Über das Fasten (10 von 14). I. Abstinenz von Fleisch (ii) “Weder Fisch noch Fleisch”

„Weder Fisch noch Fleisch“ oder was in der Fastenzeit erlaubt ist

Der Bezeichnung „Fleisch“ (carnis) unterliegen alle Lebewesen, „die auf der Erde leben und atmen“, wie allgemein Theologen mit dem hl. Thomas annehmen (Summ. Theol. 2.2. q. 147. a. 8 c). Als Fleisch gelten demnach nicht Fische, die ja im Wasser leben und atmen. Von der Kategorie „Fleisch“ sind auch andere Lebewesen zu unterscheiden, die im Wasser und länger außerhalb des Wassers leben und daher nicht zum Fleisch im eigentlichen Sinne zählen.

Hier eröffnet sich die tatsächlich ernst gemeinte Kategorie „weder Fisch noch Fleisch“, deren nähere Bestimmung, wie der hl. Alphons Liguori (Theol. moral. Lib. IV, n. 1011) empfiehlt, Theologen und Experten zu überlassen ist. Im Allgemeinen werden verschiedene Krustentiere und andere Lebewesen nicht für Fleisch gehalten, sodass ihr Genuss in der Fastenzeit erlaubt ist. Dazu zählen:

  • Schnecken (limaces),
  • Schildkröten (testudines),
  • Frösche (ranae),
  • Krebse (cancri),
  • Austern (ostricae),
  • Schaltiere/Muscheln (conchae).

Zu den erlaubten Lebewesen, die vornehmlich im Wasser leben, zählen, so Bischof Müller, Fischotter (lutrae), Biber (catores seu fibres) und manche Wasservögel, da es die Gewohnheit in manchen Regionen ist, in der Fastenzeit Rohrhühner (gallinulae), schwarze Wasserhühner oder Blässenten (gulicae atrae) sowie Duckentchen (podicipes minores) zu genießen.[1] Im Zweifelsfalle soll man untersuchen, ob die eventuell zu genießende Gattung eher den erlaubten oder den unerlaubten Gattungen ähnelt. Sollte die Frage nicht erörtert werden können, so möge man sich an den Heiligen Stuhl wenden, was sich ausdrücklich Benedikt XIV wünschte.[2]

Die von Bischof Müller vorgelegten vorkonziliaren Fastenregeln muten uns recht exotisch an, da all das nach einem Austricksen des kirchlichen Fastensystems auszusehen scheint. Ferner kann sich die Frage stellen, ob der Genuss von den heutigen Delikatessen, wie Hummer, Krebsen und Austern wirklich mit dem Fastengedanken zu vereinbaren ist. Dazu lässt sich sagen, dass die 40-tägige Enthaltung nicht nur von Fleisch, sondern auch, von den Milchspeisen, wie wir noch lesen werden, wirklich hart sein kann, sodass die Kirche offensichtlich bestimmte Lösungen erlaubte, die in manchen Regionen, beispielsweise an der Meeresküste, umsetzbar waren. Theodor Fontane schreibt in den 1890gern in „Jenny Treibel“, dass früher die Oderkrebse dermaßen billig und verbreitet waren, dass sie als das Arme-Leute-Essen galten, bevor sie später zu einer Delikatesse wurden. Interessante Lösung ist auch der Genuss von Wasservögeln, der wohl nur dort möglich war, wo gejagt werden konnte. Der Genuss von Biber und Fischotter macht deutlich, dass Hunger erfinderisch macht.

Es scheint der Fall zu sein, dass die Kategorie „weder Fisch noch Fleisch“ eine Ausnahmeregelung darstellte, da es schwer vorstellbar ist, dass sich jemand während der Fastenzeit mit Fischotter oder Muscheln täglich vollstopfen konnte. Jeder der sich der Kochkunst widmet weiß, dass es durchaus eine Fastenküche gegeben hat, die recht erfinderisch war, weil sie bestimmte Produkte meiden musste. Für alle von uns, die irgendwann mal das richtige katholische Fasten durchführen wollen, steht fest, dass sie täglich einmal am Tag Sushi oder Hummer, Garnelen, Krabben und Ähnliches durchaus genießen können. Der Schreiber dieser Zeilen (DSDZ) muss selbstkritisch zu geben, dass er noch niemals eine wirklich fleischlose 40-tägige Fastenzeit durchgehalten hat. Von der oben genannten „Krustentiere -Regelung“ wusste er jedoch nichts. DSDZ hat es sich auch niemals vorgenommen in der ganzen Fastenzeit völlig fleischlos zu leben, weil er weiß, dass das Durchhalten in seinem Fall recht unrealistisch war. Er ist schon mal dazu gekommen, die Fleischgenuss dermaßen zu reduzieren, dass die letzten Fastenwochen tatsächlich völlig fleischlos wurden. Der Organismus stellt sich selbst um und man braucht anschließend ebenfalls eine gewisse Umstellungszeit, um mit dem Fleischgenuss wieder anfangen zu können.

DSDZ muss zu seiner Schande gestehen, dass er bis zur Lektüre der Moraltheologie von Bischof Müller, welche die vorkonziliaren Regelungen darstellt, wirklich nicht wusste, dass das katholische Fasten ebenfalls die Enthaltsamkeit von den Milchprodukten und von Eiern beinhaltet. Er dachte, dass diese Regelung nur in der Ostkirche gilt, wie es beispielsweise im meistens orthodoxen Rumänien immer noch heute umgesetzt wird. Aber auch die alte katholische Fastenzeit war fast gänzlich vegan, wenn man von der Kategorie „weder Fisch noch Fleisch“ und Fisch absieht. Diese Regelung zeigt jedoch, dass das kirchliche Fastengebot recht realistisch war und daher auch von weniger asketischen Menschen befolgt werden konnte.


[1] Kolb, S. J., „Die erlaubten Tiere an Abstinenztagen“, Linzer theologische Quartalschrift 1878, S. 61 f.

[2] De Synodo Dioecesana, Lib. 11, cap. 5. n. 12.

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1 Gedanke zu „Über das Fasten (10 von 14). I. Abstinenz von Fleisch (ii) “Weder Fisch noch Fleisch”

  1. Nun, in unserer Familie war es schon Tradition in der Fastenzeit weder Fleisch noch Eier oder Milch zu sich zu nehmen in nur 1 1/2 Mahlzeiten . Ich kann das inzwischen allerdings krankheitsbedingt nicht mehr, leider. Ich muss spätestens alle 6 Stunden essen und kann auf Fleisch nicht mehr verzichten. Eigentlich schade, danach war die Osternacht immer etwas ganz besonderes.
    Aber an einer “besonderen” Situation mangelt es uns dieses Jahr ja auch wieder nicht.

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