Septem Dolorum Beatae Mariae Virginis – Sieben Schmerzen Mariä

Maria ist die Morgenröte, sie leuchtet vor dem Aufgang der Sonne, welche Christus ist. So wie sie vor der menschlichen Geburt Christi geboren wurde, welcher als Gott der Eingeborene (unigenitus) Vaters als Gott ewig ist, so gedenkt die Kirche ihres Leidens eine Woche vor Karfreitag mit dem Fest Sieben Schmerzen Mariae. Man müsste richtigerweise sagen, dass die Kirche der Schmerzen Mariä bis zur unseligen Rubrikenreform von 1955 gedachte, denn leider wird dieses Fest seit diesem Jahr nicht mehr begangen. Wen hat es gestört? Die Dämonen und diejenigen, welche von ihnen inspiriert wurden. Es ist natürlich sehr schade, denn außer der Konzertaufführung von Stabat mater, des Brevierhymnus dieses Festes, werden wir nirgends mit dem Leiden der Gottesmutter konfrontiert. Das Erlösungswerk des Leidens Christi, welches sich vornehmlich an Karfreitag vollzog, birgt solch eine Fülle in sich, dass man bestimmte Ereignisse vorverlegen oder nachverlegen musste, um ihrer liturgisch und paraliturgisch zu gedenken. Natürlich vor dem Konzil, denn das Gedenken des Leidens Christi scheint natürlich mit der „Mentalität des modernen Menschen“ nicht vereinbar zu sein. Im Gegensatz zur Sünde – die ist vereinbar.

Schauen wir uns den liturgischen Kalender des Tridentinischen Breviers an, welches wenigstens auf diesem Blog hochgehalten wird, so finden wir die folgenden Feste, welche mit Karfreitag inhaltlich verbunden sind:

  1. Am Freitag nach der ersten Fastenwoche: Lanceae et Clavorum Domini Nostri Jesu Christi – Der hl. Lanze und Nägel unseres Herrn Jesus Christus.
  2. Am Freitag nach der zweiten Fastenwoche: Sindonis D.N.J.C. – des hl. Schweißtuches unseres Herrn Jesus Christus.
  3. Am Freitag nach der dritten Fastenwoche: Quinque Vulnerum D.N.J.C. – der hl. Fünf Wunden unseres Herrn Jesus Christus.
  4. Am Freitag nach der vierten Fastenwoche: Pretiosissimi Sanguinis D.N.J.C. – des kostbarsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus.
  5. Am Freitag der fünften Fastenwoche, der Passionswoche: Septem Dolorum B. Mariae Virginis – Sieben Schmerzen der Seligen Jungfrau Maria.
  6. Am Freitag nach dem Weißen Sonntag: Spineae Coronae D.N.J.C. – der hl. Dornenkrone unseres Herrn Jesus Christus.
  7. Am 14. September – Exaltationis S. Crucis – der Kreuzeserhöhung.
  8. Dritter Sonntag in September – Septem Dolorum B. Mariae Virginis – Sieben Schmerzen der Seligen Jungfrau Maria.

Es ist tatsächlich allerhand, wobei manche Feste auch nach Ostern fallen. Das Siebenschmerzen Fest in der Fastenzeit hat ein ganz anderes Officium als das Fest in September, sodass nichts wiederholt wird. Besonders in der Fastenzeit wird der Brevierbeter langsam in das Karfreitagsmysterium geführt, durch die Betrachtung der einzelnen Geheimnisse. Und wem hat es geschadet? Den Dämonen und der Welt. Nun, ja.

Bevor wir die Überlegungen von Dom Prosper Guéranger auf Englisch zu diesem Fest veröffentlichen, ein paar eigene Bemerkungen. Das heutige Brevier präsentiert eine interessante Mischung aus Brautmystik des Hoheliedes und der Passionsgeschichte. Denn Maria war auch eine Liebende. Sie liebte Christus als ihren Sohn und als ihren göttlichen Bräutigam. Die Liturgie scheut sich nicht diese beiden Aspekte zu vermischen und so lesen wir im ersten Responsorium des ersten Nokturns:

R. Dilectus meus candidus, et rubicundus, et totus desiderabilis:
* Omnis enim figura ejus amorem spirat, et ad redamandum provocat caput inclinatum, manus expansae, pectus apertum.
V. Piis, o Virgo, spectas eum oculis, contemplans in eo non tam vulnerum livorem, quam mundi salutem.
R. Omnis enim figura ejus amorem spirat, et ad redamandum provocat caput inclinatum, manus expansae, pectus apertum.

