Grant Gallicho, Der wundersame Fall des Carols Urrutigoity (3)

Kanonische Untersuchung

Urrutigoity traf Timlin kurz danach und verneinte Fellays Behauptungen. Ungefähr fünf Monate später sandte Timlin drei Personen, die Selinger interviewen sollten: Weihbischof John Dougherty, den damaligen Generalvikar Fr. Joseph Kopacz und einen Laien, Rechtsanwalt der Diözese, Francis X. O’Connor. In einem Protokoll des Treffens, das für Timlin geschrieben wurde, fassten die drei lt. einer Presseunterrichtung, die vom Internen Untersuchungsausschuss der Diözese 2002 vorbereitet worden war, zusammen:

„Alle Prüfer sind geneigt, Matthew Selinger zu glauben“.

Als jedoch die Institutionelle Prüfungskommission (IRB) 1999 den Fall prüfte, empfahl sie nicht, Urrutigoity zu suspendieren. „Der Beschuldigte bestreitet nicht nur die Anschuldigung, sondern die anderen Parteien machten Andeutungen, welche die Kraft von vielem abzumildern scheinen, was vom Kläger berichtet worden war“, so das Protokoll eines Treffens der IRB.

„Bischof Timlins Meinung ist, dass ohne weitere Erkenntnisse, die derzeit nicht verfügbar sind, ein Ergebnis in diesem Fall nicht erzielt werden kann.“

Die Protokolle stellen die Glaubwürdigkeit von Selingers Anschuldigungen nicht in Frage.

Er konkretisierte diese Anschuldigungen vier Jahre später unter Eid, den er in Zusammenhang mit dem Gerichtsverfahren von 2002 ablegte. Während dieser eidesstattlichen Aussage sprach Selinger noch einmal über sein Verhältnis zu Urrutigoity. Der Priester, damals Lehrer am Seminar, war Selingers Spiritual und Beichtvater.

Bizarre Praktiken einer “Elitetruppe”

Auf die Frage, wie die Gesellschaft des Hl. Johannes begonnen hatte, sagte, Selinger:

„Sie wollten Heilige, und sie wollten sie jetzt, mehr oder weniger eine Elite.“

Das erste Mal als er Urrutigoity traf, sagte Selinger, schlug der Priester vor, dass er und ein anderer Seminarist nackt schwimmen sollten.

In einem Jahr gab Selinger in der Fastenzeit Fleischkonsum auf. „Ich litt an Verstopfung.“ Er bat Urrutigoity ihm zu helfen, Metamucil [ein im Darm aufquellendes Abführmittel] zu bekommen, aber der Priester kam mit Zäpfchen zurück. Da er so etwas noch nie gesehen hatte versuchte Selinger, diese oral [über den Mund] einzunehmen. Urrutigoity korrigierte ihn. Als Selinger ins Badezimmer gehen wollte, fragte Urrutigoity, „Was tun Sie?“ Selinger erklärte, dass er das Zäpfchen privatim einführen wolle, doch Urrutigoity bestand darauf. „Was, bin ich nicht Ihr Freund?“ Selinger antwortete, dass er nicht „wollte, dass (seine Freunde) ihm“ im Badezimmer „zusehen.“ „Dies ist ein Teil deines Stolzes, Matt,“ stellte Urrutigoity fest. Nach Selinger sagte der Priester, dass weil der Seminarist aus „einem rauen Umfeld“ komme und von seiner „Kraft, alles [selbst] zu tun“ abhänge, der Priester Selingers „Stolz brechen“ müsse, damit „Gott in [sein] Herz eingelassen werden könne.“ Selinger ging dennoch ins Bad. „Er wurde richtig sauer auf mich.“

Urrutigoity legte lt. Selinger großen Wert auf Loyalität.

„Er war der Meinung, dass man als Kollegen [auch als Kumpel zu übersetzen, d. Übs.] alles füreinander tut. So sehr, Freundschaft im übernatürlichen Bereich sind wir Freunde, wissen Sie, wir haben den selben Glauben und alles, sie ist tiefer.“

Weil beide katholisch waren glaubte Urrutigoity, dass „wir geistlich nahe waren“, fuhr Selinger fort. „Wir waren eins.“ Im Grunde, „wenn [in der Ehe] zwei eins werden, warum können Freunde nicht eins werden?“  Diese Ansichten hatte Urrutigoity offensichtlich auf dem Schirm, der nach Aussage von Selinger das folgende Bibelzitat anzeigte: Ego et Pater unum sumus. Ich und der Vater sind eins.

