Über das Fasten (2 von 15). Das Maß und der Zweck des Fastens.

Das Maß des Fastens

Auch das Fasten muss maßvoll sein. Das lateinische Wort, das Enthaltsamkeit den Lebensmitteln gegenüber kennzeichnet, heißt abstinentia.[1] Ganz anders also als das heutige Verständnis der Abstinenz, welche Enthaltsamkeit Alkohol gegenüber meint.

Bezüglich der Abstinentia, wir wollen dieses Fremdwort in seiner theologischen Bedeutung beibehalten, ermahnt uns der Apostel:

In scientia esse minstrandam abstinentiam (2 Petr 1,6)

Im Wissen soll die Abstinentia ausgeübt werden.

Dies bedeutet, so Bischof Müller in seiner Moraltheologie, dass

„der Mensch wissentlich oder klug die Abstinentia zu befolgen habe, indem er ihr Maß am richtigen Kriterium (ratio recta) ausrichtet.“

Das lateinische ratio recta ist wohl am besten mit „richtiges Kriterium“ wiederzugeben, denn die ratio recta ist etwas Objektives, woran sich die subjektive Handlung orientiert. So lesen wir weiter bei Bischof Müller:

„Das Maß der Abstinentia sowie der Nüchternheit ist die Notwendigkeit des Lebens und der Standespflichten (necessitas vitae et officiorum), dies bedeutet, dass man so viel zu sich zu nehmen habe, wie viel es zum Lebenserhalt und zur Erfüllung der Standespflichten notwendig ist.“[2]

Fasten kein Selbstzweck

Dieses Kriterium ist sehr wichtig, da es zeigt, dass das Fasten, die Abstinentia und die Nüchternheit keinen Selbstzweck darstellen, sondern dem Kriterium des Lebenserhalts, das selbstverständlich ist, untergeordnet werden. Sie haben sich aber auch an dem Maß der Erfüllung der Standespflichten auszurichten. Da das Leben eines Menschen nicht nur den Lebenserhalt als Ziel hat, sondern auch die Erfüllung der jeweiligen Lebensaufgabe, so ist es selbstverständlich, dass das katholische Fasten weder gegen das eine noch gegen das andere zu verstoßen hat. Darüber schreibt die Heilige Schrift (Prov. 27, 16 u. 27, Eccl. 29,28), der hl. Thomas von Aquin (Summ. Theol. II IIae, q. 141 a. 6) und andere Kirchenväter.[3] Interessanterweise soll die Regel des Lebenserhalts weit ausgelegt werden. Dies bedeutet, dass man nicht nur so viel zu essen hat, um zu überleben, sondern auch, um bequem und dem eigenen Stand entsprechend zu leben und die Standespflichten erfüllen zu können.[4] Weiter gibt Bischof Müller an, dass es eine Sünde ist übermäßig zu essen. Hingegen weniger zu essen aus Gründen der Abtötung des Fleisches oder als Sühne für Sünden ist etwas Lobenswertes, wenn auch die Kräfte des Körpers dabei geschmälert werden. Allerdings sollte man durch das Fasten nicht allzu sehr oder allzu lange die Kräfte des Leibes schmälern oder den Geist ermatten. Denn bei der besten Gesundheit und Beschaffenheit des Körpers ist der Mensch am besten dazu ausgelegt Gott zum Heil seiner Seele zu dienen. Wenn man also die Grundprämisse beachtet, dass das Fasten dem Lebenserhalt und der Erfüllung der Standespflichten dient, so werden all die Ausnahmeregelungen oder Dispense einsichtig, wie es das alte Kirchenrecht für verschiedene Stände vorsah. Denn die Fastenzeit galt für alle mit Ausnahme von Menschen, deren Gesundheit (Krankheit, Schwangerschaft, Rekonvaleszenz) oder Stand (körperliche Arbeit, Studium) dieses strenge Regime nicht zuließ.

Fasten und Inedia

Wie wir sehen hatte das katholische Verständnis der Abstinentia sehr wenig mit dem Diätregime oder Hungerwahn zu tun. Übermäßiges und ständiges Hungern stellt sicherlich ein Verstoß gegen das Fünfte Gebot dar, da es den Körper und den Geist schwächt. Viele Menschen wissen nicht, dass der Drang ausgiebig zu Fasten, Nachtwachen zu halten oder ständig Bußübungen zu absolvieren vom bösen Geist kommen kann, da dieser den geschwächten Menschen einfacher angreifen kann. Die Fähigkeit mehr als sieben Tage nichts zu essen, ohne dabei abzunehmen, mehrere Monate kein Brot oder Fleisch genießen zu können, obwohl man dies früher konnte, die Unfähigkeit das Gegessene bei sich zu behalten, sind nach dem berühmten Exorzisten des XVII Jahrhunderts Domenico Brognoli OFM sichere oder mutmaßliche Zeichen der dämonischen Besessenheit.[5]  sicherlich  sind viele Formen der Anorexie  oder die  sogenannte Lichtnahrung (inedia) dämonischen Ursprungs, da dieses  paranormale Phänomen  dem  Energieerhaltungsgesetz  eindeutig widerspricht.  Wenn also ein Mensch über längeren Zeitraum nichts isst, so muss diese „Gabe“ nicht unbedingt von Gott kommen.

[1] Müller, Ernest, Theologia moralis, Bd. II, Wien 1894, 481.

[2] Ebd. 482.

[3] S. Augustinus, De moribus Eccl. Cath. Cap.- 21, n.39; S. Gregorius Magnus, Lib. 30 Moral. C. 27 n. 61, Bernhard von Clairvaux, De consid. Lib I, cap. 8, n. 9.

[4] S. Augustinus, Lib. 2. Quaest. Evang. Cap. 11, S. Thomas 2 2 q. 141. A. 6 ad 2 et 3. Lessius, Laymann etc.

[5] Brognolo, Candido, Candidi Brognolo Manuale exorcistarum ac parochorum. Hoc est Tractatus de curatione, ac protextione divina, Articulus V. De signis, quibus maleficia et obsessiones cognoscuntur.Ex Gustu, Bergomum 1651, 80.

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