Tradition und Glauben

Was sind Oktaven und warum fielen sie weg?

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Das Thema der liturgischen Oktaven ist dermaßen gänzlich unbekannt, dass man heutzutage dieses Unwissen wirklich niemandem vorwerfen kann.

Was ist überhaupt eine Oktav?

Wie Wikipedia angibt:

Oktav (von lateinisch octavus ‚der achte‘) bezeichnet in der katholischen Liturgie zum einen den achten Tag (Oktavtag) nach einem Hochfest im Kirchenjahr, der als dessen Nachklang und Abschluss begangen wird, wie auch die acht Tage (Oktav) vom Fest bis zu seinem Oktavtag. Dabei wird nach der historischen Inklusivzählung gezählt, die den Oktavtag als achten Tag miteinschließt; der Oktavtag fällt somit auf den gleichen Wochentag wie das Hochfest.

Dies bedeutet, dass das Fest selbst zugleich der erste Oktavtag ist, dann folgt der zweite Oktavtag usw. bis zum achten Oktavtag oder der Oktave, wie Sie in unserem liturgischen Kalender nachverfolgen können.

Warum kennt sich jetzt niemand mit Oktaven aus?

Weil wir nach Vat. II nur zwei Oktaven – Weihnachts- und Osteroktav haben, die aber eigentlich keine sind.

Warum?

Weil bis Vat. II, von einigen Festen abgesehen, während der Oktav 8 Tage lang dieselbe Messe zelebriert und fast dieselben Breviertexte gelesen wurden. Seit Vat. II ist das nicht mehr möglich. In der Weihnachtsoktav wird fast an jedem Tag ein anderes Fest gefeiert, in der Osteroktav wird jeweils eine andere Messe gelesen. Die Weihnachts- oder Osteroktav fällt dementsprechend gar nicht auf, weil sie liturgisch gar nicht abweicht. Bis 1955 aber wurde beispielsweise in den Oktaven von Himmelfahrt täglich acht Tage lang die Messe von der Himmelfahrt gelesen. Es fiel also allen auf, die die liturgischen Texte lesen konnten, dass es eine Oktav war.

Liturgie ist Nahrung

Die Existenz der Oktaven ist ein Beweis für die reale Wirkung der Liturgie. Dies ist so zu erklären:

  1. weil jedes Fest spezielle Gnaden bringt,
  2. so bringt die Ausbreitung dieser Gnaden 8 Tage lang,
  3. die Stärkung des geistlichen Immunsystems für das ganze Jahr.

Stellen Sie sich vor Sie gehen zu einer Bestrahlung, wo man Sie mit:

  1. Strahlen A  für a‘ und gegen X bestrahlt,
  2. Strahlen B für b‘ und gegen Y bestrahlt,
  3. Strahlen C für c‘ und gegen Z bestrahlt.

Alle diese Strahlen sind verschieden und haben eine positive und negative Wirkung. Es ist wie mit Lebensmitteln in Ihrer Diät. Sie müssen, jahreszeitenbedingt verschiedene Obst- und Gemüsesorten essen (Stichwort einseitige Ernährung), weil diese verschiedenen Lebensmittel verschiedene Wirkstoffe haben. Wenn Sie also nur tagein tagaus Bananen und Kartoffeln essen, dann entgehen Ihnen bestimmte Vitamine und andere Nährstoffe.

In der Liturgie ist es genauso. Jedes Fest hat verschiedene Gnaden, die gerade an diesem Fest ausgeschüttet werden. Verlängert man dieses Fest zu einer Oktav und feiert es acht Tage lang, so erhält man all diese Gnaden nicht nur an einem Tag, sondern acht Tage lang.

Stellen Sie sich vor, dass Sie an jedem Fest mit einer Oktav acht Tage lang, mit einem anderen Licht bestrahlt werden. Mal mit blau, mal mit rot, mal mit grün. Die Wirkung ist verschieden, sie dauert acht Tage lang und hält das ganze Jahr an.

Das System der Oktaven

Die Oktaven sind eine sehr alte Einrichtung der Kirche, die sich schon ins vierte Jahrhundert,  Wallfahrt der Egeria (381-384) zurückverfolgen lässt und im Codex Theodosianus (438 – 472) ihren Niederschlag finden. Im achten Jahrhundert hatten alle wichtigen Feste ihre Oktaven, im XIII Jhdt. auch solche Heiligen wie hl. Franziskus, hl. Klara, hl. Antonius von Padua, wobei Brauch der Heiligenoktaven regional verschieden war. So gab es in manchen Diözesen Oktaven, die es woanders nicht gab.

Den ersten Einschnitt in die Anzahl der Oktaven führte die Brevierreform (1568) von hl. Pius V durch, der die Anzahl der Oktaven im römischen Brevier erheblich reduzierte. Man erstellte eine Ordnung von Oktaven der höheren und niedrigeren Klasse, sodass Oktaven der niederen Ordnung gleichsam von Oktaven der höheren Ordnung geschlagen wurden. Die Regel lautete:

Man betete das Höhere ganz, das Niedrigere nur auszugsweise.