R. Mein Geliebter ist weiß und rot und als ganzer begehrenswert: * All seine Gestalt haucht Liebe aus und zur Gegenliebe ruft sein gebeugtes Haupt auf, seine Hände sind ausgestreckt, seine Brust offen.

V. Mit frommen, oh Jungfrau, schaust Du ihn Augen an, beschaust in ihm nicht sosehr die bleifarbige Farbe der Wunde, als das Heil der Welt.

R. All seine Gestalt haucht Liebe aus und zur Gegenliebe ruft sein gebeugtes Haupt auf, seine Hände sind ausgestreckt, seine Brust offen.

Ähnliche Verknüpfung stellt der hl. Bernhard von Clairveaux in seiner Predigt, welche die vierte Lesung des zweiten Nokturns darstellt. Indem er auf die Weissagung des Simeons und das Martyrium anspielt, sagt er:

Vere tuam, o beata Mater, animam pertransivit. Alioquin non nisi eam pertransiens, carnem Filii tui penetraret.

Wahrlich hat es [das Schwert], o selige Maria, deine Seele durchbohrt. Denn nichts hätte Deine Seele durchbohren können, was nichts auch das Fleisch Deines Sohnes durchbohrt hat.

Wie Maria in der Schwangerschaft mit Christus, dem Eingeborenen Sohn Gottes verbunden war, so war sie doch zeitlebens mit ihm auch geistlich verbunden. Wie sehr muss sie doch gelitten haben als sie ihren gemarterten Sohn sah! All diese Geheimnisse des Leidens, Mitleidens, der Übergabe Johannes an Maria an Sohnes statt, werden im heutigen Fest betrachtet. Der heutige Hymnus ist Stabat mater, welches so oft und gerne vertont wurde. Es lautet wie folgt:

Stabat mater dolorosa
Iuxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius;

Cuius animam gementem,
Contristantem et dolentem
Pertransivit gladius.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater Unigeniti!

Quæ maerebat et dolebat,
Et tremebat, dum videbat
Nati pœnas incliti.

Quis est homo qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?

Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum filio?

Pro peccatis suæ gentis
Vidit Iesum in tormentis
Et flagellis subditum;

Vidit suum dulcem natum
Morientem desolatum
Dum emisit spiritum.

Pia mater, fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.

Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide;

Tui nati vulnerati
Tam dignati pro me pati,
Pœnas mecum divide.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero;

Iuxta crucem tecum stare
Et me tibi sociare
In planctu desidero.

Virgo virginum præclara,
Mihi iam non sis amara,
Fac me tecum plangere

Fac, ut portem Christi mortem,
Passionis fac consortem
Et plagas recolere.

Fac me plagis vulnerari,
Cruce fac inebriari
Et cruore filii.

Flammis ne urar succensus,
Per te, virgo, sim defensus
In die iudicii.

Fac me cruce custodire,
Morte Christi præmuniri,
Confoveri gratia.

Quando corpus morietur,
Fac ut animæ donetur
Paradisi gloria.

 

Christi Mutter stand mit Schmerzen
bei dem Kreuz und weint von Herzen,
als ihr lieber Sohn da hing.

Durch die Seele voller Trauer,
scheidend unter Todesschauer,
jetzt das Schwert des Leidens ging.

Welch ein Schmerz der Auserkornen,
da sie sah den Eingebornen,
wie er mit dem Tode rang.

Angst und Jammer, Qual und Bangen,
alles Leid hielt sie umfangen,
das nur je ein Herz durchdrang.

Ist ein Mensch auf aller Erden,
der nicht muss erweichet werden,
wenn er Christi Mutter denkt,

wie sie, ganz von Weh zerschlagen,
bleich da steht, ohn alles Klagen,
nur ins Leid des Sohns versenkt?

Ach, für seiner Brüder Schulden
sah sie ihn die Marter dulden,
Geißeln, Dornen, Spott und Hohn;

sah ihn trostlos und verlassen
an dem blutgen Kreuz erblassen,
ihren lieben einzgen Sohn.

