exegese, der gesamten Theologie und schließlich des Katholizismus im Allgemeinen gewollt” habe.[2]

Die Debatte wurde vom Oratorianer Lucien Laberthonnière (1862-1932), Direktor der “Annales de philosophie chrétienne”, mit dem Argument für die Notwendigkeit der Trennung des Christentums vom thomistischen Aristotelismus auf das philosophische Feld ausgedehnt, und auch von Edouard Le Roy (1870-1954), dem Nachfolger von Bergson am College de France, für den die dogmatische Wahrheit nur ein Element war, das der Praxis Orientierung gab und an sich nicht bewiesen werden konnte, sondern nur in ethisches Handeln übersetzt werden konnte.

Die beiden wichtigsten Theologen der Bewegung waren zwei Priester, George Tyrrell aus Irland (1861-1909) und Ernesto Buonaiuti aus Italien (1881-1946). Tyrrell konvertierte vom Calvinismus zum Anglikanismus und dann zum Katholizismus (1879) und trat dann in die Gesellschaft Jesu ein und identifizierte die Offenbarung mit “religiöser Erfahrung”, die sich in jedem einzelnen Gewissen verwirklicht, durch welche die lex orandi die Normen der lex credendi diktiert, und nicht umgekehrt. Tatsächlich kann diese Offenbarungserfahrung “nicht von außen zu uns kommen; die Lehre kann der Anlass sein, nicht aber die Ursache.”[3] Buonaiuti war Professor für Kirchengeschichte am Seminario dell’Apollinare und Autor der Programma dei modernisti, die im Oktober 1907 anonym in Rom erschien. Diese Arbeit stellte einen Versuch dar, eine organische Antwort auf Pascendi zu geben, und wurde von dem Hauptbefürwortern der Modernistischen Bewegung wie (z.B.) Tyrrel gepriesen, der sie ins Englische übersetzte.

Der Modernismus fand schließlich, in der Ausdrucksweise von Loisy, in der Figur des Barons Friedrich von Hügel (1852-1925) einen wichtigen “Vermittlungsagenten”. Als Sohn eines österreichischen Vaters und einer schottischen Mutter war von Hügel durch sein soziales Prestige und seinen kosmopolitischen Status “das Bindeglied zwischen der deutsch-englischen und der italienischen Gesellschaft, zwischen den Ideen der Philosophie der Aktion und denen der historischen Immanenz”[4] Paul Sabatier (1858-1928) definierte Hügel als “Laienbischof des Modernismus”,[5] aber Tyrrell stellte ihn Abbé Henri Brémond (1865-1933) als ihren “Laienpapst” vor. Unser Programm, schrieb er mit Sarkasmus, “sei eine völlig akzeptable Religion, die vom größten Teil der anglikanischen und protestantischen Konfessionen mit offenen Armen empfangen werden wird; und nachdem das Papsttum völlig verwirrt und diskreditiert sein wird, werden wir zum Vatikan marschieren, und wir werden den Baron [von Hügel] auf dem Stuhl Petri als den ersten Laienpapst inthronisieren.” [6]

Angesichts dieser aggressiven Untergrundbewegung reagierte Pius X. mit der Veröffentlichung eines prophetischen Dokuments, der Enzyklika Pascendi.

Der Kern des Modernismus bestand für Pius X. nicht nur im Gegensatz zu dem einen oder anderen der geoffenbarten Wahrheiten, sondern in der radikalen Umwandlung des gesamten Begriffes der “Wahrheit” selbst, durch die Annahme des “Prinzips der Immanenz”, das die Grundlage des modernen Denkens ist, wie es in dem vom Dekret Lamentabili verurteilten Satz 58 zusammengefasst wird: “Die Wahrheit ist nicht unwandelbarer als der Mensch selbst, denn sie entwickelt sich mit ihm und für ihn.”

Die Immanenz ist eine philosophische Konzeption, die Erfahrung als ein Absolutum voraussetzt und alle transzendenten Realitäten ausschließt. Für die Modernisten ist aus einem religiösen Gefühl heraus geboren, was, während es jede rationale Grundlegung negiert, in Wirklichkeit Fideismus. Der Glaube ist also keine Einwilligung des Verstandes an eine von Gott geoffenbarte Wahrheit, sondern eine religiöse Notwendigkeit, die aus der obskuren Grundlage (dem Unterbewußtsein) der menschlichen Seele entspringt. Die Darstellungen der göttlichen Wirklichkeiten sind auf “Symbole” reduziert, deren “intellektuelle Formeln” sich entsprechend der “inneren Erfahrung” des Gläubigen verändern. Die Formeln des Dogmas enthalten für die Modernisten keine absoluten Wahrheiten; sie sind Bilder der Wahrheit, die sich dem religiösen Gefühl anpassen sollten.

Letztlich löst sich die religiöse Wahrheit in der Selbstvergewisserung des Individuums auf, das mit den individuellen Glaubensproblemen konfrontiert ist. In diesem Sinne kehrt die Tendenz des Gnostizismus zurück, alle Wahrheiten durch ein Prinzip, die Subjektivität der Wahrheit und die Relativität aller ihrer Formeln, zu umfassen.[7] Für den Hl. Pius X. „ersehnt und erlaubt die Immanenz den Modernisten, dass das Phänomen des Gewissens des Menschen in jedem Menschen geboren wird. Als eine legitime Folgerung können wir schließen, dass Gott und der Mensch das Selbe sind: daher ist es schlicht Pantheismus“.[8]

Pascendi kann als ein grundlegendes Dokument des Lehramtes der Kirche angesehen werden, und unter allen Taten Pius X. bleibt es, wie Padre Cornelio Fabro schrieb, “das bedeutendste Monument seines Pontifikats”.[9] Sinngemäß betont der Historiker Emile Poulat, dass Pascendi das logische Ergebnis der Richtung ist, die Pius IX. ein halbes Jahrhundert zuvor im Syllabus der Irrtümer (1864) eingeschlagen hatte: “Pius IX. prangerte die Fehler ad extra (außerhalb der Kirche) an, die die Welt durcheilten; Im Gegensatz dazu verurteilte Pius X. ein Phänomen ad intra (innerhalb der Kirche), indem er dieselben Irrtümer verdammte, die die Kirche, in der sie Form annahmen und sich verwurzelten, infiltrierten. “[10]

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[1] Dieser Aufsatz, der vom Herausgeber Picard am 17. Januar 1903 veröffentlicht wurde, wurde am 23. Dezember 1903 zusammen mit vier anderen Werken von Loisy, der am 7. März 1908 persönlich exkommuniziert wurde, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.

[2] Alfred Loisy, Choses passées, Nourry, Paris 1913, S. 246.

[3] George Tyrrell, Through Scylla and Charydbis, London, Green and Co. 1907, S. 305-306.

[4] Giuseppe Prezzolini, Cos’è  il modernismo, Treves, Milano 1908, S. 75.

[5] Paul Sabatier, Les modernistes, Fischbacher, Paris 1909, S. LI.

[6] Lettres de Georges Tyrrell à Henri Bremond, Aubier-Montaigne, Paris 1971, S. 280.

[7] Cornelio Fabro, Modernismo, in Enciclopedia Cattolica, Bd.. VIII, col 1191.

[8] S. Pius X, Pascendi, Nr. 228.

[9] C. Fabro, Modernismo, col. 1190.

[10] Emile Poulat, Modernistica. Horizons, Physionomies Débats, Nouvelles Editions Latines, Paris 1982, S. 25.

 

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