Über das Fasten (13 von 15). IV. Vom Fasten entschuldigt. (1) Dispens

Bedenkt man all die in dieser Reihe dargestellten Fastenvorschriften und Auflagen, so stellt sich natürlich die Frage, ob es Gründe gibt, welche die Nichteinhaltung entschuldigen? Die gibt es sehr wohl, denn es ist immer die Prämisse zu beachten, dass das Kirchenrecht niemanden dazu verpflichten kann (1) seinem Leben oder seiner Gesundheit zu schaden und/oder (2) seine Standespflichten nicht zu erfüllen.[1] Positiv formuliert bedeutete dies, dass unsere religiöse Praxis niemals gegen

  • unser Leben und unsere Gesundheit,
  • unsere Standespflichten

verstoßen kann.

Im nachfolgenden Teil werden Gründe genannt, die von der Nichteinhaltung der einen einzigen Mahlzeit am Tag entschuldigen. Anders formuliert bedeutet dies, dass Menschen, auf welche die unten angegebenen Punkte zutreffen, in der Fastenzeit mehr als eine Fastenmahlzeit zu sich nehmen können. Die Auflage der Fleischverzichts bleibt dennoch bestehen.

Die Kirche sieht drei Möglichkeiten der Entschuldigung vom Fastengebot vor:

  1. Dispens (dispensatio), d. h. eine bewilligte Ausnahme von der kirchlichen Regel.
  2. Unmöglichkeit (impotentia).
  3. Pflichterfüllung (pietas).

Bischof Müller stellt diesen Punkten eine allgemeine Regel nach.

„Das menschliche Gesetz (lex humana) hört auf verpflichtend zu sein aufgrund eines legitimen Dispens (ob legitimam dispensationem) oder aufgrund des Unvermögens (ob impossibilitas) oder aufgrund eines höheren Gesetzes (ob digniorem legem intervenientem), das zum Tragen kommt.“

Da diese Regel alle kirchlichen Vorschriften betrifft, insofern es sich bei ihnen ausschließlich um menschliche Gesetze (lex humana) handelt, nicht also um die Zehn Gebote, so schauen wir uns diese Regel näher an. Man ist entschuldigt, wenn man (1) eine legitime Dispens enthält, dies bedeutet von jemandem, der das Recht hat eine Dispens zu erteilen. Wenn es sich um Unvermögen (impotentia) oder Unmöglichkeit (impossibilitas) handelt, die physischer oder moralischer Natur sein kann. Und schließlich wenn ein höheres Gesetz (lex dignior) das niedrigere aussetzt. Schauen wir uns die drei Punkte nachfolgend  an.

Dispens (dispensatio)

Von der Vorschrift der einen Fastenmahlzeit pro Tag, die zur Zeit der Niederschrift der Moraltheologie von Bischof Müller galt, können folgende Personen, welche die legitime kirchliche Gewalt repräsentieren, dispensieren:

  1. Der Papst im Bereich der gesamten Kirche.
  2. Bischöfe innerhalb ihrer Diözesen, was besondere Einzelfälle betrifft. Sie können aber nicht ihre Gläubigen von der Fastenvorschrift überhaupt dispensieren.
  3. Prälaten oder Vorgesetzte (praelati regulares) hinsichtlich ihrer Untergebenen.
  4. Pfarrer, aber nur aufgrund des Gewohnheitsrechtes, wo es gilt oder mit einer ausdrücklichen Zustimmung des Bischofs und einer zeitlichen Eingrenzung.[2]

Wann darf man aber dispensieren? Der heilige Alfons von Liguori und der heilige Thomas antworten wie folgt:

„Denn wenn der vorliegende Grund ein durchaus offenbar rechtmäßiger (licite) ist, so darf der Mensch von sich allein aus das betreffende Gebot vernachlässigen; zumal wenn die Gewohnheit ihm zur Seite steht und die Zuflucht zum Vorgesetzten nicht zulässig ist. Ist aber der vorliegende Grund ein zweifelhafter, so muss man den Oberen um Dispens bitten. Dies also ist zu beobachten in den allgemeinen Kirchengeboten: alle sind dazu verpflichtet, wenn kein besonderes Hindernis dazwischentritt.“  (2 2 q. 147 a. 4 corp.)