O du Mutter, Brunn der Liebe,
mich erfüll mit gleichem Triebe,
dass ich fühl die Schmerzen dein;

dass mein Herz, im Leid entzündet,
sich mit deiner Lieb verbindet,
um zu lieben Gott allein.

Drücke deines Sohnes Wunden,
so wie du sie selbst empfunden,
heilge Mutter, in mein Herz!

Dass ich weiß, was ich verschuldet,
was dein Sohn für mich erduldet,
gib mir Teil an seinem Schmerz!

Lass mich wahrhaft mit dir weinen,
mich mit Christi Leid vereinen,
so lang mir das Leben währt!

An dem Kreuz mit dir zu stehen,
unverwandt hinaufzusehen,
ist’s, wonach mein Herz begehrt.

O du Jungfrau der Jungfrauen,
woll auf mich in Liebe schauen,
dass ich teile deinen Schmerz,

dass ich Christi Tod und Leiden,
Marter, Angst und bittres Scheiden
fühle wie dein Mutterherz!

Alle Wunden, ihm geschlagen,
Schmach und Kreuz mit ihm zu tragen,
das sei fortan mein Gewinn!

Dass mein Herz, von Lieb entzündet,
Gnade im Gerichte findet,
sei du meine Schützerin!

Mach, dass mich sein Kreuz bewache,
dass sein Tod mich selig mache,
mich erwärm sein Gnadenlicht,

dass die Seel sich mög erheben
frei zu Gott im ewgem Leben,
wann mein sterbend Auge bricht! [1]

 

Wir präsentieren hier das Stabat mater von Pergolesi in einer sehr schönen Aufnahme, bei der richtigerweise die romantische Opernästhetik fehlt, sodass diese Sequenz wirklich hörbar wird, weil man auf die Worte statt auf die Sopranistin oder Altistin achtet. Die schöne Montage, die wir im Internet gefunden haben, soll uns die Inhalte dieser Sequenz nahebringen auch ästhetisch, denn Gott ist die Schönheit schlechthin. Auch die Passionsbilder mussten vor dem Konzil schön sein, bei all dem Leiden das sie darstellten und nicht allzu blutrünstig. Es ist wirklich ein Jammer, was wir schon seit 1955 alles verloren haben, aber wenigstens auf diesem Blog können wir dessen gedenken und zwar frei von jeglichen Kirchenstrafen wegen „vorkonziliaren Abtrünnigkeit“. Aber freuen wir uns darüber, was wir dennoch haben:

  • Die Möglichkeit wenigstens unter divinum officium.com das Tridentinische Brevier zu beten,
  • Die Ausführungen von Dom Prosper Guéranger,
  • Die Musik von Pergolesi samt der youtube-Animation

Ist das nicht schön?

[1] Nach http://hymnarium.de/hymni-breviarii/diversa/146-stabat-mater

Hier die Worte zum Fest vom französischen Benediktiner, entnommen Abbot Prosper Guéranger O.S.B., The Liturgical Year, Vol. 6 Passiontide and Holy Week, Loreto Publications 2000, 165-177.

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Almosen und Gegenleistung

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Gebet als Inhalt und Stärkung

Liturgie ist die Lehrerin des Glaubens und der Frömmigkeit. Dies bedeutet, dass dies, was in der natürlich vorkonziliaren Liturgie steht auch wirklich stimmt. Nach dem Grundsatz: ars orandi – ars credendi „die Kunst/Fertigkeit des Betens ist die Kunst/Fertigkeit des Glaubens“. Anders gewendet, bedeutet dies, dass diejenigen Inhalte, die wir während des liturgischen also des vor der Kirche vorgeschriebenen und approbierten Gebetes verrichten unseren Glauben prägen und gestalten. Wie der Input, so der Output. Daher hat sich die letzte liturgische Reform, wie wir hier ständig wiederholen, so verheerend zuerst für die geistlichen Stände erwiesen, dann für die Gläubigen, da die geistlichen Inhalte und die geistliche Speise so reduziert und zum Nachteil verändert wurden. Andererseits lebt der Glaube durch die alten-neuen Inhalte wieder auf, weil er genährt wird. Irgendwie scheinen die alten Gebete mehr oder überhaupt geistlich zu wirken. Wir suchen derzeit nach einer rationalen oder auch rationalen Erklärung dieses Sachverhalts, kommen aber nicht weiter. Wir können es nur bestätigen: „Es ist wirklich so.“ Das Geistliche ist demnach mehr als das Nur-Rationale oder das Nur-Bewusste, was dogmatisch eigentlich klar ist, da die Glaubensinhalte die natürliche Erkenntnis übersteigen, wie das Vaticanum I in Dei Filius 12 lehrt.