Denn zu manchen liturgischen Zeiten folgt eine Oktav auf die andere, wie die Engführung oder Stretto in einer Fuge. So haben wir in der Weihnachtszeit im Tridentinischen Brevier und Missale:

  • Am 25. Dezember das Hochfest der Geburt des Herrn – mit einer Oktave dritten Ranges;
  • Am 26. Dezember das Fest des hl. Märtyrers Stephanus – mit einer einfachen Oktave;
  • Am 27. Dezember das Fest des hl. Evangelisten und Apostels Johannes – – mit einer einfachen Oktave;
  • Am 28. Dezember das Fest der Unschuldigen Kinder – mit einer einfachen Oktave.

Praktisch sieht es so aus, dass zuerst das eigentliche Fest fällt, d.h. am 25. Weihnachten, am 26. Hl. Stephan etc., das höher wiegt als die Oktave, sodass am zweiten Tag der Oktave von Weihnachten hl. Stephan gefeiert und die Weihnachtsoktav nur kommemoriert wird. Dies bedeutet, dass man nur die Antiphonen zu Vesper und Laudes samt dem Tagesgebet des kommemorierten Festes aufsagt.

Bedeutet das, dass man seit 1568 niemals den dritten Tag der St. Stephanus Oktav betet?

Richtig, das bedeutet es. Es sei denn man schaut im Octavarium Romanum nach. So wie wir aber unsere lieben Geistlichen kennen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand daran verzweifelte nicht alle Oktaven beten zu können, recht gering.

Jeder, der die Oktaven im Tridentinischen Brevier und teilweise im Divino Afflatu Brevier betet, erfährt durch die zusätzlichen Lesungen eine Wissensfülle, die das Fest betreffen, die er sonst gar nicht erfahren hätte. Die Predigten waren wohl früher weniger dürftig, weil man viel mehr wusste, was man weitervermitteln konnte. Die Priester hatten durch die Oktaven mehr Wissen und Gnaden, die Gläubigen hatten zumindest mehr verschiedene Oktavgnaden, wenn sie während einer Oktav täglich zur Messe gingen.

In Polen gibt es bis heute, sogar in Novus Ordo, den Brauch der Fronleichnam-Oktav, wo man täglich die Messe feiert und mit einer Fronleichnam-Prozession um die Kirche herum abschließt. Die Fronleichnam-Oktav wird immer noch gut besucht, weil sie schön ist. Vielleicht spüren auch manche die verströmende Oktavgnade.

Die Bosheit der Abschaffung

Es findet sich wirklich kein anderer Grund für die Abschaffung der Oktaven als der die Gläubigen dieser Gnaden zu berauben. Denn alle Breviere sind so konzipiert, dass auch der Dümmste sie beten kann, man braucht selbst nichts umzurechnen. Diese Oktaven wurden, was die Messen betrifft, seit Jahrhunderten so begannen und haben auch einige Bräuche generiert. Die Priester waren die Oktaven gewohnt, die Gläubigen auch.

Nehmen wir für einen kurzen Moment das Narrativ der „Reformer“ an:

  1. Liturgie wirkt nicht.
  2. Priester wussten nicht, was sie beteten, weil sie nur schlecht Latein konnten.
  3. Die Gläubigen wussten schon gar nicht, was da vorne ablief, weil sie überhaupt kein Latein konnten.

Ad 1. Wenn die Liturgie nicht wirkt, dann wirkten die Oktaven auch nicht. Wozu sie also abschaffen, wenn sie ohnehin nicht wirken?

Ad 2. Wenn die Priester nur aus Gewohnheit zelebrierten, warum ihnen noch diese Gewohnheit wegnehmen, die sie noch bei der Stange hält?

Ad 3. Wenn die Gläubigen nichts verstanden, aber dennoch in die Kirche gingen, so nahmen sie etwas Non-Verbales wahr, was auf einer Ebene passierte, die über die Verstandesebene hinausreichte. Was darauf schließen würde, dass die Liturgie doch wirkt.

Man könnte das Wegfallen der Oktaven für die geistliche Gesundheit damit vergleichen, dass man in Mai keine Spargeln, im Sommer keine Beeren und im Herbst keine Äpfel, Birnen und Pflaumen essen darf. Diese Nahrung fällt nicht gänzlich weg, sie wird aber nur an einem Tag, statt einer ganzen Periode, verabreicht.

Stirbt man gleich davon?

Nein, man bekommt aber nach und nach Skorbut, weil man an Vitaminmangel leidet. Während aber die Reformen von 1955 uns nur die liturgischen Vitamine wegnahmen, nahm der Novus Ordo Missae fast die ganze Nahrung weg.

Wenn Gnade etwas Reales ist und die Liturgie diese vermittelt, dann ist doch der jetzige moralischen und zivilisatorischen Kollaps auf die fehlende Gnade zurückzuführen. Jetzt sind wir alle ausgehungert und haben Skorbut, dank den Reformern.

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