Über das Fasten (9 von 14). I. Abstinenz von Fleisch (i) Was ist “Fleisch”?

Verbot von Fleischgenuss

Wir erinnern uns daran, dass das kirchliche Fasten aus gleichsam drei Teilen besteht:

  1. eine Mahlzeit innerhalb von 24 Stunden, eine kleine abendliche Erfrischung eingeschlossen;
  2. Abstinenz von Fleisch und Milchprodukten;
  3. innerhalb der festgesetzten Fastenzeit.

Nachdem wir den ersten Punkt besprochen haben, wenden wir uns dem zweiten zu.

Die Kirche verbietet allen Gläubigen, die zum Verstandesgebrauch gelangt sind, den Fleischgenuss.

Der Bezeichnung „Fleisch“ (carnis) unterliegen alle Lebewesen, „die auf der Erde leben und atmen“, wie allgemein Theologen mit dem hl. Thomas annehmen (Summ. Theol. 2.2. q. 147. a. 8. c). Das Verbot des Fleischgenusses ist, wie der heilige Thomas von Aquin schreibt, im höchsten Maße angebracht, da dieser Genuss im höchsten Maße die fleischliche Begehrlichkeit (concupiscentia) anregt.[1]  Die Stelle bei Thomas (Summ. Theol. 2.2. q. 147. a. 8 .c)  liest sich wie folgt:

Achter Artikel.
Es ist zukömmlich, dass den fastenden der Genuss von Fleisch, Eiern und Milchspeisen untersagt ist.

a) Das Gegenteil scheint wahr. Denn:

I. Das Fasten soll die Begierden zügeln. Diese aber reizt mehr der Wein wie das Fleisch, nach Prov. 20.: „Etwas Wollüstiges ist der Wein,“ und Ephes. 5.: „Betrinket euch nicht mit Wein; denn darin ist Wollust.“ Also musste man vielmehr den Wein verbieten wie das Andere.

II. Manche Fische schmecken ebenso gut wie Fleisch.

III. Bisweilen kann man an Fasttagen Eier und Käse essen. Also müsste das auch in der vierzigtägigen Faste erlaubt sein.

Auf der anderen Seite steht der allgemeine Brauch.

b) Ich antworte, das Fasten solle dienen zur Mäßigung der Begierden des Fleisches; insoweit diese sich auf das Ergötzliche im Tastsinne richten: auf Speisen und Geschlechtliches. Deshalb hat die Kirche jene Speisen den Fastenden untersagt, welche einerseits reichliches Ergötzen zur Folge haben und andererseits zu Geschlechtlichem reizen. Dazu gehört nun das Fleisch von Tieren, die da atmen und auf dem Erdboden ihre Brutstätte haben, sowie das, was von diesen ausgeht: die Milch also mit Bezug auf die Tiere, die laufen; und die Eier, die von den Vögeln kommen. Denn weil solche Speisen mehr der Zusammensetzung des menschlichen Körpers entsprechen, ergötzen sie auch mehr und tragen in höherem Grade zur Nahrung bei; und so lässt die Verdauung eine reichlichere Substanz übrig, damit dieselbe in die Substanz des Samens übergehe, dessen Vervielfältigung ein im höchsten Grade starkes Reizmittel für die Wollust bildet.

c) I. Zum Zeugungsakte gehören drei Dinge: 1. die Wärme, 2. der Trieb, 3. der Samensaft. Zur Wärme tragen im hohen Grade bei der Wein und andere erwärmende Dinge. Den Trieb scheint Alles zu steigern, was aufbläht. Zur Vermehrung des Samens selber dient am meisten der Genuss von Fleisch. Nun geht die Steigerung der Wärme und des Triebes schnell vorüber; die Substanz des Samens aber bleibt. Und danach wird beim Fasten vielmehr der Genuss von Fleisch untersagt, wie der von Wein und der von Gemüse, was aufbläht.

II. Die Kirche gibt in ihren Vorschriften acht auf das gewöhnliche Leben. Da ist aber gemeinhin mehr ergötzlich der Genuss von Fleisch wie der von Fischen, wenn auch in besonderen Fällen es sich anders verhalten kann.

III. An erster Stelle wird Fleisch untersagt und erst an zweiter Milch und Eier; nämlich das, was von den Tieren ausgeht, welche das Fleisch bieten. Unter den verschiedenen Fasten ist sodann das feierlichste das vierzigtägige; sowohl weil es zur Erinnerung an das Leiden Christi gehalten wird als auch weil wir durch dasselbe vorbereitet werden, die Geheimnisse unserer Erlösung würdig zu begehen. Deshalb ist bei allen Fasten der Genuss des Fleisches untersagt; in der vierzigtägigen Faste aber auch der von Milch und Eiern, obgleich mit Bezug auf den letzten Punkt verschiedene Gewohnheiten bestehen bei den verschiedenen Kirchen, zu deren Einhaltung jeder in seiner Gegend verpflichtet ist: „Eine jede Provinz folge ihrem Sinne und die Vorschriften der Vorfahren halte sie für Apostolische Gesetze,“ sagt Hieronymus.


Selbstverständlich besteht die vom hl. Thomas beschriebene Verbindung von tierischen Proteinen und menschlichen Proteinen und ihr Einfluß auf die Konkupiszenz. Daher erlaubt die richtig durchlebte Fastenzeit wirklich geistlicher zu werden, da die Konkupiszenz weniger im Wege steht. 

[1] Müller, Theologia moralis, Bd. II, 488.

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