Dieser göttlichen Offenbarung ist es auch zu danken, dass im gegenwärtigen Zustand des Menschengeschlechtes auch das, was von göttlichen Dingen der menschlichen Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, von allen mit Leichtigkeit, mit unerschütterlicher Gewissheit und vollständig irrtumsfrei erkannt werden kann. Jedoch ist nicht das der Grund, weshalb die 0ffenbarung als unbedingt notwendig bezeichnet werden muss; der Grund liegt vielmehr darin, weil Gott in seiner unendlichen Güte den Menschen zu einem übernatürlichen Ziel bestimmt hat, zur Teilnahme an göttlichen Gütern, die alle Einsicht des menschlichen Geistes völlig übersteigen; denn „kein Auge hat es gesehen und kein Ohr gehört, in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2, 9).[1]

Die gnadenreiche Vulgata

Der Mensch braucht, aufgrund seiner Kreatürlichkeit und der Erbsünde eine Gnadenhilfe, um sich in diesen Bereich aufzuschwingen und dort zu verbleiben. Er wird von Gott emporgehoben durch die Gnade. Es scheint wirklich so zu sein, dass Gott durch seine Offenbarung, d.h. die Psalmen, dem Menschen einen Weg bahnt, so zusagen eine Autobahn baut, auf der dieser einigermaßen bequem und sicher zu Gott kommen kann. Denn wir beten nach den Worten der Heiligen Schrift und mit den Worten der Heiligen Schrift. Warum sind aber gerade die lateinischen Vulgata-Psalmen um so viel gnadenreicher als ihre deutsche Übersetzung? Als hätte gerade Latein und die Vulgata die optimale Formel gefunden. Vielleicht deswegen, weil diese Psalmen von einem Heiligen und Gott-inspirierten Kirchenvater, dem hl. Hieronymus, übersetzt wurden. Es gab auch vor ihm eine lateinische Übersetzung, die sogenannte Vetus Latina, die sich langfristig nicht durchgesetzt hat. Obwohl der hl. Hieronymus ein begabter Literat war und seine Schriften, literarisch und philologisch gesehen, zu dem Besten gehören, was in der lateinischen Sprache überhaupt verfasst wurde, so gab es auch andere Schreibende, die in der Lage waren aus dem Griechischen oder aus dem Hebräischen zu übersetzen. Aber es war gerade der hl. Hieronymus und sein Werk, welches sich einer göttlichen Inspiration erfreute. Es wirkt und das Andere nicht. Gott hat sich also durch die lateinische Wortgewandtheit des hl. Hieronymus einen Weg zu uns geschaffen und ebenso durch die Texte der alten Breviere, allem voran des Tridentinischen Breviers. Der Schreiber dieser Zeilen kennt die Geschichte der vortridentinischen Breviere zu wenig, um sagen zu können, was im Tridentinischen Brevier eine Neuschaffung und was aus der früheren Tradition übernommen wurde. Dies ist vielleicht irgendwie zu eruieren, vielleicht aber auch nicht.

„Almosen löscht die Sünde aus“

Wir wollen uns hier dem letzten Responsorium der Matutin des ersten Samstag der ersten Fastenwoche widmen, welche lautet:

R.  Abscóndite eleemósynam in sinu páuperum, et ipsa orábit pro vobis ad Dóminum:
* Quia sicut aqua extínguit ignem, ita eleemósyna extínguit peccátum.
V. Date eleemósynam, et ecce omnia munda sunt vobis.
R. Quia sicut aqua extínguit ignem, ita eleemósyna extínguit peccátum.
V. Glória Patri, et Fílio, * et Spirítui Sancto.
R. Quia sicut aqua extínguit ignem, ita eleemósyna extínguit peccátum.

R. Versteckt den Almosen im Schoß der Armen und er [der Almosen] selbst wird für euch beten zum Herrn: * Denn wie das Wasser das Feuer auslöscht, so löscht der Almosen die Sünde aus.