Wie wir sehen ermöglicht die Kenntnis der kirchlichen Gesetze auch eine Selbstdispens, der dann auch rechtmäßig (licite) ist. Bei Zweifeln aber fragt man lieber jemanden nach. Und obwohl ein Beichtvater nicht die Vollmacht hat eine Dispens zu erteilen, so kann er dennoch im Einzelfall, wo ein triftiger Grund vorliegt (z.B. Krankheit, Schwangerschaft etc.) sowohl von der einen Mahlzeit pro Tag als auch von der Enthaltsamkeit vom Fleisch an sich dispensieren. Denn das Seelenheil und das Wohlergehen des jeweiligen Beichtkindes gehen immer vor. Thomas von Aquin legt seine Argumente über die Einschränkung des Kirchen Fastens wie folgt dar:

Vierter Artikel.
Alle sind zu den Kirchenfasten gehalten, wenn keine besonderen Hindernisse eintreten.

a) Ohne jede Einschränkung sind alle zu den kirchlichen Fasten verpflichtet. Denn:

I. Die Gebote der Kirche verbinden wie die Gottes, nach Luk. 10.: „Wer euch hört, der hört mich.“ Alle aber ohne Ausnahme sind verpflichtet, Gottes Gebote zu halten.

II. Die Kinder scheinen am meisten vom Fasten ausgeschlossen zu sein; aber mit Unrecht. Denn bei Joël 2, 15. heißt es: „Heiliget das Fasten… Versammelt die Kleinen und die Säuglinge.“

III. Geistiges muss Körperlichem voran stehen und Notwendiges dem Nichtnotwendigen. Also darf man das Fasten, etwas Geistiges und Vorgeschriebenes, nicht beiseite setzen wegen körperlicher Arbeiten oder gar wegen Pilgerfahrten, die von keiner Vorschrift angeordnet werden und somit nicht notwendig sind.

IV. Die armen fasten oft aus Not. Also müssen sie umso mehr aus eigenem Willen, d. h. um der Tugend willen, fasten.

V. Auf der anderen Seite ist kein Gerechter zum Fasten verpflichtet. Denn der Herr selbst hat geboten — und gegen dessen Gebot kann das der Kirche nicht ankommen — (Luk. 5.): „Die Kinder des Bräutigams können nicht fasten, solange der Bräutigam mit ihnen ist.“ Nun ist der Herr der Bräutigam aller gerechten Seelen; und er wohnt in ihnen, ist also bei ihnen: „Ich bin mit euch,“ sagt Er selbst (Matth. ult.) „bis zum Ende der Zeiten.“ Also sind die Gerechten zu den kirchlichen Fasten nicht verpflichtet.

b) Ich antworte, allgemeine Gesetze werden gegeben, soweit dies der Menge zukömmlich ist (statuta communia proponuntur secundum quod multitudini conveniunt). Und sonach beabsichtigt dabei der Gesetzgeber das, was gemeinhin und für gewöhnlich vorkommt. Widerstreitet in jemandem etwas Rechtmäßiges der allgemeinen Vorschrift, so hat der Gesetzgeber nicht die Absicht, bis dahin die verpflichtende Kraft seiner Vorschrift auszudehnen. Da muss jedoch gut unterschieden werden. Denn wenn der vorliegende Grund ein durchaus offenbar rechtmäßiger ist, so darf der Mensch von sich allein aus das betreffende Gebot vernachlässigen; zumal wenn die Gewohnheit ihm zur Seite steht und die Zuflucht zum Vorgesetzten nicht zulässig ist. Ist aber der vorliegende Grund ein zweifelhafter, so muß man den Oberen um Dispens bitten. Dies also ist zu beobachten in den allgemeinen Kirchengeboten: alle sind dazu verpflichtet, wenn kein besonderes Hindernis dazwischentritt.

Kommentar: Wie immer besticht der hl. Thomas mit gesundem Menschenverstand und Intelligenz. Alle Gesetze, auch die kirchlichen, sind für die durchschnittliche Allgemeinheit gedacht, damit sie erfüllbar bleiben. Es ist Schulsport, nicht Leistungssport. Können sie aber nicht eingehalten werden, so zieht das noch keine Änderung des Gesetzes nach sich, wie nach dem Vat. II. Damit aber jedem in jeder Lage die Praktizierung des kirchlichen Gesetzes möglich ist, so gibt es Ausnahmeregelungen – die Dispense. Natürlich wird einem, der die Wendung “begründeter Einzelfall” hört, schlecht, weil nach Vat. II diese Vorgehensweise dazu diente alle kirchlichen, dogmatischen und moralischen Normen auszuhebeln. Aber Dispense und Einzelfälle müssen möglich sein, damit das Recht als solches überhaupt praktizierbar sei. In der Jurisprudenz heißt es ja nicht ohne Grund: omnis definitio in iure civile periculosa est – “jede Definition im bürgerlichen Recht ist gefährlich”. Und warum? Weil das Leben dermaßen vielschichtig ist, dass eine definitorische Eingrenzung das Recht unpraktikabel macht. Nehmen wir das Beispiel der Straßenverkehrsordnung. Es ist verboten bei Rot über die Ampel zu fahren. Aber es gibt Ausnahmen: Polizei, Rettungswagen, Feuerwehr und andere Befugte im Dienst. Weil das Menschenleben, die rechtliche Ordnung oder das Gemeinwohl höher stehen als diese Vorschrift. Es heißt also wie bei den Fastenvorschriften: “Es ist für alle verboten …mit Ausnahme von”.

c) I. Die Gebote Gottes sind die Gebote des Naturrechts, welche an und für sich, kraft der Vernunft im Menschen bereits zum Heile notwendig sind. Die Kirchengebote aber sind nicht an sich zum Heile notwendig, sondern werden dies erst kraft der Anordnung der Kirche. Also können da Hindernisse eintreten, auf Grund deren zur Beobachtung dieser Gebote einzelne nicht mehr verpflichtet sind.

