Tradition und Glauben

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (9): Acedia ist ein Hauptlaster (vitium capitale)

„Ein gut Ding braucht Weile“ und ein guter Beitrag braucht Muße, um geschrieben zu werden. So sind wir stolz an dieser Stelle den letzten Beitrag unserer Reihe über die Acedia anführen zu können. Er ist wirklich lang, weil der lateinische Originaltext auch beigefügt wurde, da er aber eine Einheit bildet, so wollten wir ihn nicht aufteilen. In den Ostertagen werden wir wahrscheinlich mehr Muße zum Lesen als sonst haben und deswegen wird dieser Beitrag einige Tage lang auf dem Blog bleiben. Viele Inhalte werden hier doppelt erscheinen, was hinsichtlich des Lerneffekts bewußt gemacht wurde. Denn es sind für die meisten neue Inhalte und es heißt ja nicht von ungefähr: repetitio est mater studiorium – „die Wiederholung ist die Mutter der Studierenden“. Dies ist also unser Ostergeschenk an unsere Leser. Was ist ein Hauptlaster? Wie wir bereits bestimmt haben, bedeutet das Wort Laster (vitium) in der Theologie etwas anderes als in der Alltagssprache.[1] Während in der Alltagssprache ein Laster, bspw. die Pornosucht, eine wiederholte Sünde ist, die jemanden in die zweite Natur übergegangen ist, bedeutet in der Theologie Laster (vitium) den Ursprung der Sünde, welche die Möglichkeit zum Sündigen bereitet. Wie ein entzündeter Zahn viele Infektionen bewirken kann, welche ohne die Stilllegung der Infektionsquelle ungeheilt bleiben,[2] so werden die aktuellen Sünden ohne die Stilllegung des Lasters nicht weniger. Die Theologie spricht daher von Hauptlastern (vitia capitalia), aus welchen alle anderen Sünden resultieren. Auch unter Theologen werden sie die Hauptsünden genannt, aber wir wollen hier die Bedeutung von Sünde (peccatum) als Tat und Laster (vitium) als Anlage auseinanderhalten. Thomistisch gesprochen steht das Laster (vitium) die Potenz, die Sünde (peccatum) hingegen den Akt dar. Die recht ausgebaute Lehre von den septem vitia capitalia also von den sieben Hauptlastern, welche auf Evagrius Ponticus und Johannes Cassianus zurückgeht, wollen wir an einer anderen Stelle besprechen. Es genügt an dieser Stelle zu sagen, dass seit der Scholastik sieben Hauptlaster und nicht wie bei Evagrius und Cassianus acht, das diese noch die filodoxia – die Ruhmenssucht als ein eigenes Laster zählten, annehmen. Die Hauptlaster sind: Stolz (superbia), Geiz (avaritia), Wollust (luxuria), Zorn (ira), Völlerei (gula), Neid (invidia), Trägheit (acedia). Liest man die Anfangsbuchstaben der lateinischen Namen, so ergibt sich das Kunstwort saligia, welches dazu dient sich die Namen aller sieben Hauptsünden zu merken. Was ist ein Hauptlaster? Es ist, wie gesagt, eine Quelle anderer Sünden, eine Sündenanlage sozusagen in etwa mit einem leckenden Rohr unter dem Putz oder einem Schimmelbefall vergleichbar. Wenn man die Quelle dieses Übels nicht beseitigt, so ist es müßig die Folgen zu bekämpfen. Ähnlich wie bei Sümpfen und Malaria, keine Sümpfe – keine Malaria, denn bei Sümpfen wird es immer Mücken und somit immer Malaria geben. Obwohl die Hauptlaster manchmal auch Hauptsünden auch Todsünden genannt werden, so ist eine Todsünde theologisch gesehen etwas anderes, denn sie ist eine schwere Sünde, welche das Gnadenleben im Menschen vernichtet. Nach der Lehre der Kirche gelangt man nach dem Tod mit einer aktuellen Todsünde, die nicht gebeichtet oder durch keine Liebesreue, falls die Beichte nicht möglich ist, sofort in die Hölle (DH 780, 839, 858 u.a.) So schreibt der Papst Benedikt XII. in der Konstitution Benedictus Deus (1339), welche eine de fide Glaubensdefinition darstellt, welche den Glaubensgehorsam seitens der Gläubigen nach sich zieht: „Wir definieren zudem, dass nach allgemeiner Anordnung Gottes die Seelen der in einer aktuellen Todsünde Dahinscheidenden sogleich nach ihrem Tod zur Hölle hinabsteigen, wo sie mit den Qualen der Hölle gepeinigt werden […] (DH 1002)“. Bei der schweren Sünde oder der Todsünde muss die Materie der Sünde, also das, was man getan hat, schwer sein und die Verfehlung mit bei voller Absicht geschehen sein. Wir wollen uns aber an dieser  Stelle nicht bei der schweren Sünde aufhalten. Das Hauptlaster kann in manchen Fällen mit der Todsünde identisch sein, wenn jemand aufgrund des Hauptlasters des Zornes (ira) beispielsweise schwer durch Zornesausbrüche oder unter ständigem Zorn getroffene Entscheidungen sündigt. Dennoch entwachsen einer Hauptsünde, wie beispielsweise dem Neid, sehr viele aktuelle Sünden. Daher ist es sehr für den geistlichen Fortschritt nützlich erstens festzustellen, was meine Hauptsünde eigentlich ist und dagegen, meistens in jahrelanger Kleinstarbeit, vorzugehen. Acedia ist ein Hauptlaster Wir wollen hier mit dem hl. Thomas von Aquin, der sich natürlich auf ältere Quellen stützt, annehmen, dass Acedia – die geistige Trägheit – ein Hauptlaster ist. Dies bedeutet, dass die Faulheit beim Gebet und beim geistlichen Leben als solchem für keinen von uns, nicht einmal für die Laien, ein Pappenstiel ist.  Schneidet man das Thema des Gebets mit jemand an, so kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Ich muss das nicht. Das sollen die ….Mönche, Nonnen tun.“ Eine andere Version dieses Satzes lautet: „Ich habe da kein Bedürfnis.“ „Dafür habe ich keine Zeit“. Und je nach Stand und Veranlagung beginnt man sich zu entschuldigen. Dabei ist aber jeder von uns nicht nur zur Vervollkommnung in allen...

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