V. Gibt Almosen und siehe alles wird euch rein sein.

R. Denn wie das Wasser das Feuer auslöscht, so löscht der Almosen die Sünde aus.

V. Ehre sei dem Vater und dem Sohn* und dem Heiligen Geist.

R. Denn wie das Wasser das Feuer auslöscht, so löscht der Almosen die Sünde aus.

Der Almosen löscht (extinguit) also die Sünden aus. Aber warum? In den Zeiten als es noch keine Ohrenbeichte gab, sah die Kirche verschiedene Busswerke zur Tilgung der lässlichen Sünden, wohlgemerkt nicht der schweren, vor. Dazu gehörten auch Almosen. Dies bedeutet natürlich nicht, dass man sich von den Sünden freikaufen konnte. Denn die Almosen müssten von etwas abgespart werden und mit der Intention der Busse gespendet werden und dies ist der eigentliche Sinn des Fastenopfers. Das, was ich durch das Fasten, also Essensentzug, spare, dass mache ich zu Almosen und gebe es den Armen. Somit kann sogar ein Armer Almosen geben, indem er weniger isst, was ja immer machbar ist. Wie das Beispiel der Armen Witwe aus dem Evangelium zeigt, zählt dieses Almosen bei Gott mehr, was mehr kostet. Also jedem Almosen geht ein Verzicht voraus, auch wenn man reicher ist, so stellt der Almosen sozusagen „das Schneiden ins eigene finanzielle Fleisch“, da wir alle doch an unserem Geld und Besitz hängen. Man merkt dass daran, dass wir wenigsten ärgerlich werden, wenn uns jemand etwas wegnehmen, betrügen oder übervorteilen möchte. Also Geld bedeutet etwas und Almosen bedeutet etwas. Man soll aber auch den Almosen „im Schoß des Armen verstecken“. Warum „im Schoß“? Warum „verstecken“? Zum ersten, weil der Bettler meistens vor uns sitzt und sein Schoß sozusagen die Sparbüchse bildet. Aber warum verstecken? Damit es andere Bettler, Menschen, Almosengeber es nicht sehen und eventuell nicht neidisch werden. Auch deswegen, damit man selbst nicht stolz wird, damit aber auch zwischen uns selbst und dem Bettler sich keine falsche Abhängigkeit bildet und er immer mehr und mehr will. Menschen, die spenden oder freigiebig sind, können ein Lied von der Unverschämtheit und Undankbarkeit singen. Leider ist es so, die Dankbarkeit hat kurze Beine und der Beschenkte will immer mehr und mehr, siehe „Fischers Frau“. Daher ist es am Besten Geld anonym zu geben und zwar jemanden, der eine Gegenleistung erbringt und für uns betet. So war es früher oder ist immer noch hier und da dort, wo der Bettler verspricht für uns zu beten. Er hat ja Zeit! Ob er es tatsächlich tut, wissen wir nicht, aber manche tun es tatsächlich. Der Heilige Benedikt Joseph Labre (gest. 1783) war solch ein Bettler.[2] Manche Menschen wählen auch solch ein Leben der Sühne und Buße.