Bei einigen wenigen Gelegenheiten gingen Urrutigoity und Selinger in den Pausen gemeinsam nach Hause. „Er war fasziniert von dem Gedanken, dass ich mit drei Brüdern aufgewachsen war“, sagte Selinger. „Er fragte mich, wo wir alle schliefen.“ Die Selingers hatten nicht viel Geld, „so schliefen wir alle im selben Bett.“

Wie man schlief wurde ein Thema, nachdem Urrutigoity aus dem Seminar in Winona ausgeschlossen worden war. Er und die Männer, die mit ihm das Seminar verließen – einschließlich Selinger – blieben schließlich bei einem von Urrutigoitys Freunden. Zunächst waren, nach Selinger, genügend Betten da. Aber dann kamen mehr Leute, und Urrutigoity schlug vor, dass sich zwei zusammen ins Bett legen sollten.

Hier wurde Selinger unzufrieden. Er war nicht glücklich über die Kunstwerke in dem Haus. Die Bilder nackter Frauen waren zu verführerisch. Noch beunruhigender: er sah keinen Beweis für den spirituellen Rigorismus von dem Urrutigoity sagte, dieser habe ihn motiviert, die Gesellschaft des Hl. Johannes zu schaffen.

„Niemand trug eine Soutane“, und „ich sah niemanden das Brevier beten.“

Er sah auch niemanden den Rosenkranz beten. „Der Sinn von alledem war jedoch, dass wir das, was zu tun war, in Gemeinschaft taten“, sagte Selinger. Als Urrutigoity also anbot, ein Bett mit Selinger zu teilen, um Raum für neue Gäste zu schaffen, war er nicht geneigt, dies zu akzeptieren. Stattdessen schlief er auf dem Boden – als Opfer, sagte er Urrutigoity -, in der Hoffnung, dass der Priester zufrieden sei. Er war zufrieden – für den Moment.

Später in dieser Nacht, sagte Selinger, wachte er auf und fand Urrutigoitys Hand auf seinem Penis. Schockiert und hin- und her gerissen zwischen dem Drang, den Priester zu schlagen und der Furcht, einen Mann Gottes zu verletzen –

„mein Vater sagte mir einmal, dass ein Typ einen Priester schlug und sein Arm daraufhin für immer gefroren war“ –

rollte sich Selinger zur Seite und gab vor, nichts zu bemerken. Da er besorgt war, dass Urrutigoity es in der folgenden Nacht wieder versuchen werde versuchte Selinger, tagsüber immer wieder ein Nickerchen zu machen, so dass er [in der Nacht] wach bleiben konnte.

Urrutigoity näherte sich in dieser Nacht wieder Selingers Bett, „offensichtlich, um das zu tun, was er in der Nacht zuvor getan hatte“, aber diesmal spielte Selinger ihn aus und fragte Urrutigoity, ob er Schlafstörungen habe. Der Kleriker behauptete, „in meinem Schlaf Versuchungen“ zu haben, „Träume von Mädchen“, und dass er an Selingers Bett beten wolle, so Selinger. Wenige Tage später stellte Selinger Urrutigoity zur Rede und sagte, der Priester brauche psychologische Hilfe; dann verließ der die Gesellschaft des Hl. Johannes und kehrte zu seiner Familie zurück.

Fast augenblicklich wusste Selingers Vater, dass etwas nicht stimmte. Schließlich sagte er seinem Vater, was geschehen war. Dieser rief Fr. Eric Ensey an, der im Gegenzug Selinger anrief und ihn nach Kalifornien einlud. Dort teilte Selinger Fr. Ensey mit, was mit Urrutigoity geschehen war, so Selingers Zeugenaussage. Selinger sagte, dass Ensey versprach, Urrutigoity zur Rede zu stellen. Einige Wochen später, sagte Selinger, berichtete Ensey ihm, dass Urrutigoity „es zugegeben“ hatte.

Quelle

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