Über das Fasten (13 von 15). IV. Vom Fasten entschuldigt. (2) Unvermögen

Der zweite Grund, der vom Fasten entschuldigt, ist das Unvermögen, die Unmöglichkeit, die Unfähigkeit dazu auf lateinisch impotentia sich daran zu halten.[1] Das Unvermögen (impotentia) kann entweder physisch (impotentia physica) oder moralisch (impotentia moralis) sein. Kurz gesagt: kann jemand wirklich nicht fasten, dann ist er nicht durch die Fastenregel verpflichtet. Sollte jemand bisher gedacht haben, dass die vorkonziliare Fastenpraxis sehr rigoros und unmöglich einzuhalten gewesen ist, so wird der im Nachfolgenden eines Besseren belehrt werden. Die Kirche war praktisch, pragmatisch und auf das Wohl der Seelen der Gläubigen bedacht, ohne die Regel an sich zu brechen oder aufzuweichen. Denn die Klassen der Gläubigen, die vom Fasten ausgenommen wurden, sind, wie wir sehen werden, recht zahlreich.

Physisches Unvermögen (impotentia physica)

Bei einem physischen Unvermögen (impotentia physica), sind vom Fasten diejenigen entschuldigt, welche dazu physisch, d.h. körperlich, nicht fähig sind. Denn das Kirchenrecht verpflichtet nicht höher als das Naturrecht, das uns auferlegt unser Leben und unsere Gesundheit zu erhalten. Dem physischen Unvermögen zum Fasten unterliegen:

  1. Kranke (infirmi), denen das Fasten schaden kann, ebenso frisch Genesene (reconvalescentes) oder Geschwächte (debiles).
  2. Frauen, die schwanger sind oder die Brust geben, die durch das Fasten ihren Nachkommen schaden könnten. Ihnen ist es sogar erlaubt Fleisch dann zu essen, wenn sie selbst geschwächt (debiles) sind oder sich im Wöchnerinnenbett (proles infirma) befinden.
  3. Arme, die nicht einmal so viel Nahrung zur Verfügung haben, dass es ihnen für eine Mahlzeit ausreicht. Sie sind jedoch keineswegs entschuldigt, wenn sie die Lebensmittel wenigstens für eine Mahlzeit aufbringen können.[2]

Befindet man sich also vorübergehend oder auch ständig in einer Lage, die einen Nahrungsentzug unmöglich macht, dann kann und soll man auch nicht fasten. Ist man dermaßen arm, dass man sich nicht einmal am Tag satt essen kann, was wohl auf keinen in Deutschland zutrifft, dann ist man ebenfalls vom Fasten entschuldigt. Während vorübergehend Kranke, frisch Genesene oder Schwangere diesen Zustand irgendwann mal verlassen werden, so gibt es durchaus Menschen, wie zum Beispiel Diabeteskranke, die niemals sich mit einer Mahlzeit pro Tag begnügen können, sondern kleinere Mahlzeiten einnehmen müssen. Diese sind als Dauerkranke vom Fasten im vorkonziliaren Sinn entschuldigt.

Moralisches Unvermögen (impotentia moralis)

Ein moralisches Unvermögen (impotentia moralis) liegt dann vor, wenn jemand zwar zum Fasten körperlich in der Lage ist, aber aus anderen Gründen es nicht auf sich nehmen kann. Daher sind aufgrund des moralischen Unvermögens (impotentia moralis) folgende Gruppen entschuldigt:

  1. Heranwachsende (adolescentes), die noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht haben. Es wird ihnen dennoch empfohlen, ihrem Alter gemäß wenigstens zeitweise zu fasten, damit sie später umso leichter das Fastengebot erfüllen können.[3]  
  2. Greise (senes), die das 60. Jahr erleichtert haben, aber auch solche, die jünger sind, wenn sie aufgrund des Kräfteschwundes häufige Mahlzeiten brauchen.[4]
  3. Werktätige, die Arbeiten durchführen, die zu einer starken körperlichen Ermüdung führen, wie Bauer, Handwerker, Arbeiter etc.[5] Diejenigen sind sogar dann vom Fasten entschuldigt, wenn sie ihre Arbeiten an dem einen oder dem anderen Tag unterbrechen, um sich zu erholen, wenn es offensichtlich ist, dass sie ohne eine große Unpässlichkeit (sine gravi incommodo) nicht fasten können.[6]
  4. Ebenso sind Diener/Angestellte und andere vom Fasten entschuldigt, die Arbeiten dieser Art und Weise ausführen, da sie nicht in der Lage sind ohne eine große Schwierigkeit sich auf eine Mahlzeit pro Tag zu beschränken.[7]
  5. Reisende, die eine beträchtliche Zeit lang zu Fuß gehen (5 Stunden lang oder 2 Stunden lang mit großer Anstrengung). Nicht entschuldigt sind jedoch diejenigen, die zu Pferd oder mit einem Wagen reisen, es sei denn sie sind mehrere Tage unterwegs, große Unbequemlichkeit auf sich nehmen und sich mehrmals erholen müssen.[8]

Bischof Müller stellt aber fest, dass zwar diejenigen vom Fasten entschuldigt sind, bei denen ein moralisches Unvermögen vorliegt, aber nicht diejenigen, die deswegen etwas unternehmen, um von dem Fasten frei zu bleiben. Diese Vermeidungstaktik ist sogar sündhaft.[9]

Wie wir sehen wird das moralische Unvermögen recht breit gefasst und ausgelegt. Während der erste Punkt alle Heranwachsenden einschließlich bis zum 21. Lebensjahr vom Fasten ausnimmt, wurde diese Altersgrenze auf 16 Jahre, in manchen Ländern auf 14 Jahre gesenkt, da auch die Fastenpraxis sehr liberalisiert wurde, sodass niemand mehr sich mit einer einzigen fleischlosen Mahlzeit während der gesamten österreichischen Fastenzeit zu begnügen hat.  Sicherlich ist heutzutage niemand mehr mit 60 ein Greis, der auch vor dem Vollenden dieses Lebensjahres eine bestimmte Kalorienzufuhr braucht. Liberal sind ebenso alle Vorschriften, die körperlich Arbeitende, auch außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit, betreffen. Es gilt die Regel: je körperlicher und beschwerlicher der Weg, die Arbeit oder das Leben, desto größer die Fastentoleranz. Natürlich stellt sich in dem Kontext der Fortbewegunsmöglichkeiten und des Fastens die Frage:

Wie ist diese Praxis in unserer Zeit zu übersetzen, wo wir doch alle recht bequem mit Autos, Flugzeugen, Zügen oder Bussen reisen?  

DSDZ (der Schreiber dieser Zeilen) würde die Frage wie folgt lösen:

  1.  Ist man der Autofahrer und fährt man länger als 3 Stunden am Stück, so ist man vom Fasten im Sinne nur eine Mahlzeit pro Tag entschuldigt. Die Fleischlosigkeit soll dennoch beibehalten werden.
  2. Ist man der Passagier in allen Verkehrsmitteln, dann ist man von der einen Mahlzeit am Tag nur dann entschuldigt, wenn die Reise mehr als 6 Stunden am Stück oder mit Unterbrechung dauert, jedoch nicht vom Fleischgenuss.

Allgemein lässt sich sagen, dass jegliche kirchliche Praxis machbar und erfüllbar bleiben muss, um verpflichtend zu sein. Dennoch leben wir in einer Zeit von Übergewicht und Überproduktion, sodass wir uns nicht allzu sehr vom Fasten zum fürchten brauchen.


[1] Müller, Theologia moralis, Bd. II, 493-494.

[2] S. Alph, L. IV, n. 1033.

[3] Ebd., n. 1035.

[4] Ebd., n. 1036.

[5] Ebd., n. 1041-1043.

[6] Ebd., n. 1044.

[7] Ebd., n. 1041.

[8] Ebd., 1047 Dub. 2.

[9] Ebd., 1045.

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