Gebet als Gegenleistung

Ein Gebet wirkt wirklich. Man muss nicht einmal im Gnadenstand sein, um es zu spüren. Der Schreiber dieser Zeilen hatte schon mal für Menschen gebetet, die weder gläubig noch im Gnadenstand waren, für die Anderen natürlich auch, welche ihm Rückmeldung erstattet haben, dass es ihnen irgendwie danach besserging. Er selbst hat manchmal auch die Gebete Anderer für ihn wahrgenommen. Gnadenstrom oder Gnadenzuwachs ist also etwas Objektives und wird manchmal auch als solches wahrgenommen. Deswegen können wir durchaus für unsere Almosen eine Gegenleistung im Sinne eines Gebetes für uns fordern. Da der Beschenkte zuerst wenigstens dankbar sein wird, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie überhaupt betet recht groß. Dies ist auch der Grund für die Almosen, welche man den Orden, hauptsächlich den kontemplativen Orden gibt. Man gibt und sie beten. Wollen Sie wirklich, dass Ihr Fastenopfer wieder mal in irgendeiner „Rettet die Wale“-Aktion endet? Almosen ist nicht Entwicklungshilfe oder die finanzielle Aufrechterhaltung des Misereor-Werkes, welches ja überhaupt keine Mission betreibt und eher diese untergräbt. Man hat ja wirklich niemals die Gewissheit, dass unser Geld bei den richtig Bedürftigen landen, denn was ist schon bedürftig? Es gibt hauptsächlich seelische und spirituelle Not und die ist am schlimmsten, besonders bei uns in Europa. Eine Schule wird in Afrika gebaut. Schön und gut. Aber was wir dort unterrichtet? Wer kann sie sich leisten? Werden die Seelen dieser Kinder gerettet oder verdorben? Das kann man niemals wissen und würde jeder so denken, so würde kein Mensch spenden. Aber spenden ist nicht gleich Almosen geben. Almosen ist eine religiöse Praxis, welche mit der Intention getan wird seine Sünden zu tilgen oder dadurch Buße zu tun. Man kann für den Almosen durchaus einen Gegenleistung verlangen, welche die Form des Gebetes haben soll. Dadurch wachsen wir selbst und sammeln Verdienste vor Gott, die uns in der Stunde des Gerichts zugutegehalten werden. Woher weiß ich, dass jemand für mich beten wird? Suchen Sie sich einen kontemplativen Orden in Ihrer Umgebung aus, geben Sie dort Ihr Fastenopfer und bitten Sie Ihrer im Gebet zu bedenken. Manchmal wird Ihnen oder Ihrem Anliegen eine Schwester oder ein Bruder zugewiesen. Da alle Orden täglich für Ihre Wohltäter beten, so kommen Sie täglich dran. Geld kann jeder gebrauchen und kontemplative Orden sind ja dazu da. Machen Sie in dieser Fastenzeit dieses Experiment und beobachten Sie die Folgen. Sie können ja uns darüber berichten, ob es wirkt.

Denn:

Denn wie das Wasser das Feuer auslöscht, so löscht der Almosen die Sünde aus.

[1] http://www.kathpedia.com/index.php/Dei_filius_%28Wortlaut%29

[2] http://www.marianisches.de/heilige-und-selige/b/benedikt-joseph-labre/

Die Fastenzeit – das Abreichern des Breviers

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Das deutsche, bildungssprachliche Verb „abreichern“ stellt eine mögliche Übersetzung des Englischen „to strip“ dar, welches auch „abschneiden, ausziehen, entblößen, entkleiden, abstreifen, abdecken, abtragen etc.“ bedeutet. Da der Schreiber dieser Zeilen zum ersten Mal den Satz „in the Lent time the liturgy is stripped of“ las, so blieb ihm dieser Satz auf Englisch hängen und er muss immer wieder rückübersetzt werden. „Die Liturgie verliert in der Fastenzeit ihre Pracht“, so lautet in etwa dieser Satz auf Deutsch. Sie wird entkleidet, sie verarmt, sie wird einfacher, aber im Sinne von schwieriger und mehr, nicht im Sinne von leichter und weniger, wie wir es seit dem Konzil kennen. Den Höhepunkt dieses Abstreifens bildet der leere Altar an Karfreitag, der im Alten Ritus aller drei Altardecken beraubt wird. Es bleibt nur die nackte Leere und ein offenes Tabernakel. Aber dieses Abstreifen geht sukzessiv vor und fängt tatsächlich mit den Breviergebeten ab Aschermittwoch an. Wir besprechen hier das Tridentinische Brevier, bei welchem diese Änderungen am deutlichsten zu Tage treten.

Simplex und Duplex Feste

Das Tridentinische Brevier zeigt den Rang der Feste unter anderem durch die Länge der Antiphonen an. Ohne an dieser Stelle gleich die ganze tridentinische Rubrizistik darzulegen, was wir irgendwann tun werden, sei gesagt, dass der niedrigste Rang ein simplex Fest ist, d.h. er beginnt mit einem Teil der Antiphon. So lautet beispielsweise die erste Matutin am Montag der ersten Fastenwoche[1] :

Ant. Dóminus defensor (Der Herr ist der Beschützer)