II. In den Kindern liegt die rechtmäßige Ursache, weshalb sie nicht fasten, offen vor. Zuvörderst besteht da die Schwäche der Natur, infolge deren sie oftmals Speise zu sich nehmen müssen und nicht viel auf einmal. Sodann bedürfen sie vieler Nahrung wegen des Bedürfnisses zu wachsen, zu dessen Befriedigung das Übrige der Nahrung, was nicht nährt, benützt wird. Gewöhnlich aber dauert das Wachsen bis zum Ende des einundzwanzigsten Jahres, so daß sie bis dahin zu den Kirchenfasten nicht verpflichtet sind. Es ist jedoch ganz gut, wenn sie auch in diesem Alter sich etwas im Fasten üben, wie dies ihr Alter eben zuläßt. Bisweilen aber wird, wenn große Trübsal droht, auch den Kindern Fasten aufgelegt, wie bei Jon. 3. von den Tieren gesagt ist: „Weder Menschen noch Tiere sollen von etwas kosten noch Wasser trinken.“

III. Kann die Mühe des Wallfahrtens und der körperlichen Arbeiten ohne Schwierigkeit verschoben oder vermindert werden, so dass die Standespflichten und die Pflicht der Selbsterhaltung keinen Schaden leide, so dürfen die kirchlichen Fastengebote nicht beiseite gelassen werden. Besteht aber die Notwendigkeit, gleich die Pilgerreise anzutreten und große Tagereisen zu machen oder auch viel zu arbeiten, sei es um sein körperliches Leben durchzubringen sei es wegen eines Bedürfnisses des geistigen Lebens, so dass damit die Beobachtung der Kirchenfasten nicht bestehen kann, so fällt die Verpflichtung zu fasten weg; denn jedenfalls ist nicht anzunehmen, dass die Kirche durch die Fastengebote andere fromme und notwendigere Dinge hindern wollte. Besser ist es jedoch in solchen Fällen, sobald nicht ein dementsprechender Gebrauch besteht, mit welchem stillschweigend die Kirchenoberen einverstanden zu sein scheinen, dass Dispens nachgesucht werde.

IV. Arme, welche in genügender Quantität sich das verschaffen können, was zur einmaligen Sättigung erforderlich ist, werden nicht entschuldigt; sie müssen fasten. Anders ist es, wenn sie Stück für Stück der Nahrung sich zusammenbetteln müssen, so dass sie nicht auf einmal haben, um sich zu sättigen.

V. Diese Stelle wird in dreifacher Weise erklärt:

1. Chrysostomus (31. in Matth.) sagt: „Die Jünger des Herrn, welche die Kinder des Bräutigams genannt werden, waren geistig noch nicht stark genug, so daß sie mit einem bereits alten Kleide verglichen werden. Also waren sie in der körperlichen Gegenwart Christi vielmehr mit einer gewissen süßen Sanftmut zu pflegen als in der Strenge des Fastens zu üben.“ Danach ist es zukömmlicher, dass die jüngeren und unvollkommeneren vom Fasten eher dispensiert werden als die älteren und vollkommeneren, wie auch die Glosse zu Ps. 130, 4. erklärt.

2. Hieronymus bemerkt (vgl. Beda 2. comm. in Luc. 5.), der Herr spreche da von den Fasten des Alten Gesetzes, so dass danach die Apostel vielmehr mit der neuen Gnade des Geistes anzufüllen wie mit der Beobachtung der alten Gebräuche aufzuhalten waren.

3. Augustinus (2. de cons. Evang. 27.) unterscheidet ein zweifaches Fasten: Das eine gehört zur Niedrigkeit der Trübsal und dies kommt den vollkommenen Seelen, „den Kindern des Bräutigams“, nicht zu; wonach da, wo Lukas spricht: „Es können die Söhne des Bräutigams nicht fasten“, Mtth. 9, 15. hat: „nicht trauern“. Das andere gehört zur Freude des zu göttlichen Dingen emporgehobenen Geistes und solches Fasten kommt den vollkommenen Seelen zu.

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[1] Müller, Theologia moralis, Bd. II, 492.

[2] S. Alphons Liguori, Theologia moralis, n. 1082.

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