Was den Anfang der ganzen Antiphon „Dóminus defensor * vitæ meæ (Der Herr ist der Beschützer meines Lebens)“ darstellt. Die Eigenheit des Tridentinischen Breviers macht auch der Umstand aus, dass unter einer einzigen Antiphon mehrere Psalmen gebetet werden und nicht wie seit 1960 jeder Psalm über eine eigene, ganze Antiphon verfügt. So reicht am Montag der ersten Fastenwoche eine Antiphon für zwei Psalmen aus, wobei vor dem ersten Psalm nur ihr Anfang (Dominus defensor) und am Ende des zweiten Psalms die ganze Antiphon (Dóminus defensor * vitæ meæ) gebetet werden. Wie bereits erwähnt wurden erst durch die „Reformen“ von 1960 die halben Antiphonen eliminiert und seitdem es gibt bei den Festarten jedes Ranges ausschließlich ganze Antiphonen. Wann gibt es denn im Tridentinischen Brevier ganze Antiphonen? An sog. Duplex Festen, d.h. bei größeren Festen und Heiligenfesten, sodass man sich schon an der Anfangsantiphon orientieren kann, welches Fest man begeht.

Wozu ist es gut? Um in einem anderen Zeitrhythmus als die Welt zu leben, denn der liturgische Kalender ist nicht der weltliche Kalender. Man lebt tatsächlich in einer anderen Zeit, welche vom Rhythmus von Simplex- und Duplex-Festen vorgegeben wird. So war es im Großen und Ganzen vor dem Konzil. Aber tatsächlich erlebt man diese Staffelung der Liturgie im Tridentinischen Brevier am stärksten, da sich dort die Simplex-Feste von den Duplex-Festen am meisten unterscheiden. Wenn man sich vorstellt, dass alles gesungen wurde und wohl an Simplex-Festen es andere Modi oder Melodien als an den Duplex-Festen gab, so lebte man die Liturgie wirklich und atmete sie ein, wie es eindrucksvoll Dom Prosper Gueranger beschreibt. Wer bestimmte denn, wer oder was ein Duplex-Fest ist? Der Papst durch die Liturgische Kongregation. So bekamen die bedeutenden Heiligen ein Duplex-Fest, die ein wenig vergessenen Märtyrer nur ein Simplex-Fest, bei welchem zu den gewöhnlichen Simplex-Psalmen man den betreffenden Heiligen in der Laudes kommemorierte, d.h. nach dem Tagesgebet anführte. Man schaue es bei divinum officium für Trident 1910 bei Februar nach,[2] so hat bspw. Der hl. Simeon Faustinus am 18.02 ein Simplex-Fest und der hl. Titus am 6.02. ein Duplex-Fest. In der gesamten Fastenzeit, welche ja immer in die zweite Hälfte von Februar und in den März fällt, gibt es verhältnismäßig wenige Duplex-Feste, während beispielsweise in August das eine Duplex-Fest auf das Andere folgt.[3] Die Unterschiede zwischen Simplex und Duplex werden bei der Matutin am deutlichsten.

Die Matutin der Duplex-Feste

Bei den Duplex-Festen werden nur 9 Psalmen gebetet und zwar:

  • Am Officium der Apostel (apostoli) betet man die folgenden Psalmen:
  1. Ps 18
  2. Ps 33
  3. Ps 44
  4. Ps 46
  5. Ps 60
  6. Ps 63
  7. Ps 74
  8. Ps 96
  9. Ps 98

Am Officium der Märtyrer (martyres) betet man die Psalmen:

  1. Ps 1
  2. Ps 2
  3. Ps 3
  4. Ps 15
  5. Ps 16
  6. Ps 23
  7. Ps 32
  8. Ps 33
  9. Ps 45

Beim Officium der Bekenner (confessores) betet man hingegen die Psalmen:

  1. Ps 1
  2. Ps 2
  3. Ps 3
  4. Ps 4
  5. Ps 5
  6. Ps 6
  7. Ps 14
  8. Ps 20
  9. Ps 23

Beim Officium der Duplex-Feste der Jungfrauen (virgines) oder Witwen (viduae) betet man die Psalmen:

  1. Ps 8
  2. Ps 18
  3. Ps 23
  4. Ps 44
  5. Ps 45
  6. Ps 47
  7. Ps 95
  8. Ps 96
  9. Ps 97

Welches Officium wird denn am häufigsten gebetet? Das der Bekenner, d.h. festa confessorum. Es ist durchaus möglich und es kommt auch recht oft vor, dass man mehrere Tage hintereinander ausschließlich die neun Psalmen der Bekenner-Feste betet. Dies hängt natürlich vom Kalender der jeweiligen Brevier-Ausgabe ab. So gab es im Jahre 1763 viel weniger Heiligenfeste als z. B. im Jahre 1909. Wird es nicht langweilig? Nein, weil man durch die Wiederholung derselben Psalmen immer tiefer in das Geheimnis der Märtyrer, der Jungfrauen oder der Bekenner geht. Irgendwie scheint gerade diese Psalmenauswahl den Heiligen Stand widerzuspiegeln, denn, wie man sehen kann, haben die Jungfrauen ganz andere Psalmen als z.B. die Bekenner. Wir werden uns diesen Themen noch sicherlich widmen. Es bleibt aber zu sagen, dass bei den Duplex-Festen tatsächlich kürzer gebetet wird als bei den Simplex-Festen, welcher außerhalb der Fastenzeit recht selten fallen.

Die Simplex der Feriae maiores der Fastenzeit

In der Fastenzeit werden in der Matutin zwölf Psalmen gebetet und nicht wie bei den Duplex-Festen neun Psalmen. Wie wir bereits schrieben, werden bei den Duplex-Festen jeweils drei Psalmen von den Lesungen abgewechselt, sodass man nicht die neun Psalmen am Stück betet. Man kann es hier am Beispiel des Festes des Hl. Cyrill von Alexandrien am 9.02 ersehen.[4] Man hat also bei den Duplex-Festen mehr Abwechslung und man betet auch kürzer. Aber an den meisten Fastentagen betet man 12 ganze Psalmen hintereinander, was wirklich länger dauert und viel Konzentration erfordert. So sind es am Montag der ersten Fastenwoche die folgenden Psalmen:

  1. Ps 38
  2. Ps 39
  3. Ps 40
  4. Ps 41
  5. Ps 43
  6. Ps 44
  7. Ps 45
  8. Ps 46
  9. Ps 47
  10. Ps 48
  11. Ps 49
  12. Ps 51

Danach folgt das Tagesevangelium mit einem Kommentar eines Kirchenvaters. Wie lange dauert es? Eine Stunde beim zügigen Lesen. Warum schreiben wir das? Um anzugeben, was man alles verloren hat. Da man diese Psalmen im restlichen Kirchenjahr selten betet, weil die Simplex oder die Simplex maior Feste selten sind, so entdeckt man sie neu und sie „sprechen zu einem“. Man verfällt nicht ins gedankenlose Rezitieren, wie beim nachkonziliaren Brevier, wo man schon alles auswendig kennt. Ja, die liturgische Erziehung funktionierte mal in der Kirche besser.

Die Laudes der Simplex maior Feste der Fastenzeit

Bei der Laudes der Fastenzeit betet man zu den üblichen sieben Psalmen, am Anfang den Psalm 50 (Miserere mei) und am Ende, nach den Fürbitten, welche in der Fastenzeit gehalten werden, den Psalm 129 (De profundis). Diese beiden Bußpsalmen, die einige unserer Leser schon kennen, bilden sozusagen die liturgische Fassung der anderen Psalmen, die – als Bußpsalmen – kniend gebetet werden sollen. So betet man am Montag der ersten Fastenwoche in der Laudes:

  1. Ps 50
  2. Ps 42
  3. Ps 62
  4. Ps 66
  5. Canticum Ezechiae Is 38:10-24
  6. Ps 148
  7. Ps 149
  8. Ps 150
  9. Ps 129

In der Fastenzeit kommen die Cantica des Alten Testaments zur Geltung, welche ebenfalls im restlichen Kirchenjahr selten rezitiert werden. Man wird wirklich durch das Brevier genährt und durch die Kommentare der Kirchenväter in die tief-spirituelle Dimension der Fastenzeit geführt. Obwohl diese Häufung der Adjektive mittlerweile esoterisch anmutet, so sind sie an dieser Stelle wirklich richtig verwendet. Denn es eröffnen sich ganze neue Welten, welche wir natürlich in der Kirche seit mehreren Jahrzehnten nicht vermittelt bekommen, denn seit der nachkonziliaren Brevierreform werden diese Texte nicht mehr gelesen, sodass man auf eigene Inspirationen, welche sich ja um das Miteinander, die Wale, die Mitmenschlichkeit drehen, angewiesen wird. Und wie der Input, so der Output.

[1] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/officium.pl

[2] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/kalendar.pl

[3] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/kalendar.pl

[4] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/officium.pl